Neustadt Der Tiger springt durch die Leinwand

Wie der Onkel, so der Neffe: „Araber mit Pferd“, unten von Otto Dill, Entstehungszeit unbekannt, oben von Klaus Dill, 1985.
Wie der Onkel, so der Neffe: »Araber mit Pferd«, unten von Otto Dill, Entstehungszeit unbekannt, oben von Klaus Dill, 1985.

«Neustadt». Begegnet sind sie sich anscheinend eher selten, der Onkel Otto Dill und sein Neffe Klaus, der bekannte Neustadter Tiermaler und der gleichfalls künstlerisch begabte Sohn des jüngeren Dill-Bruders Karl Wilhelm, der in der Nachkriegszeit vor allem durch seine Filmplakate Berühmtheit erlangte. Dass es zwischen beiden aber trotzdem viele künstlerische Gemeinsamkeiten gibt und dass sie sich vor allem immer wieder von denselben Motiven angezogen fühlten, zeigt jetzt eine schöne Sonderausstellung im Neustadter Otto-Dill-Museum.

Einen großen Künstler in der Familie zu haben, kann zur Bürde werden, wenn man selbst künstlerische Ambitionen hegt. Der 1922 in Neustadt geborene, aber in Frankfurt aufgewachsene Klaus Dill scheint im Verhältnis zu seinem als „Löwen-Dill“ berühmten Maler-Onkel allerdings keine besondere Scheu an den Tag gelegt zu haben: Schon 1937 – da liegt der Junge im Krankenhaus – schickt er erste Zeichnungen zur Beurteilung an Otto, 1940, als sie sich zum 50. Geburtstag des Vaters und Bruders wiedersehen, wird ein zweiter Schub an Arbeiten vorgelegt. Es ist eine Zeit wichtiger Entscheidungen für ihn: Im gleichen Jahr beginnt Klaus das Kunststudium an der Städelschule, das er – nach kriegsbedingter Unterbrechung – 1949 an der Werkkunstschule in Offenbach fortsetzte, um dann von 1952 an als freiberuflicher Grafiker und Illustrator in Frankfurt tätig zu sein. Die Ausstellung, die auf Initiative des Heider-Verlags aus Bergisch Gladbach zustande kam, der seit 1997 zahlreiche Publikationen zu Klaus Dill auf den Weg gebracht hat, zeigt nun etliche der Arbeiten, die der Neffe seit den 40er Jahren geschaffen hat – Skizzen, Plakate, Buchillustrationen, manches im Original, manches reproduziert. Vor allem aber geht es der von Alessia Heider kuratierten Schau darum, die Berührungspunkte zwischen Onkel und Neffen zu verdeutlichen – und die sind wirklich verblüffend. Der Jüngere scheint fasziniert gewesen zu sein von den Darstellungen wilder Tiere, mit denen der Onkel seit den 1910er Jahren Berühmtheit erlangte, und machte sich eifrig ans Kopieren. So sieht man in der Schau jetzt viele Skizzen von Tigern, Löwen, Pferden – oft in Bewegung oder gebannt vor dem Sprung, bei denen man nur an der Rahmenfarbe erkennen kann, wer von beiden der Schöpfer war: Alle Arbeiten von Otto Dill sind silbern gerahmt, die von Klaus schwarz. Dabei scheint beide besonders die Lust an Dramatik und Abenteuer zu verbinden. Besonders signifikant ist dies in einer 1949 entstandenen Serie Klaus Dills mit Jagdszenen aus Indien, die ganz direkt ein Ölgemälde Ottos aufgreift, das einen Tiger zeigt, der einen Inder anfällt. Bei einem solchen Lehrmeister in der Familie nimmt es nicht wunder, dass Klaus Dill auch später bei seinen Filmplakaten zumeist auf besondere Dramatik setzte: Mehr als 600 solcher Poster soll er im Lauf seines Lebens geschaffen haben, wofür er 1997 in Berlin mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet wurde. Von dieser Werkgruppe ist in der Neustadter Ausstellung allerdings nicht viel zu sehen – sie beschränkt sich auf einige Klassiker wie „Niagara“ mit Marilyn Monroe, „12 Uhr mittags“ mit Cary Cooper und „Flammender Stern“ mit Elvis Presley. Aber auch als Buchillustrator trat Klaus Dill direkt in die Fußstapfen seines Onkels: Seine Zeichnungen zu den Orient-Romanen Karl Mays etwa sind ganz deutlich von den Beduinen-Kämpfen inspiriert, die Otto Dill im Anschluss an seine Nordafrika-Reisen 1924 und 1929 schuf. Und natürlich konnte der Neffe auch bei den Pferdedarstellungen zur Westernserie „Bessy“ beim Onkel in die Schule gehen, der schließlich zeitlebens auf Pferderennbahnen nach Motiven Ausschau hielt. Da überrascht es nicht, dass auch Klaus mehrfach Plakate für Pferderennen geschaffen hat. Wie genau der Neffe seinen Onkel gesehen hat, kann die Ausstellung naturgemäß nicht beantworten. Doch mehrere Portraits – eines davon, das Otto Dill schlafend zeigt, entstand bei dem eingangs erwähnten Geburtstag 1940 – liefern Indizien dafür, dass Klaus ihn regelrecht verehrt hat. Noch 1984, also 27 Jahre nach dem Tod Otto Dills, schuf er eine Portraitzeichnung. Auch sie ist jetzt in der Ausstellung zu sehen, ebenso wie ein einziger Hinweis, der für die Ausstellungsmacher darauf hindeutet, dass die künstlerische Beziehung zwischen den beiden Dills doch keine reine Einbahnstraße war: Das Motiv eines Tigers, der durch eine Leinwand springt – von Klaus Dill 1940 für eine Neujahrskarte verwendet –, taucht 1955 in variierter Form auch in einer Zeichnung Otto Dills auf. Die trägt den Titel „Malers Illusion“ und soll wohl andeuten, dass der Künstler sein Motiv nie wirklich ganz fassen oder „einfangen“ kann. Die Ausstellung Die Ausstellung „Begegnungen in der Wildnis: Aquarelle, Zeichnungen und Skizzen von Otto Dill und Klaus Dill“ ist bis 30. September zu den normalen Öffnungszeiten im Neustadter Otto-Dill-Museum zu sehen: mittwochs und freitags 14 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags 11 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung ist im Heider-Verlag ein reich bebilderter Begleitband (96 Seiten, 19,80 Euro) erschienen.

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