Neustadt Der Kollege Dr. Google

Wichtig auch bei medizinischen Themen: seriöse Informationsquellen aufzurufen.
Wichtig auch bei medizinischen Themen: seriöse Informationsquellen aufzurufen.

Rund zwei Drittel aller Patienten konsultieren vor dem Gang zum Arzt das Internet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Auch Mediziner in Neustadt berichten, dass ihre Patienten immer öfter Dr. Google befragen. Das persönliche Gespräch bleibt für die Ärzte aber die wichtigste Grundlage für eine effektive Therapie. „Dass man sich im Internet über Diagnosen und Therapien informiert, ist ein Phänomen unserer modernen Wissenschaftsgesellschaft“, meint Christoph G. Wölfl, Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie am Hetzelstift. Auch die Patienten, die zu ihm und seinen Kollegen kommen, brächten zum großen Teil Informationen aus dem Internet mit. „Das Problem ist, dass die Infos auf die konkrete Situation möglicherweise gar nicht zutreffen“, erläutert der Chirurg. „Da liest jemand, dass es einen Nobelpreis für die Stammzelltherapie gab – und möchte diese nun auch für seinen kaputten Meniskus. Aber das ist einfach nicht Stand der Wissenschaft.“ Wölfl sieht die Aufgabe der Ärzte deshalb darin, sich Zeit für ein ausführliches, persönliches Gespräch zu nehmen, um Vertrauen zu schaffen: „Ich mache dann auch mal eine Zeichnung oder ein Modell, um die Diagnose zu erklären. Das braucht natürlich Zeit, aber nur so kann ich erreichen, dass der Patient die Therapie versteht und ihr Folge leistet.“ In der Medizin gebe es keine hundertprozentige Sicherheit, und kein Arzt sei omnipotent. Deshalb rate er seinen Patienten bei Zweifeln auch gerne, eine Zweitmeinung einzuholen – allerdings bei einem realen Kollegen. „Manche haben sich umfassend im Internet informiert, wissen aber zum Beispiel nicht, welch breites Therapiespektrum wir am Hetzelstift anbieten“, so der Chefarzt. Im Gespräch oder auch in öffentlichen Veranstaltungen erreiche man die Patienten dagegen sehr gut. Anders sieht die Situation bei Wölfls Kollegen in der Gynäkologie aus. „In der Geburtshilfe haben wir keine Patientinnen, die sich bei Dr. Google informieren“, sagt Gerald Staudenmaier, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Hetzelstift. „Allerdings fragen wir auch nicht gezielt danach.“ Bei den Patientinnen ab 40 dagegen kämen rund ein Viertel mit Infos aus dem Netz. Manchmal sogar mit einem Ausdruck in der Hand. Auch Staudenmaier setzt aufs Gespräch: „Man muss sich Zeit nehmen, um den Patientinnen zu erklären, was man macht, um Ängste abzubauen und eventuell über Alternativen aufzuklären. Oft verschwinden dabei die Internetausdrucke wieder in der Tasche.“ Staudenmaier kann den Infos aus dem Netz durchaus etwas Positives abgewinnen: „Mir ist eine kritisch-hinterfragende Patientin lieber als eine, die alles einfach über sich ergehen lässt.“ „Wir wollen ja den mündigen Patienten, den gleichberechtigten Gesprächspartner“, sagt Allgemeinmediziner Benny Benker. Er denkt, dass die Patienten durch die Vorabinfos aus dem Netz oft gezielter nachfragen können. Es seien übrigens nicht nur junge, sondern zum Großteil ältere Menschen, die das Internet für medizinische Ratschläge befragen. „Ich erkläre meinen Patienten aber auch, dass die sozialen Netzwerke, Foren oder von der Industrie gesponsorte Seiten keine zuverlässige Quellen sind“, schränkt der Arzt ein. „Besser ist es, auf den Seiten von Fachgesellschaften oder Selbsthilfegruppen zu recherchieren.“ Die eigenständige Suche im Internet abzulehnen, sei auf jeden Fall die schlechteste Variante. Kinderarzt Bernd Berwanger hat beobachtet, dass die Eltern seiner kleinen Patienten unterschiedlich mit Dr. Google umgehen: Während die einen die Infos aus dem Netz differenziert bewerten könnten, falle das anderen schwer. „Zum Stichwort Nasenbluten erhalten Sie bei Google den Suchvorschlag ,Nasenbluten Kind Leukämie’. Ich muss nicht erklären, was das bei einigen Eltern auslöst. Dabei ist Nasenbluten ein häufiges, fast immer harmloses Symptom bei Kindern“, erzählt der Kinderarzt. Die Eltern zu beruhigen, erfordere Zeit, im ungünstigsten Fall auch eine eigentlich unnötige Diagnostik. Grundsätzlich sieht Berwanger die Verfügbarkeit medizinischer Infos im Netz aber positiv: „Nicht verschweigen sollte man, dass Eltern von Kindern mit komplexen und seltenen Krankheiten im Internet sogar Infos finden, die auch uns Ärzten weiterhelfen.“

x