Neustadt Der Frühling macht auf Deutsche Bahn

Nur zur Erinnerung: So sollte er aussehen, der Vermisste. Genauere Beschreibung folgt ...
Nur zur Erinnerung: So sollte er aussehen, der Vermisste. Genauere Beschreibung folgt ...

Ich bin mir sicher, im April muss Vivaldi „Die vier Jahreszeiten“ komponiert haben. Man erkennt den April daran, dass im „Globus“ das Streusalz neben der Grillkohle angeboten wird. Wetterkapriolen wie im April gibt es in keinem anderen Monat: Erst meinst du, der Himmel ist kaputt, weil da so ein komisches, gelbes, rundes Ding dranhängt, aber dann, Sekunden später, regnet es glücklicherweise wieder, und du denkst, „Na, dann ist ja doch wieder alles in Ordnung“. Letztes Jahr im April war es kühler als im Juli, aber wärmer als gedacht. Dieses Jahr habe ich den Eindruck, das für den Sonnenschein zuständige Computerprogramm wurde von einem Virus befallen, dem sogenannten Regenwurm. Oder da oben im Himmel sitzt einer, der sich denkt, die „Groko“ produziert so viel Mist, da hilft nur noch spülen, spülen, spülen. Oder Petrus ist eine Frau und gerade in den Wechseljahren. Wen wundert’s bei dem Wetter, dass man so antriebslos ist? Ich bin vom Winterschlaf sozusagen ungebremst in die Frühjahrsmüdigkeit geschlittert. Was soll das? Am 21. März war kalendarischer Frühlingsbeginn. Ich habe somit ein verbrieftes Recht auf Frühling. Die Vorboten sind ja auch schon da: Die Preise für Tempos sind pünktlich zur Heuschnupfensaison gestiegen, ausgewachsene Wanderbaustellen sind auf der A 65 wieder unterwegs und haben teilweise schon Junge mit den putzigen Namen „Mäh- oder Markierungsarbeiten“ geworfen, die zwar noch bei der Mutter leben, aber schon bald selber eine ansehnliche Verkehrsbehinderung darstellen werden. Im Hela-Baumarkt sind die ersten Hochdruckreiniger eingetroffen. Nicht mehr lange und die Gasgrills werden auch aus dem Süden zurückkehren. Es wird wieder Zeit, der Göttin Bier-Brutzletta zu huldigen. Aber was ist? Der Frühling macht klimatisch einen auf Deutsche Bahn – und hat Verspätung. Aber gut, ich weiß, man bekommt die Welt nicht besser gemeckert. Stattdessen werde ich jetzt eine Vermisstenanzeige aufgeben: Seit vier Wochen ist er vermisst. Er ist zwischen 18 und 24 Grad warm und trug, als er das letzte Mal gesehen wurde, ein himmelblaues Gewand mit dekorativen weißen Wölkchen, die keine bewässernden, sondern ausschließlich stimmungsaufhellende Ziele verfolgten. Der Frühling ist über 100 Millionen Jahre alt und daher möglicherweise orientierungslos. Sachdienliche Hinweise bitte direkt an mich. So, und wenn das jetzt nicht hilft, schicke ich ihm eine Freundschaftsanfrage. Hoffe, er nimmt sie an…. Die Kolumne Die Deidesheimerin Anne Vogd gewann 2016 den SWR 3-Comedy-Förderpreis in Bad Dürkheim – für die gebürtige Rheinländerin der entscheidende Impuls, ihre Tätigkeit als Diplomkauffrau an den Nagel zu hängen und sich ganz auf Comedy und Karneval zu konzentrieren. Unter der Rubrik „Annes Welt“ veröffentlichen wir an dieser Stelle regelmäßig, was der 52-Jährigen so durch den Kopf geht. Ein Buch mit ihren Kolumnen erscheint im Herbst im Ullstein-Verlag.

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