Neustadt
Deidesheim: Stiftung Bürgerhospital zertifiziert als „Validation-Anwender-Einrichtung“
Wie spricht man mit einem Menschen, der den Bezug zum Hier und Jetzt verloren hat und in seine eigene Welt abgetaucht ist? Das Caritas-Altenzentrum Stiftung Bürgerhospital in Deidesheim legt Wert darauf, demenzkranke Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Mit der Methode der sogenannten Validation sind die Mitarbeiter so erfolgreich, dass das Haus nun ausgezeichnet wurde.
Auf den ersten Blick ist das Caritas-Altenzentrum in Deidesheim ein Seniorenheim, wie es in Deutschland viele gibt. Ein helles und freundliches Haus, die letze Renovierung ist noch nicht allzu lange her. Menschen mit Pflegestufen von 0 bis 5 werden hier versorgt, 110 Plätze stehen zur Verfügung. Und doch läuft hier einiges ein bisschen anders als in vielen anderen Häusern. Bewohner, die an Demenz erkrankt und somit in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt sind, wird hier „auf Augenhöhe“ begegnet. Die Methode heißt Validation und ist in der Altenpflege inzwischen anerkannt. In Deidesheim wird sie seit 2008 angewendet, berichtet die Einrichtungsleiterin, Verena Renner. Das Besondere hier: Das Haus ist besonders erfolgreich in der Anwendung der Grundsätze und hat deshalb jetzt das Zertifikat als „Validation-Anwender-Einrichtung“ bekommen. Was steckt dahinter?
Logik hilft nicht weiter
Es gehe darum, den Menschen in der jeweiligen Situation abzuholen, sagt Renner. Als Beispiel beschreibt sie ein Erlebnis. Sie habe einmal eine alte Frau betreut, die verzweifelt nach ihrer Mutter gerufen habe. Die Patientin mit Logik zur Einsicht zu bringen und „der Frau zu sagen, dass sie doch schon alt und ihre Mutter demzufolge schon lange gestorben sei“, habe genau das Gegenteil bewirkt, erzählt die Einrichtungsleiterin. Am Schluss, so Renner, war nicht nur die Patientin unglücklich, sondern auch sie selbst. Erst Jahre später, als sie die ersten Kurse für Validation belegte, habe sie begriffen, um was es im Umgang mit dieser Krankheit gehe: um Wertschätzung und um Empathie – und darum, sich auf die Situation einzulassen. In welcher Phase seines Lebens befindet sich der Patient? Wartet er auf seine Kinder, die von der Schule kommen – oder ist er selbst wieder ein Kind, das seine Eltern vermisst?
„Mit der Validation soll auch die Haltung gegenüber demenzkranken Menschen verändert werden“, unterstreicht Beate Eumann-Klein, die als eine von zwei zertifizierten Validations-Lehrern die Lehrgangsleitung im Bürgerhospital innehat. In einem neun Monate langen Kurs hat sie die Teilnehmer zu „Validationsanwendern mit praktischen Erfahrungen“ ausgebildet. Wer sein Wissen vertiefen möchte, hat die Möglichkeit, weitere Kurse zu belegen – bis hin zum Master-Abschluss.
Musik und Rollenspiel
Zurzeit leiten im Bürgerhospital zwei autorisierte Mitarbeiter je eine Validationsgruppe. Bewohner und Mitarbeiter treffen sich dort regelmäßig zum Austausch. Die Treffen laufen dabei immer nach dem gleichen Schema ab, erzählt Eumann-Klein. Zu Beginn wird etwas Musik gespielt, dann begrüßen sich die Teilnehmer gegenseitig und werden dann zur Kommunikation angeregt. Die Patienten haben so die Möglichkeit, in eine ihnen zugewiesen Rolle zu schlüpfen und beispielsweise als Gastgeber die anderen Teilnehmer zu bewirten. Ein gemeinsames Lied beendet jeweils das Treffen.
Hedwig Neu aus Wachenheim, Leiterin des Autorisierten Zentrums für Validation nach Naomi Feil, erklärt: „Die Methode geht weg vom demenzlastigen hin zum personenorientierten Menschenbild“. Dank einer „empathischen Kommunikationsmethode“ könne „auf Fixierung und Medikamente weitgehend verzichtet werden“.
Neu war es dann auch, die in einer feierlichen Runde dem Haus das Zertifikat als „Validation-Anwender-Einrichtung“ verlieh – als der ersten Caritas-Einrichtung bundesweit. Als Beauftragte des „Validation Training Institute“ in Pleasant Hill in Oregon (USA) obliegt es Neu, die Häuser zu beurteilen. Neun Einrichtungen gebe es zurzeit in ganz Deutschland, die zertifiziert seien, so Neu. Vorwiegend seien es Häuser der Diakonie. Daher sei es besonders schön, dass die Auszeichnung nun erstmals an eine Einrichtung der Caritas gehen. In ihrer Ansprache verwies die Leiterin des Validationszentrums auch auf die mittlerweile 88-jährige Gründerin der Methode, Naomi Feil. Das Zertifikat wurde von deren Tochter persönlich ausgestellt und hat seinen Weg von Oregon bis nach Deidesheim gefunden.
Zur Sache: Die Gerontologin Naomi Feil
Naomi Feil, geboren 1932 in München, ist eine deutschamerikanische Gerontologin und ehemalige Sozialarbeiterin. Feil hat den Begriff der Validation erstmals 1963 verwendet; er leitet sich vom englischen Verb „To validate“ ab, was soviel heißt wie „bestätigen“. Bei dieser Kommunikationsmethode im Umgang mit desorientierten Menschen geht es um Wertschätzung und um empathische Zuwendung. Der Situation, in der sich der Patient befindet, wird dabei hohe Bedeutung beigemessen. Validation kann in den Pflegealltag integriert werden und soll helfen, desorientierte Menschen besser zu verstehen und mit ihnen in Kontakt zu kommen. Dabei profitiert das Pflegepersonal genau so von der Methode wie betreuende Angehörige oder andere Bezugspersonen.