Am Rande der Bande RHEINPFALZ Plus Artikel Die einst am weitesten gereiste Mannschaft

Wim Thoelke moderierte 115-mal das Sportstudio.
Wim Thoelke moderierte 115-mal das Sportstudio.

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen, drum nehm ich meinen Stock und Hut und tät das Reisen wählen.“ Ganz nach Matthias Claudius (1740 bis 1815) waren einst die Haßlocher Handballer unterwegs. 60 Jahre ist es nun her, dass sie ihre letzte große Reise unternommen haben. Und ihre Fahrt nach Ägypten bietet heute noch genug Stoff, um in Erinnerungen zu schwelgen. Horst Stahler, einer der Haßlocher, der 1975 mit der TSG die letzte deutsche Feldhandball-Meisterschaft gefeiert hat, erzählt von Flöhen, Seekranken, kaltem Hähnchenfleisch und einer Einladung ins ZDF-Sportstudio.

Die Haßlocher Handballer waren einst als Handball-Globetrotter bekannt, ist in den Haßlocher Heimatblättern zu lesen. Olympia-Cheforganisator von den Spielen 1972 in München, Siegfried Perrey (1915 bis 1984), habe die Ziele meist ausgesucht und organisiert. „Wir waren damals die am weitesten gereiste Mannschaft aus Deutschland“, sagt Stahler. Die TSG Haßloch war nämlich schon in Brasilien, Algerien, Island und Jugoslawien, ehe sie 1964 ihre letzte „Traumreise“ nach Ägypten führte. Übrigens nicht mit dem Flugzeug, wie es heutzutage wohl üblich wäre. Mit dem Zug ging es zunächst nach Genua. Dann waren die Haßlocher drei Tage auf dem Schiff „Esperia“ unterwegs. „Das war damals ein großes Schiff“, erinnert sich Horst Stahler an das rund 150 Meter lange Gefährt und lacht. „Heute ist das nur ein Boot.“

Und weil sie alle Sportler waren, „wollten wir jeden Morgen an Deck Frühsport machen“, erinnert sich der 79-jährige Haßlocher, der seinerzeit gerade mal 19 Jahre jung war. „Aber die Hälfte von uns war seekrank ...“

11.000 deutsche Mark habe die Reise für alle zusammen gekostet, weiß Horst Stahler noch gut. Über 14 Tage seien sie weg gewesen. Er selbst habe damals „schon ein bissel was verdient“, absolvierte eine Lehre als Chemielaborant in der BASF. Aber die Kosten hin oder her, „da wollte man mit“. Sie seien von Eltern und Großeltern unterstützt worden. „Und wir haben ein Jahr vorher schon als Mannschaft angefangen anzusparen.“ In den Heimatblättern heißt es zudem, dass die TSG-Mannschaft von Gemeinde, Land, Landkreis, Sportbund und Pfälzer Handball-Verband Zuschüsse erhalten habe. Und für ihre repräsentativen Zwecke habe jeder im Team ein blaues Sakko, eine graue Hose, einen Nylonhut, Schuhe und Krawatte erhalten. Schließlich waren die Handballer nicht im Urlaub.

Lange Nacht vor einem Spiel

„Ägypten war damals im Handball unterentwickelt“, erzählt Horst Stahler. Die TSG habe fünf Spiele absolviert, habe fünfmal gewonnen: Eine Stadtauswahl aus Alexandria besiegten die TSG-Feldhandballer mit 11:7, eine Auswahl aus Alexandria und Damanhur mit 22:9, den Taufika-Club Kairo mit 10:5, eine Polizisten-Auswahl aus Sohag sowie den Gezira-Club Kairo jeweils mit 12:8. Durchschnittlich 2000 Zuschauer haben laut Haßlocher Heimatblättern den Partien temperamentvoll beigewohnt. „An einem Abend vor einem Spiel haben uns die Ägypter Reiterspiele mit Lanzen gezeigt und uns dann auch in einen Nachtclub ausgeführt, damit wir lange bleiben und am nächsten Tag verlieren“, erinnert sich Stahler schmunzelnd. „Aber einer nach dem anderen von uns ist verschwunden ...“

Der 79-Jährige hat auch den Besuch der Cheops-Pyramide noch in guter Erinnerung und dass er in Kairo in einem Museum eine Mumie gesehen habe. Und auch von einem offiziellen Essen weiß er noch einiges: „Wir mussten warten, bis die Funktionäre alle da waren.“ Sie hätten in einem Zelt ausgeharrt, doch sei ein hochrangiger Funktionär nicht gekommen. „Das Hähnchenfleisch ist kalt geworden, und dann kamen die Mücken.“

Von Flöhen gebissen

Apropos Getier: Mit dem hatten die Haßlocher auch in der Nacht zu tun. Sie hatten in einer Schule auf Feldbetten übernachtet. Eines morgens sei er aufgewacht und habe gedacht, was ihn denn da jucke. „Ich hatte fünf Flohbisse, obwohl ich Schlaf- und Trainingsanzug anhatte“, verrät Horst Stahler. „Später auf dem Schiff zurück war alles wieder gut.“

Als viel und weit gereiste Mannschaft sind die Haßlocher Feldhandballer sogar ins „Aktuelle Sportstudio“ des ZDF eingeladen worden. „Wir waren zwölf Minuten auf Sendung“, erzählt Stahler. Der 1995 verstorbene Wim Thoelke sei Moderator im Sportstudio gewesen. Was er die Haßlocher denn gefragt habe? „Blödsinn“, lautet Stahlers Antwort kurz und knapp. „Wir waren alle enttäuscht.“ Es habe in dem Gespräch mit ihnen keinen roten Faden gegeben. Ägypten aber bleibt den Haßlochern in guter Erinnerung: „Für uns war das eine Weltreise.“

Horst Stahler auf einem Dromedar vor einer Pyramide.
Horst Stahler auf einem Dromedar vor einer Pyramide.
Die Haßlocher Feldhandballer 1964 in Alexandria: von links Reiseleiter Arno Scheurer, Egon Buchert. Roland Janz, Sepp Hutter, Ar
Die Haßlocher Feldhandballer 1964 in Alexandria: von links Reiseleiter Arno Scheurer, Egon Buchert. Roland Janz, Sepp Hutter, Arno Schlafmann, Hans-Werner Beckmann, Karl Rückert, Werner Mattil, Horst Stahler, Richard Schlafmann, Udo Handrich, Ernst Rieger, Arno Mechtersheimer.
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