Neustadt
Der Oscar ist schon in Sicht
Im Freien war eine große Leinwand aufgestellt, coronabedingt ist es eine Freiluftveranstaltung. Allerdings – und das hat Initiatorin Bettina Höchel erst in letzter Minute erreicht – bei schlechtem Wetter wird auch der große Innenraum des Palmengartens genutzt werden.
Schon im Vorspann war der Ton gesetzt. Aus einem besonnten Coctailglas schlängelt sich ein Zelluloidfilm in die Höhe, im Hintergrund steht stumm eine Oscarfigur. Das Glas füllt sich mit Getränk und Dekorationsobst, im Abspann geht das wieder zurück zum Anfang, der Film setzt sich im leeren Glas wieder zur Ruhe. Humor und Lebensfreude, fröhliches Experimentieren, neue und alte Technik, ein hoffnungsfroher Anfang.
Spät wird es dunkel, früh kühl
Anfangen ist gar nicht so leicht. Um 20 Uhr sollte es losgehen nach einem kurzen Vorprogramm. Es war allerdings noch nicht dunkel genug. Das sei ein Dilemma, so Bettina Höchel, lieber hätte sie die Veranstaltung früher im Jahr gehabt, weil es dann draußen wärmer gewesen wäre, allerdings wird es dann noch später dunkel. Gegen die abendliche Kühle gab es wärmende Decken, gegen die zu große Helligkeit half nur Zeitvertreib. Höchel versammelte einige der Protagonisten zum Filmgespräch vor der Leinwand. Hier wurde improvisiert. Da zahlreiche Filmemacher, Schauspieler, Musiker und Statisten dabei waren, entwickelte sich ein Gespräch über das Filmemachen. Es ist nämlich nicht nur mit Kreativität und Technik, sondern auch mit Kosten verbunden. Der Begriff der Low-Budget Filme ist bekannt. Neu ist der Neustadter No-Budget Film. Alles mache er selber, erzählt Javier de la Poza, er sei Regisseur, Schauspieler Musiker , Schnittkünstler – alles in einem. Das erfordert allerdings Improvisation und schnelles Umschalten. Er schneide zwar seine Filme, drehe aber nichts nach. So muss die Geschichte stimmig sein, auch wenn sie unvorhergesehene Kurven nehmen muss.
Sein Film „Das Vorbild“ war der erste, der gezeigt wurde. Er kommt alleine vor, wie er versucht, ungeschickt eine Staffelei in einem Feld mit Sonnenblumen aufzustellen. Der berühmte Maler von Sonnenblumen, Vincent van Gogh beobachtet ihn dabei. Es ist ein Selbstportrait des Malers, das de la Poza animiert hat und mit dem er in verschiedene Situationen kommt. Hier, wie bei vielen anderen Filmen des Abends, wird auf Sprache weitgehend verzichtet, eine Anmutung von Stummfilm mit Musik, ein Anflug von Humor ist immer dabei.
Immer ein Anflug von Humor
Ob das auch der Fall ist bei einem der längeren Filme, „Superwelly“ von Roger Kleiber, ist fraglich. Es handelt sich wohl um eine Verballhornung von Horror-und Ekelfilmen, in leicht französisiertem Gestus. Frösteln konnte man auch bei den Neonazi-Kurzfilmen von Lars Büchel und Bettina Höchel. Lilli Voigts Animationen hingegen waren ein Augenfest der Leichtigkeit und der Farben.
In der Pause lichtete sich das Publikum, nicht wegen des Programms, sondern wegen der zunehmenden Kühle. Dabei wurde es gleich nach der Pause besonders wärmend: Der Film von Bernd Stoll „Railroad Pack“, der älteste der Filme, war der erwärmendste.
Das Neustadter Schauspielerpaar Ela Sommer und Manfred Fiedler waren zu sehen als junge Leute, die sich während einer Autofahrt ständig zanken und vor Wut aufeinander auf den Bahngleisen stehen bleiben – ein Film, der sich durch die tollen Schauspieler, die geniale Musik und den überraschenden Schluss auszeichnet.
Spannende Szenarien
Der Weg zum Kino ist, wie man in „Show me the Way to the Cinema“ erfährt, mit Kartoffelchips gepflastert – oder eher bestreut. So kommen zwei Schauspieler zusammen, die das Roxy finden. Dieses Kino ist auch der Drehort für „Zaster Eaten (ein verkürzter Buster Keaton) und Miss Gunst“, ein Stück, das die Ärmlichkeit und Abhängigkeit der Filmkunst von Mäzenen und Sponsoren illustriert.
Während die meisten Neustadter das Roxy-Kino kennen dürften, ist der Drehort von Höchels „Odyssee im Impfraum“, die verwaiste Papierfabrik Hoffmann und Engelmann, unbekannt. Der morbide Charme der vor sich hinrostenden Hallen ermöglicht seltsame Bilder, die den Hintergrund bilden zu einer Art Totentanz mit Reise nach Jerusalem , ein Krimi um die Kostbarkeit der Impfnadeln.
Ein war ein kurzweiliger, abwechslungsreicher Abend, eine Bereicherung des Neustadter Kulturlebens. An den anderen Abenden wird es andere Filme geben, aber es wird wieder eine Mischung von Zeiten, Stilen und Techniken sein. Der Eintritt ist frei. Die Spendenbox braucht aber eine auffälligere Stelle, am ersten Abend wurde sie fast vergessen. Das Vorprogramm wurde gestaltet von zwei jungen Nachwuchsmusikern, Richard Steinlechner an der E-Gitarre und Emil Maxein am Schlagzeug. Man spielte Klassiker von AC/DC und Deep Purple.