Neustadt
Bettina Höchels schräge „Kurzfilme aus Coronien“
„Kurzfilme aus Coronien“ heißt die Mini-Serie, von der in dieser Woche die ersten drei online gegangen sind. Zwischen drei und vier Minuten sind sie lang und führen alle auf ziemlich vergnügliche Weise vor Augen, wie komisch die Welt der ritualisierten AHA-Regeln eigentlich ist, wenn man sie mal ein wenig aus der Distanz betrachtet. „Ich mag schräge Filme“, sagt die Macherin und betont zugleich, dass es ihr nicht darum gehe, die Pandemie-Bekämpfung zu vergackeiern, sondern aufzuzeigen, welche Kommunikationsprobleme durch Maske-Tragen und Abstand-Halten entstehen können.
Ein Western-Duell, das nicht sein darf
Den Anstoß zu dem Projekt habe Tine Duffing mit ihrem „Die Kunst muss an die frische Luft“-Aufruf gegeben, erklärt Bettina Höchel weiter. Konsequenterweise nimmt einer der Filme darum auch speziell die Situation der für „nicht systemrelevant“ erklärten Künstler in den Fokus. Ein weiterer, bei dem noch die Musik fehlt, behandelt die Situation der gelockdownten Kulturorte am Beispiel des Roxy-Kinos. Die beiden anderen greifen in überspitzter Form allgemeine Alltagssituationen auf, wie sie jeder kennt: die Begegnung an einer Engstelle zum Beispiel, bei der der Abstand partout nicht einzuhalten ist. In Höchels Film „Distance or die“ sind es allerdings zwei Cowboyhut-Träger, die sich zu einer Musik, die stark an Ennio Morricone erinnert, wie zum Showdown gegenübertreten. Selbst ein Duell ist in Corona-Zeiten allerdings nicht erlaubt, und so bleibt es letztlich beim Abchecken.
Warten, bis der Bart wächst
Die Dreharbeiten für die bislang vier Filme fanden Mitte März an verschiedenen Locations im Neustadter Stadtgebiet statt – vom Hoffmann & Engelmann-Fabrikgelände im Westen bis zur Kreuzung am Rosengarten im Osten. Die (Laien-)Darsteller waren durchweg Freunde und Bekannte – bei „Distance or die“ zum Beispiel Jürgen Barwich, ein Nachbar Höchels aus Hambach, der ansonsten bei der BASF beschäftigt ist, und Joachim Bosch, ein alter Freund aus Rhodt. Gedreht wurde ganz coronakonform im Klein-Team: Außer den Schauspielern war zumeist nur Höchel selbst anwesend, die das Handwerk in den 80ern und 90ern an der Filmhochschule München und der Kunsthochschule für Medien in Köln von der Pike auf gelernt hat und hier alle Aufgaben von Drehbuch und Regie über Kamera bis zum Schnitt übernahm. Unterstützt wurde sie dabei auch von dem Deidesheimer Fotografen Bernd Stoll („mein bester Kritiker“), von dem etwa auch die Idee zu dem Roxy-Video stammte. Bei dem warten zwei Cineasten (Nicole Glaser und Karlheinz Nied) vor dem Kino auf die ersehnte Wiedereröffnung, bis der Bart wächst und das Haar fällt. Unterlegt werden soll das noch mit einem Song, der Kurt Weills „Show me the way to the next whiskey bar“ in einem entscheidenden Wort abwandelt. Der muss allerdings erst noch eingesungen werden, weshalb dieser Streifen bislang noch nicht im Netz ist.
Man will Nähe und muss Distanz halten
Die Musik spielt auch beim Film „Shut up lockdown – net guud genuuch“ eine tragende Rolle: Der Neustadter Singer-Songwriter Ede Eber-Huber klampft da auf der Welsch-Terrasse in Haardt hinter einem rot-weißen Absperrband, während zwei chipskauende Zuschauer (Bernd Stoll und Johannes Lapig) den Bluesrhythmus vorgeben – ein schönes Bild für die aktuelle Lage der Künstler, die Publikum brauchen, es zugleich aber auf Distanz halten müssen.
Ähnlich surreal ist die Situation bei „Spuken oder Spucken – a spell or a spit for Mary Poppins“: Anna Schultz, 2015-19 Pächterin des „Badehaisels“ in Wachenheim, gibt da das magische Kindermädchen, das die lieben Kleinen wegen Corona nicht an sich heranlassen darf. Als ein Junge, gespielt vom neunjährigen Bastian Günther, es doch versucht, muss sie sich etwas einfallen lassen. Gedreht wurde diese Szene an der ehemaligen Tankstelle beim Panorama-Hotel. „Der Besitzer hat sogar extra seine Autos für uns weggefahren“, berichtet Höchel.
Mindestens ein Film zum Impfen soll noch folgen
Eigentlich wollte die 58-Jährige es bei diesen vier Filmen belassen. Doch zumindest ein Clip zum Impfen solle noch folgen. „Man ist ja froh, wenn man überhaupt was produzieren kann“, lässt die Filmemacherin sich auch ein wenig selbst in die Seele blicken. Denn eigentlich hätte 2020 ihre u. a. in Hambach gedrehte Musikdoku „Roots to the Future“ bundesweit in den Kinos starten sollen. „Die Plakate waren schon gedruckt.“ Aber auch das hat das China-Virus verhindert.
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