Neustadt
Deidesheim: The Twiolins spielen in der katholischen Stadtpfarrkirche St. Ulrich
„Vivaldi versus Piazzolla“ haben The Twiolins ihr Programm genannt und damit auf ihre virtuose Art aus den ursprünglich „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi „Eight Seasons“ geschaffen.
Am Samstagabend begeisterten sie damit in der Katholischen Stadtpfarrkirche St. Ulrich bei der zweiten Veranstaltung des inzwischen 22. Deidesheimer Musikherbsts ein leider etwas zu kleines Publikum.
Es ist der zweite Auftritt der Geschwister Marie-Luise Dingler und Christoph Asmus im Laufe dieser Veranstaltungsreihe. Wer die beiden hervorragenden Violinisten schon gehört hat, ist vielleicht erstaunt, Christoph Asmus auch die Viola bereithalten zu sehen. Sie wird klanglich, das wird bald deutlich, bei den elf Tangos des argentinischen Komponisten Astor Piazzolla für die charakteristische Tiefe und Schwere sorgen.
Werke aus zwei Epochen
Die Besucher waren neugierig: Lassen sich die Werke zweier zeitlich um die 250 Jahre auseinanderliegender Komponisten überhaupt miteinander zu verbinden? Passen so verschiedene musikalische Welten überhaupt zusammen? Um die Antwort vorwegzunehmen: Ja, es passt. Auch, weil es das Gewohnte sprengt und den Konzertbesuchern eine ganz andere Art des Hörens abverlangt, um ihnen einen musikalischen Hochgenuss voller Virtuosität und Emotionen zu bereiten.
Schon mit dem Reduzieren der Orchesterversion der „Vier Jahreszeiten“, eines der bekanntesten Werke für Violine und Orchester, auf zwei Violinen hat Christoph Asmus eine grandiose Leistung vollbracht.
„Vier Jahreszeiten“ auf zwei Instrumenten
Melodien stehen im Vordergrund, die Inhalte der einzelnen Jahreszeit-Konzerte werden ebenso deutlich wie in einer großen Besetzung, zumal Marie-Luise Dingler auch die dazu (vermutlich von Vivaldi selbst) verfassten Sonette vorträgt. So faszinierend und ausdrucksstark ist diese mutige musikalische Version für zwei Violinen, dass das große Orchester nicht vermisst wird. Auch Emotionen spielen dabei mit. „Es hat sich so angefühlt, als sei das Werk für zwei Violinen konzipiert“, erläutert Christoph Asmus im Vorfeld. Mitbestimmt von Gefühlen sei ebenso die Wahl von Werken seines zweiten Lieblingskomponisten gewesen, Astor Piazzolla. So geschickt ist sein revolutionärer, mit herkömmlichen Schritten nicht tanzbarer Tango Nuevo in das Barockwerk eingefügt, dass jemand, der die Werke nicht kennt, den Wechsel zwischen den beiden Komponisten in manchen Fällen auf Anhieb gar nicht bemerken würde. Beide sind so aneinanderfügt, dass sie wechselseitig Stimmungen aufnehmen und weiterführen, anstatt ihre Gegensätze zu betonen. So wird dieses Programm zu einem Hörvergnügen, dass Grenzen zwischen Jahrhunderten, zwischen Kontinenten und musikalischen Genres auflöst.
Auf das Allegro im „Frühling“ beispielsweise, der sich bei Vivaldi mit lauen Lüften und heftigen Gewittern ankündigt, folgt Piazzollas „La Muerte del Angel“, der auch den Tod des Winters beschreiben könnte. Auf das Largo, mit Vivaldis Beschreibung eines schlafenden Hirten, folgt Piazzollas „Resurrección del Angel“, dessen Auferstehung.
Fülle an Musikstilen
In der erdrückenden Hitze des Vivaldischen „Sommers“ sehen die Zuhörer förmlich den Sand aufwirbeln. Piazzollas „Oblivion“ beginnt mit dem Zupfen der Bratschensaiten, über das sich wie gesponnenes Gold die feinen Töne der Violine legen. Wo Vivaldis „Herbst“ Bilder von Jagden, von höfischen Tänzen und Überfluss malt, kontern Piazzollas „Mi Exaltación“ und „Fuga y Misterio“ mit der Fülle von Musikstilen, die sich im Tango vereinen.
Die Winterbilder leitet Piazzollas „Psicosis“ ein. Zwischen Vivaldis Klangmalerei von klirrender Kälte, dem wärmenden Feuer und über das Eis gleitenden Schlittschuhläufern haben die Künstler Piazzollas „Milonga en Re“ geschoben, die mit dem Pizzicato der Bratsche an ein Gitarrenkonzert im Süden erinnert, bevor die Geigen mit dem Wintersturm des Allegros solche Erinnerungen hinwegfegen.