Neustadt Der Weg zum Ich

/Hassloch. 2005 der erste Kontakt Michael Meßler – Kyudo. „Man sieht sowas auf einem Foto, liest davon.“ Man wird neugierig und probiert es aus. Meßler fragt bei Fritz Eicher in Ungstein an. Der ist Vorsitzender von Kyudo Bad Dürkheim, dem rund 50 Köpfe zählenden Verein in Ungstein, der sich der Kunst des traditionellen japanischen Bogenschießens verschrieben hat. Ein Anfängerkurs und Meßler wusste gleich: „Das ist es!“ Die Lernkurve ist steil, sehr steil, kürzlich wurde der Fernsehtechniker-Meister vom Landessportbund geehrt. Grund: „Ich habe 2014 bei der Kyudo-Weltmeisterschaft in Paris mit der deutschen Nationalmannschaft die Bronzemedaille geholt.“ Wenn Michael Meßler in Ungstein trainiert, im Dojo, dem Übungsgelände im Garten von Fritz Eichers Anwesen, zelebriert er ein echtes Ritual. Alles ist minutiös geplant, wie er sich aufstellt, mit langsamen, aber fließenden, kontrollierten Bewegungen den weit über zwei Meter langen, asymmetrischen Bogen über den Kopf anhebt, spannt, zielt und dann den Pfeil von der Sehne schnellen lässt. Der – fast selbstverständlich – ins 28 Meter entfernte Ziel trifft. Ob im Stehen, aber auch beim nochmal anspruchsvolleren Knieschuss. Leicht, locker sieht das auf den ersten Blick aus. Ein Eindruck, der aber vollkommen täuscht. Nur kann der Laie halt nicht sehen, was der Meister da eben genau gemacht hat. Er hat nämlich einen hochkomplexen Ablauf gezeigt, bei dem der eigentliche Schuss „nur ein Resultat“ des gesamten Vorgangs ist, so Meßler. Mal eben den Bogen in die Hand nehmen, zur Probe schießen – das ist nicht. „Nach dem zweitägigen Anfängerkurs ist ein Schüler vielleicht grade mal so weit, dass ich ihn einen Schuss abgeben lasse“, betont Fritz Eicher. Und während sein „Musterschüler“ den Bewegungsablauf quasi in Zeitlupe demonstriert, erklärt der Vereinsvorsitzende, der Kyudo seit Jahrzehnten betreibt, der als B-Trainer alle Lizenz besitzt, was da gerade abgeht. Dass der Schütze am Bogen aus Bambus-Laminat keinerlei Visier- oder sonstige Hilfen hat, etwa. Oder dass er – im Gegensatz zum westlichen Bogenschießen – quasi „im“ Bogen steht oder auch keinerlei Schutzvorrichtungen an der Brust oder am Handgelenk trägt. Kaum zu sehen, dass der Kyudo-Schütze im Moment des Schusses die Bogenhand, das Handgelenk in einer schnellen Bewegung nach links abknickt. „Das ist kein passives Zielen und Loslassen“, erklärt Eicher. Beim Zielen erfolgt ja die Spannungssteigerung. „Das verlangt Präsenz wie bei einem Geigenspieler für diesen einen Augenblick, wenn der Pfeil auf die Reise geschickt wird.“ Fritz Eicher und Michael Meßler beschreiben die Faszination, die vom traditionellen japanischen Bogenschießen ausgeht. „Man ist sich selbst, man überwindet Grenzen, es ist eine innere Herausforderung.“ Der Kyudo-Schütze kommt zur Selbsterkenntnis, das sollte er wissen, bevor er sich darauf einlässt. Eine Faszination, die nun schon Jahrhunderte anhält. Ganz im Gegensatz zu anderen Sportarten hat sich nämlich das klassische Kyudo seit den Anfängen im 15. Jahrhundert praktisch nicht verändert. Kyudo fordert den ganzen Menschen, die Kunst des Bogenschießens ist nichts, was so nebenbei betrieben werden kann. „Man muss mit Herzblut dabei sein, man muss sich der Sache ganz verschreiben“, sagt Michael Meßler. Sportler, die das „normale“ Bogenschießen betreiben, holen sich bei Kyudo-Sportlern, die eine ungeheure Ruhe ausstrahlen, hin und wieder auch Anregungen, beispielsweise was Stressbewältigung im Wettkampf angeht. „Wir sind auch nervös, können aber besser damit umgehen“, sagt Eicher. Und wie genau schafft das der Weltmeisterschafts-Dritte? „Ich habe mir ein Schießkonzept zurechtgelegt“, erklärt Meßler. „Das gehe ich vor dem Schuss im Kopf Schritt für Schritt durch.“ Diese volle Konzentration auf den Ablauf lässt keine anderen Gedanken, Gefühle zu, alles andere wird ausgeblendet. Also auch Nervosität. „Kyudo kann im Prinzip jeder betreiben“, sagt Fritz Eicher. Ob jung, ob alt, ob Frau, ob Mann. So ist auch beim Dürkheimer Verein so ziemlich jede Altersgruppe, vom Jugendlichen bis zur Seniorin vertreten. Aber: Durchhaltevermögen ist gefragt, Entschlossenheit, extrem viel Geduld, ein langer Atem. Meßler: „Dann kann man Erfolg und Freude durch Kyudo haben.“ Wie Michael Meßler, der sich als nächstes Ziel die Deutsche Meisterschaft im Mai/Juni in Neuburg an der Donau zum Ziel gesetzt hat. Neben Bundesligaeinsätzen mit Kyudo Bad Dürkheim. Der WM-Dritte bezeichnet seinen Sport als „Handwerk, schlichtes Handwerk. Was daraus wird, was man daraus macht, ist bei jedem anders“. Der Lernprozess hält ein Leben lang an, hört nie auf: „Man lernt beim Kyudo nie aus. Nie.“ Unisono betonen Michael Meßler und Fritz Eicher: „Kyudo ist einfach ehrlich. Es ist eine radikale Ehrlichkeit.“ Und damit ganz sicher kein Sport für Jedermann.