Neustadt Die Sieger schreiben die Geschichte
«Hassloch». Schon von seiner äußeren Erscheinung her hat dieses Buch ganz klar das Zeug zum Standardwerk: Lexikonformat, 864 Seiten, fast zwei Kilo Gewicht bringt „Roms Aufstieg zur Weltmacht“ auf die Waage, in dem der Haßlocher Historiker Gunnar Manz das Zeitalter der Punischen Kriege behandelt, den erbittert geführten Konflikt zwischen Rom und Karthago um die Vorherrschaft im westlichen Mittelmeerraum. Es bietet eine beeindruckende Analyse dieser fernen Zeit, in der sich Grundmuster erkennen lassen, die die Weltpolitik bis heute prägen.
Der edel gestaltete Band schildert die Entwicklung der Beziehung zwischen der im neunten vorchristlichen Jahrhundert von phönizischen Siedlern im Gebiet des heutigen Tunesiens gegründeten Handelsmetropole und der führenden Macht Italiens vom ersten römisch-karthagischen Vertrag im sechsten vorchristlichen Jahrhundert bis zur Vernichtung Karthagos im Jahr 146 v. Chr. Natürlich spielt dabei auch der berühmte karthagische Feldherr Hannibal, der den Römern im Zweiten Punischen Krieg zwischen 218 und 201 v. Chr. mehr als einmal katastrophale Niederlagen beibrachte, und dessen spektakuläre Alpenüberquerung eine zentrale Rolle. Konzipiert hat Manz das im renommierten Wissenschaftsverlag Springer erschienene Buch dabei als wissenschaftliches, aber trotzdem allgemeinverständliches Überblickswerk, das sich sowohl an Fachleute, Studenten der Alten Geschichte etwa, als auch interessierte Laien richtet. Der Ausgangspunkt war für den 1980 in Ludwigshafen geborenen Autor, der seit 2014 in Haßloch lebt, seine 2007 abgeschlossene Magisterarbeit an der Uni Landau, die den Zweiten Punischen Krieg zum Thema hatte. „Ich hatte damals schon den Plan im Hinterkopf, das zu einer Gesamtdarstellung des karthagisch-römischen Konflikts auszubauen“, erzählt der 36-Jährige, „denn so etwas fehlte in der Literatur“. Dass es dann zehn Jahre dauerte, bis er endlich den fertigen Band in Händen halten konnte, lag nicht nur an der Größe der Aufgabe, sondern auch an dem Umstand, dass Manz das Projekt neben seiner normalen beruflichen Tätigkeit bewältigen musste: Nach Abschluss seines Studiums in Geschichte und Musikwissenschaft in Landau absolvierte er 2008-10 ein Volontariat beim Frankfurter Taschenbuchverlag und ist seitdem selbst bei einem Wissenschaftsverlag beschäftigt: 2011-15 zunächst bei Metzler in Stuttgart, einem der traditionsreichsten deutschen Verlage insbesondere im Bereich der Geisteswissenschaften, und seit 2015 im Vertrieb bei Harrassowitz in Wiesbaden. Dafür nimmt Manz, dessen Familie aus Böhl-Iggelheim stammt, dreieinhalb Stunden Pendelei jeden Tag in Kauf. Obwohl er also über intime Kenntnisse der Verlagsbranche verfügt, war sein eigenes Buchprojekt dennoch kein Selbstläufer: Zunächst habe er sich an mehrere kleinere Verlage gewandt, berichtet der Haßlocher, ohne dabei recht weiterzukommen. 2015 ergab sich dann über Umwege der Kontakt zu Springer, einem der Schwergewichte unter den internationalen Wissenschaftsverlagen. Doch auch wenn man sich dort sehr angetan von dem Projekt zeigte, musste Manz doch erst einmal selbst in die Tasche greifen, um zum Zug zu kommen: „Es ist sehr schwierig, heute im wissenschaftlichen Bereich ohne Druckkostenvorschuss zu publizieren“, erklärt er. Als besonders kostenträchtig erwiesen sich dabei die Bildrechte und die aufwendigen Schlachtenskizzen, die er in Zusammenarbeit mit einem Berliner Grafiker eigens angefertigt hat. Dafür erhält der Leser nun aber auch ein optisch sehr ansprechendes Buch mit vielen farbigen Abbildungen und Grafiken, das sich in dieser Hinsicht deutlich von dem von Klaus Zimmermann in der Reihe „Geschichte kompakt“ in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft herausgebrachten Buch zum gleichen Thema unterscheidet, auf das Studenten bisher meist zurückgegriffen haben, wenn sie sich in kompakter Form über den Zusammenprall zwischen Rom und Karthago informieren wollten. Inhaltlich geht es in Manz’ Darstellung primär um die Ereignisgeschichte auf der Grundlage der historischen, in gewissem Umfang auch der archäologischen Überlieferung. Die antiken Quellen werden kritisch eingeordnet und eingehend mit der modernen Forschungsliteratur konfrontiert, wobei deutschsprachige und angloamerikanische Studien das Literaturverzeichnis dominieren. Klar erkennbar ist dabei das Bestreben, zu einer plausiblen Erklärung der Vorgänge und der Motive der Handelnden zu gelangen, was dem Autor auch sehr gut gelingt. Wie schwierig dies ist, ergibt sich schon allein aus dem Umstand, dass sich praktisch keinerlei karthagische Schriftquellen erhalten haben. Schon damals schrieben eben die Sieger die Geschichte. Gerade bei der Frage, wer denn nun jeweils konkret die Verantwortung für den Ausbruch des Krieges hatte und was die Römer zuletzt veranlasste, die ohnehin schon geschwächte Rivalin gänzlich zu zerstören, wären objektive Quellen natürlich sehr hilfreich. „Die Kriegsschuldfrage ist äußerst spannend“, betont Manz, und weist dabei auf das Selbstverständnis Roms hin, das immer das Ziel, „gerechte Kriege“ zu führen, verfolgt habe und dabei auch viele Tricks anwandte, um letztlich immer den Gegner als Aggressor darzustellen. Das Mittel der Wahl waren dabei oft Bündnisverträge mit kleineren Mächten, die sich ohnehin schon in latenten Konflikten mit Karthago befanden und dann das große Rom als Schutzmacht auf den Plan riefen. Dabei lässt Manz wenig Zweifel daran aufkommen, dass letztlich Rom mit seiner auf beständige Expansion ausgerichteten Militärmaschinerie der eigentliche Kriegstreiber war. Karthagos Interessen seien dagegen vor allem handelpolitischer Natur gewesen. Dennoch lehnt er eine pauschale Verurteilung ab: „Die Römer glaubten wahrscheinlich tatsächlich, dass sie gerechte Kriege führten, und sie fühlten sich sehr schnell bedroht.“ Das ist ein Muster, das bis heute bei vielen internationalen Konflikten zu beobachten ist. Hans-Jürgen Wünschel, akademischer Direktor des historischen Seminars der Universität Landau, nennt da in seinem Vorwort zu dem Buch auch ein paar aktuelle Beispiele. „Ich dachte zwischenzeitlich schon immer mal wieder, dass ich mir da etwas zuviel zugemutet habe“, blickt Manz heute auf die zehnjährige Entstehung seines Buchs zurück. Doch jetzt, wo er es fertig vor sich liegen hat, ist er vor allem stolz – auch wenn er betont, dass er kein ähnliches Projekt mehr in Angriff nehmen werde. Tatsächlich ist ihm mit „Roms Aufstieg zur Weltmacht“ eine sehr fundierte Gesamtschau der Epoche der Punischen Kriege gelungen, die sich flüssig liest und in ihren Schlussfolgerungen gut nachvollziehbar ist. Dass man dabei auch noch etwas für die Gegenwart lernen kann, ist ein schöner Nebeneffekt, sollte aber sicher nicht der alleinige Antrieb zur Lektüre sein. Geschichte (und Geschichtsschreibung) ist schließlich kein Steinbruch, sondern hat eine Daseinsberechtigung aus sich selbst heraus. Lesezeichen Gunnar Manz: Roms Aufstieg zur Weltmacht. Das Zeitalter der Punischen Kriege. Hardcover, Springer-Verlag, 864 Seiten, 39,99 Euro.