Neustadt Die Liebe in Zeiten des Internets

Ein E-Mail-Irrläufer steht am Anfang von „Gut gegen Nordwind“: Danach kommen Emmi (Alexandra Kamp) und Leo (Ronald Spiess) nicht
Ein E-Mail-Irrläufer steht am Anfang von »Gut gegen Nordwind«: Danach kommen Emmi (Alexandra Kamp) und Leo (Ronald Spiess) nicht mehr voneinander los, obwohl sie sich nie persönlich begegnen.

«Deidesheim». Daniel Glattauers Roman „Gut gegen Nordwind“ ist eine Liebesgeschichte, die in Form eines Mail-Wechsels der Protagonisten erzählt wird. Kann man E-Mails auf die Bühne bringen? Ja, und das klappt sogar erstaunlich gut, wie Alexandra Kamp und Roland Spiess am Donnerstag bei ihrem Gastspiel im ausverkauften Boulevardtheater Deidesheim bewiesen.

Eigentlich wollte Emmi Rothner nur ihr Zeitschriftenabonnement kündigen, aber weil sie sich in der Adresse vertippt, landet ihre Mail bei Leo Leike. Als sich der Fehler wiederholt, macht er sie darauf aufmerksam – und kommentiert nebenbei das Schreibverhalten der Frau. Das macht sie neugierig. Leo ist eigentlich nicht interessiert, reagiert auf Emmis digitalen Annäherungsversuch mit Ironie und ein bisschen herablassend. Das aber reizt Emmi nur noch mehr. Denn ganz offensichtlich ist der Mann auf der anderen Seite nicht dumm, hat Humor und versteht, sich gewählt auszudrücken. Leo wiederum merkt, dass Emmi wohl auch ganz aufgeweckt ist, selbstbewusst, aber auch gerade das bisschen Schusseligkeit oder Verpeiltheit hat, das sein männliches Besserwissen kitzelt. So entsteht aus gegenseitigem Gefrotzel ein anhaltender Mailwechsel. Schrieben sie sich anfangs alle zwei, drei Tage, werden es später tägliche Mails, schließlich ganze Mail-Konversationen. Natürlich bleibt es da nicht aus, dass beide Schritt für Schritt ein bisschen mehr von sich preisgeben. Und so kommen sie sich näher. Entwickeln Fantasien. Stellen sich ihr Gegenüber vor. Der Österreicher Daniel Glattauer hat seinen Roman 2006 veröffentlicht, und der wurde schnell ein Bestseller. Schon 2009 hat der Autor selbst mitgeholfen, daraus eine Bühnenfassung zu machen, die das Theater Josefstadt in Wien uraufgeführt hat. In Deidesheim braucht es so nicht viel, um das Stück in Szene zu setzen. In der Inszenierung von Dominik Paetzhold sehen die Zuschauer auf der rechten Seite Leos Zimmer mit Schreibtisch und Laptop, links in derselben Weise Emmis Zuhause. Die Mails werden auf zwei Arten dramaturgisch vermittelt: Entweder spricht der Absender, was dann die Nachricht an den Empfänger und ein bisschen auch innerer Monolog ist. Oder es liest der Empfänger die erhaltene Mail, was dann geschieht, wenn es besonders auf die Reaktion ankommt. Alexandra Kamp spielt ihre Emmi sehr deutlich, was der Figur aber ganz gut steht. Roland Spiess wirkt ein bisschen dezenter, vermittelt aber auch gut die Gefühlsturbulenzen, die noch entstehen sollen. Die Annäherung der beiden Figuren entwickelt sich sehr schön schlüssig, und auch in der Darstellung stimmt das Timing. Das Warten auf die nächste Mail wird tatsächlich als kurzes Anhalten der Handlung gezeigt und lässt die Zuschauer immer mehr mitfiebern. Weil eine tatsächliche Begegnung nicht stattfindet, beginnen die beiden, sich ihr Gegenüber in leuchtenden Farben auszumalen. Das geht so weit, dass sie befürchten, eine Treffen könnte desillusionierend wirken. Autor Glattauer hat das psychologisch schön plausibel nachgezeichnet. Doch die gegenseitige Anziehung wird immer stärker. Jetzt muss natürlich noch eine dramatische Wendung her. Emmi ist verheiratet – glücklich verheiratet. Und will es auch bleiben. Aber zugleich will sie Leo und die Zeit mit ihm, die so ganz anders als das schon ein wenig eingefahrene Familienleben ist. Aber Leo wird klar, dass unter diesen Umständen die Beziehung mit Emmi, die er sich eigentlich wünscht, nicht möglich ist. Das Stück lebt von dem intelligenten Witz der Hauptfiguren und ihrem Umgang miteinander. Die Annäherung der beiden wird nachvollziehbar, ebenso dass sich daraus tiefere Gefühle entwickeln. Die Bühnenfassung funktioniert sehr gut, was auch an den Schauspielern liegt. Wer nun wissen will, was aus den beiden wird: Es gibt eine Fortsetzung, die in Deidesheim wieder mit Alexandra Kamp und Ronald Spiess zu sehen sein wird. „Alle sieben Wellen“ stammt ebenfalls von Daniel Glattauer und wird am 26. Juni, 20 Uhr, im Boulevardtheater gespielt.

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