Neustadt Die kleinste Terrorzelle der Welt
Neustadt. Der Vorhang der fabelhaften „Bert Engel Show“ ist erst vor kurzem gefallen, da steht der Beginn des neuen Halbjahresprogramms der „Reblaus“ schon wieder fast bevor: Die Winterpause des Kleinkunstvereins endet bereits am 9. Januar – mit dem Ersatztermin für die im Februar 2015 wegen Krankheit ausgefallene Eva Eiselt, die mit ihrem Programm „Neurosen und andere Blumen“ bei ihrer „Reblaus“-Premiere eine Mischung aus Kabarett, Satire und nachhaltiger Unterhaltung verspricht.
Im dritten Solo-Programm der Kölnerin geht es unter anderem um die Irrungen und Wirrungen des postmodernen Lebens mit seinen digitalen Abgründen, handfesten Desastern und urkomischen Momenten für die absurde Ewigkeit. „Uns hat überzeugt, mit welcher Konstanz in der Spannung und einem Timing, das die Grenzen auszuloten vermag, ihre Figur fast beiläufig aktuelle Themen anspricht und vertieft. Uns hat auch die Souveränität überzeugt, in der sie sich der Unmittelbarkeit und Körperlichkeit einerseits, dem distanzierten Erzählen auf der anderen Seite bedient“, schrieben die Mitglieder anlässlich der Verleihung des Jurypreises „Goldener Rottweiler 2012“ über Eva Eiselt. Sie selbst trage es mit Fassung, dass sie als „marketingunverfälschter Rohdiamant der Kleinkunstszene“ gelte, schreibt die 40-Jährige über sich selbst. „Mutti reloaded“ hat Reiner Kröhnert sein aktuelles Programm überschrieben, mit dem er am 30. Januar einmal mehr zu Gast auf der „Reblaus“-Bühne sein wird. Tiefer denn je wolle er in die Merkel’sche Matrix eindringen, verspricht der begnadete Parodist, von dessen Vielseitigkeit sich die treuen Katakomben-Besucher zuletzt im März 2014 überzeugen konnten. Im Gegensatz zu seiner „Kröhnerts Krönung“-Tour, bei der er sich so ziemlich alle Politik- und Showgrößen vorgenommen hatte, geht es in seinem zehnten Solo-Programm (fast) ausschließlich um das „System Mutti“, an dem sich schon so mancher wortgewaltige Großintellektuelle die Zähne ausgebissen hat. Das Ergebnis seiner wagemutigen Expedition in die binären Schaltkreise der Kanzlerin will er mit seinem Publikum teilen. „Kröhnert aktualisiert sein Programm ständig, insofern darf man gespannt sein, wie er auf die aktuelle Lage reagieren wird“, sagt die „Reblaus“-Vorsitzende Heidi Kling. Auch wenn man so manchem Ehepaar durchaus Kabarettreife zuzusprechen geneigt ist, sind verheiratete Duos auf der Kleinkunstbühne eher selten: Mit „Ehnert vs. Ehnert“ ist die rare Spezies am 12. Februar in ihrem Programm „Zweikampfhasen“ zu besichtigen. In einer Welt volle Singles und One-Night-Stands beweisen Jennifer und Michael Ehnert, dass man durchaus nicht in der Lage sein kann, sich scheiden zu lassen, auch wenn beide alles tun, um den anderen fix und fertig zu machen. Die zweite Phase der Beziehungsschlacht des Schauspieler-Paars – ihr Debut feierten die Ehnerts mit „Küss langsam“ - führt das Publikum in den Alltag der kleinsten Terrorzelle der Welt und verspricht einen intellektuellen Schlagabtausch mit Anspruch. „Der kann das“ hat Frank Grischek sein zweites Solo-Programm überschrieben, das er am 4. März bei der „Reblaus“ vorstellt. Der stets übellaunige Akkordeonist beschäftigt sich darin unter anderem mit dem Klimawandel und bargeldlosem Zahlungsverkehr, was immer häufiger zum „Leerer-Hut-Phänomen“ bei Straßenkünstlern führt. Deshalb habe er es lieber auf Kleinkunstbühnen warm und trocken, schreibt Grischek über sich selbst. Dass man für schlechte Laune durchaus gefeiert werden kann, bewies der langjährige Begleiter von Henning Venske schon im März 2013, als er in Neustadt seine Solo-Premiere feierte. Er dürfte bei seinem neuerlichen Besuch in der Pfalz ebenso für volles Haus sorgen wie Jürgen Becker, der sich für 14. April angekündigt hat. Nachdem er sich im Januar 2013 in „Der Künstler ist anwesend“ der Kunstgeschichte gewidmet hatte, nimmt sich der Kölner in „Volksbegehren“ der Kulturgeschichte der Fortpflanzung an. In der ersten Aufführung nach der Premiere in Köln fragt er unter anderem, ob es die Religion vermag, dem Menschen die Scham zu erklären, die er angesichts seiner eigenen Triebhaftigkeit spürt, oder ob es vielleicht die Religion selbst ist, die den Menschen sich schämen lässt. Das Becker’sche Liebesspiel mit Worten will schließlich dafür sorgen, dass schöne Schenkel nicht nur im Bett betören, sondern auch gelegentlich zum darauf klopfen geeignet sind. Statt wie noch im Programm-Flyer angekündigt Philipp Scharri ist am 21. Mai der Klarinettist Helmut Eisel mit Michael Marx (Gitarre und Gesang) und Stefan Engelmann (Kontrabass) zu Gast in der Katakombe. In „Don Juan à la Klezmer“ verbindet das Trio Elemente aus Klassik, Jazz, Swing und Klezmer und widmen sich dabei unter anderem der Frage, ob Don Giovanni mit dem Leben davon gekommen wäre, wenn Mozart ihm Klezmermusik in die Kehle geschrieben hätte. Wer Eisel zusammen mit Joscho Stephan anlässlich des Open-Air-Konzerts der „Reblaus“ im Innenhof des Rathauses im Sommer 2014 erlebt hat, weiß, welches Gänsehaut-Feeling der Klarinettist zu vermitteln vermag. Das erste Halbjahr 2016 endet mit einem weiteren Kabinettstückchen des Musikkabaretts: Am 10. Juni ist anlässlich des Neustadter Kultursommers 2016 nach über zehn Jahren wieder die „Micro Band“ aus Bologna zu Gast an der Weinstraße. „Wir sind froh, dass das geklappt hat“, kommentiert Heidi Kling die Tatsache, dass es der „Reblaus“ gelungen ist, einen der wenigen Deutschland-Termine des Duos zu ergattern. Dabei wird es dem Zuschauer überlassen bleiben, ob er Luca Domenicali und Danilo Maggio letztlich als musikalische Komödianten oder komödiantische Musiker abspeichern wird – in jedem Fall wird „S.M.S. – Strange Music Symphonie“ eine clowneske Italianità in die Katakombe zaubern. Noch Fragen? Alle Veranstaltungen finden im Theater Katakombe im Jugenddorf, Sauterstraße 6, in Neustadt statt und beginnen um 20 Uhr. Karten in der Neustadter Bücherstube, im Teeparadies de Rossi, in den RHEINPFALZ-Geschäftsstellen und beim Media Markt, unter der RHEINPFALZ-Ticket-Hotline 0631/37016618 sowie im Internet unter www.reblaus-kleinkunst.de. Restkartentelefon am Veranstaltungstag jeweils ab 17 Uhr unter 06321/929912. (hox)