Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel „Die Muttersprache ist wie ein Kokon“ – Interview mit Emmanuelle Mei, die die neue Chanson-Reihe im Casimirianum eröffnet

Weibliche Themen, aber kein militanter Feminismus: „Manifeste du Sans Dessous“, der Titelsong der im vergangenen Jahr erschienen
Weibliche Themen, aber kein militanter Feminismus: »Manifeste du Sans Dessous«, der Titelsong der im vergangenen Jahr erschienenen Debüt-CD von Emmanuelle Mei, feiert zum Beispiel die Befreiung vom BH.

Interview: Viele (auch jüngere) Menschen für die französische Kultur begeistern, das ist das Ziel einer neuen Neustadter Chansonreihe im Casimirianum. Zum Auftakt kommt Emmanuelle Mei, die interessanterweise in Deutschland zur Chansonsängerin und -komponistin wurde. Holger Pöschl hat sich mit ihr darüber unterhalten, wie es dazu kam, aber auch über ihr Debütalbum „Sans Dessous“, das von den Lebenserfahrung einer Frau in einer phallozentrischen Gesellschaft handelt.

Frau Mei, ich habe gelesen, dass Sie in einem Schneesturm in München zur Chansonsängerin geworden sind. Wie kam das denn?
Ja, das war an einem Morgen im März 2019. Ich habe an einer Haltestelle auf meinen Bus gewartet, und da war eine junge Frau, ganz leicht bekleidet, mit Minirock. Plötzlich begann es sehr heftig zu schneien. Sie war im Nu völlig eingehüllt vom Schnee, und genau in dem Moment hatte ich ein Lied im Kopf, um diese schöne Szene zu beschreiben. Ich hatte bis dahin noch nie ein Lied geschrieben, und ich wusste auch nicht, dass ich es kann. Aber als ich das fertige Chanson dann noch am Abend des gleichen Tages einem Freund vortrug, der sehr kritisch ist, und er sagte: „Das ist ein gutes Lied“, da war das die Wende. Da wusste ich, dass ich weitere Lieder schreiben kann.

Was hat Sie denn als Französin überhaupt nach Deutschland verschlagen?
Die Liebe. Ich stamme aus Paris und habe dort, in England und in den USA Jura studiert. Da ist man auf den ersten Blick natürlich nicht dazu prädestiniert, nach Deutschland zu kommen. Aber in den USA habe ich eben auch meinen heutigen Mann kennengelernt, und der ist Deutscher. Es war dann unsere gemeinsame Entscheidung, uns in seinem Land niederlassen, und das war sicher eine der besten meines Lebens.

Aber ist es nicht schwierig, als Sängerin, die ihre Texte selbst schreibt, in einem nicht-frankophonen Land zu leben, in der Diaspora sozusagen?
Ja und nein. Zum Schreiben und Komponieren meiner Lieder bin ich sehr gern in einem fremden Land, denn meine Muttersprache ist hier wie ein Kokon. Das hat damit zu tun, dass ich sehr oft über sehr intime Dinge schreibe. Da bin ich froh, dass ich die einzige im Haus bin, die vollständig versteht, worum es geht. Das hat etwa Befreiendes. Mit den Konzerten ist es natürlich etwas anderes. Ich bin natürlich auf Auftritte in Frankreich, Belgien oder Luxemburg angewiesen. Und in Deutschland hatte ich zunächst mächtig Angst vor der Sprachbarriere. Ich habe inzwischen aber verstanden, dass ich die Show in Deutschland ganz anders vorbereiten muss als in Frankreich. Viel mehr erklären zum Beispiel ....

Sie sind, wie Sie ja schon erwähnt haben, ursprünglich gar nicht Musikerin, sondern Juristin. Ihre Text sind aber sehr poetisch. Wie passt das zusammen: Poesie und Paragrafen?
Ich bin vermutlich eine sehr schlechte Juristin (lacht). Ich interessiere mich nicht übermäßig für Paragrafen, denn das ist tatsächlich eine sehr trockene Materie. Ich mag aber die Arbeit mit der Sprache, die Art und Weise, wie man die Paragrafen benutzt, um etwas zu verteidigen. Aber natürlich kann ich mir beim Singen viel mehr Phantasie erlauben.

Was inspiriert Sie zu Ihren Liedern? Gehen Sie wirklich raus und steigen aufs Fahrrad, wie Sie in einem Ihrer Chansons singen?
Das passiert tatsächlich sehr oft. Aber ich kann im Grunde überall Inspiration finden, beim Duschen, beim Lesen, beim Spazieren-Gehen, beim Diskutieren mit Freunden. Alles ist Stoff für mich, wobei ich die Themen aber immer spontan auf mich zukommen lasse. Ich versuche nie zwanghaft, ein Lied zu schreiben. Allerdings arbeite ich daran, hier etwas unabhängiger von der Intuition zu werden. Demnächst mache ich einen Kurs bei Claude Lemesle in Paris, dem Monsieur Chanson schlechthin, und er ist der Meinung: Die Inspiration muss nicht zum Dichter kommen, sondern der Dichter zur Inspiration.

„Manifeste du Sans Dessous“, der Titelsong Ihrer im vergangenen Jahr erschienenen Debüt-CD, feiert die Befreiung vom BH. Wie kamen Sie auf dieses Thema?
Ich brauche einfach keinen mit meinen kleinen Brüsten. Aber es gibt eben diese soziale Pflicht bis hin zu manchen Arbeitsverträgen, die das Tragen vorschreiben. Ich wollte sagen: Die Frauen sollen frei sein, das selbst zu entscheiden ... (überlegt) Und es geht auch um das Selbstbild: Wir haben alle dieses Bild vom perfekten Busen in Form eines halben Apfels vor Augen, aber die Realität sieht ganz anders aus.

Es geht also schon auch ein bisschen um ein feministisches Anliegen?
Das ganze Album ist davon geprägt. Aber ich stelle mich nicht hin mit dem Vorsatz: Heute schreibe ich ein feministisches Lied. Es geht eher allgemein um die Beziehung zu meiner Weiblichkeit, um den Körper und die Lebenserfahrung einer Frau in einer ... ja, sagen wir es ruhig, phallozentrischen Gesellschaft. Es ist aber eben nicht militant feministisch.

Ein anderes Ihrer Lieder heißt „La Revanche de la Groupie du Pianiste“ und bezieht sich dem Titel nach auf einen Chansonklassiker von Michel Berger. Wo sehen Sie sich selbst in der großen Linie des frankophonen Chansons?
Das ist eine schwierige Frage. Ich bin ja noch so klein (lacht). Aber natürlich gibt es Vorbilder, die einen beeinflussen. Bei „Manifeste du Sans Dessous“ zum Beispiel besteht eine offensichtliche Verbindung zu Georges Brassens, und das wollte ich auch. Ansonsten sind vor allem aufgrund der intimen Themen Anne Sylvestre, Jeanne Cherhal oder Lynda Lemay die drei Namen, die meistens genannt werden, wenn man meine Lieder beschreiben will. Aber ich hoffe, dass ich authentisch genug bin, um meinen eigenen Weg zu gehen. Ich bin ich.

Sie sind im Frühjahr auch in der „Kammgarn“ in Kaiserslautern aufgetreten. Wie nimmt das Publikum in Deutschland denn Ihre Lieder auf? Die Texte sind ja schon recht anspruchsvoll. Ohne gute Französisch-Kenntnisse kommt man da nicht weit …
Ja, es kommt natürlich darauf an, das Publikum ein bisschen bei der Hand zu nehmen, zu erklären, worum es geht. Andererseits war ich neulich selbst bei einem Fado-Konzert, und da kann man auch mitweinen, ohne Portugiesisch zu können. Ich denke, es gibt zudem auch in Deutschland sehr viele Leute, die französische Chansons lieben. Das Konzert in der „Kammgarn“ zum Beispiel war ausverkauft, obwohl zeitgleich der 1. FCK ein Heimspiel hatte (lacht).

Und was sind nun die nächsten Schritte in Ihrer noch jungen Karriere? Wird es schon bald wieder ein neues Album geben?
Ich bin jetzt seit zwei Jahren mit der „Sans Dessous“-Show auf Tour und verspüre tatsächlich langsam den Wunsch, ein neues Programm mit neuen Liedern auf den Weg zu bringen. Aber jetzt stehen erst einmal noch einige schöne Konzerte im Herbst an, und danach nehme ich mir eine kleine Auszeit zum Nachdenken.

Zur Person: Emmanuelle Mei

Emmanuelle Mei Tang wurde in Paris geboren als Tochter einer Französin und eines Kambodschaners mit chinesischen Wurzeln. Ihr Zweit- und Künstlername Mei bedeutet auf Chinesisch Pflaumenblüte. Von Haus aus Juristin nahm sie erst 2021 in Deutschland, wo sie seit acht Jahren lebt, ihr erstes Album mit dem Titel „Sans Dessous“ auf, dessen Musik und Texte sie alle selbst geschrieben hat. In ihren Liedern spricht sie über ihre Vorlieben, aber auch alltägliche Beobachtungen und immer wieder von sehr intimen Dingen. 2022 gewann sie die Wettbewerbe „De la Plume à la Scène“ und „Chansons de Paroles“ in Frankreich. Sie lebt in München, wird Ende des Jahres aber mit ihrem Mann nach Trier übersiedeln, in ein frisch erworbenes Haus, das derzeit renoviert wird.

Termine

Emmanuelle Mei bestreitet am Freitag, 13. Oktober, 19 Uhr im Casimirianum in Neustadt gemeinsam mit Christophe Haunold (Klavier und Akkordeon) das erste Konzert der neuen Neustadter Chanson-Reihe „Vendredi, je chante“. Karten (20 Euro) über Martina Horak-Werz (06321 398934, 01785598311 oder martina.horak-werz@evkirchepfalz.de), Bildungsbeauftragte im protestantischen Kirchenbezirk Neustadt, der neben der Deutsch-französischen Gesellschaft Veranstalter der Reihe ist, oder in der Buchhandlung Quodlibet. Weitere Termine: 1. Dezember, Marie Baraton en trio; 12. Januar, Abyr et Sebka; 16. Februar, Justine Jérémie.

x