Neustadt
Die Macht der Zahlen: Mathe-Mind Johannes Mensing im Roxy-Kino
Die Mathematik zum Inhalt einer literarischen Lesung zu machen ist recht ungewöhnlich. Auch der Slogan „Mathe kann jeder“ ist eine Ansage, die neugierig macht. „Ich liebe Mathematik, meine Enkel aber leider gar nicht, vielleicht kann ich einige Anregungen mitnehmen“, hofft eine Zuschauerin. Die Erwartung, dass viele Jugendliche die Präsentation am Sonntag im Neustadter Roxy-Kino besuchen, um ihren Influencer live kennenzulernen, erfüllt sich nicht. Es gibt zwar Schüler im Publikum – die Empfehlung ist ab 12 Jahren –, die meisten Zuhörer gehören aber eher der Großelterngeneration an.
Die Lesung ist Abschluss der Aktionswoche „Neustadt liest ein Buch“, bei der der Roman „Pi mal Daumen“ von Alina Bronsky im Mittelpunkt stand, und der dreht sich ganz wesentlich um Mathematik. Außerdem wurde Neustadt bereits dreimal als „MINT-Region ausgezeichnet, die die Fachbereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik besonders fördern möchte.
Eine Viertel-Milliarde Zugriffe auf Social Media
Mensings Grundthese ist, dass jeder Mathematik lernen und – fast noch wichtiger – Spaß daran haben könne, sobald die Motivation stimme. Mathematik sei überall. Das möchte der Mathematiker, der auf Lehramt studierte und bereits während des Studiums Videos zum Thema veröffentlichte, was zur Gründung seiner Firma „Mathe-Mind“ führte, mit seinem Vortrag beweisen. Noch ausführlicher erklärt er es im Buch „Mathe kann jeder“, ein Bestseller, den er zusammen mit Josef Naber geschrieben hat. Die Jugendlichen erreicht er vor allem über die sozialen Medien: Die im eigenen Studio in Münster produzierten Videos, veröffentlicht er über Tik-Tok, Instagram und Youtube.
„Mathe-Mind“ hat 40 000 Follower, insgesamt gab es seit dem ersten Video 2020 eine Viertel-Milliarde Zugriffe, Viele Lehrer, so berichtet Mensing, nutzen seine einminütigen Kurzfilme als Unterrichtseinstieg. Die Schüler dagegen hoffen durch die Anleitungen schnelle Lernerfolge zu erzielen. Zu diesem Zweck habe er etwa ein Video eingestellt, das ein Verfahren vorstellt, mit dessen Hilfe man leichter eine Zahl durch fünf dividieren könne. Hauptziel sei aber, so der Pädagoge, die Schüler für Mathe zu begeistern, indem er beweist, dass die Welt von Mathematik durchdrungen ist – und Mathe deshalb ein sinnvolles, praktisches Fach sei.
Als bildhaftes Beispiel seiner These präsentiert er im Vortrag die „Fibonacci-Folge“, die der Pisaner Mathematiker Leonardo Fibonacci (etwa 1170-1240) entdeckt hat. So wird eine mathematische Zahlenreihe genannt, bei der jede Zahl die Summe der beiden vorherigen ist. Stellt man die Zahlenfolge als Quadrate dar, zeichnet Viertelkreise in diese und verbindet die Kreise miteinander, entsteht die „Fibonacci-Spirale“, die eng mit dem „Goldenen Schnitt“ in der Kunst verwandt ist. Eine Wendeltreppe werde zum Beispiel als besonders harmonisch empfunden, wenn sie der Fibonacci-Spirale entspreche, so Mensing. Auch folge der Blick des Betrachters von Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ dieser Spirale, weshalb das Portrait als besonders harmonisch empfunden werde. Sogar die Form eines Schneckenhauses lasse sich mit diesem Muster erklären.
Mit gefaltetem Papier zum Mond
Im weiteren Vortrag demonstriert der Mathematiker die Verwendung von irrationalen Zahlen, zeigt wie Computer und Handys das Binärsystem nutzen, wie QR-Codes ausgelesen werden und stellt witzige Textaufgaben, etwa wie man mit Hilfe der Mathematik Steuerbetrügern auf die Schliche kommen könne oder wie man ausrechnen könne, wie oft man ein Papier falten müsse, damit es bis zum Mond reiche. Das erstaunliche Ergebnis: nur 42 Mal. Eine Rechenoperation, die exponentielles Wachstum veranschaulicht, ein Begriff, den alle noch aus Corona-Zeiten kennen. „Mit solchen Textaufgaben fordern meine Zuschauer auch gerne mal Lehrer heraus“, grinst Mensing.
Nun, kann durch solche Fallbeispiele jeder Mathe? Das vielleicht nicht, aber es macht Lust, sich intensiver damit zu beschäftigen. Und Motivation hilft beim Lernen. Folgerichtig will sich Mensing in seinem nächste Buch diesem Thema zuwenden. Es trägt den Titel „Lernen kann jeder“.