Neustadt
Bauerndoktor-Gros-Straße: Neustadter Straßennamen erklärt
Um Straßennamen-Doppelungen zu vermeiden, mussten bei der Eingemeindung des Ortsteils Lachen-Speyerdorf 1972 unter anderen die Garten- und Kirchstraße andere Namen bekommen. Die 1945 nach dem Bauerndoktor Gros benannte Straße, die mitten durch den heutigen Ortskern von Lachen führt bot sich dazu an, mit Garten- und Kirchstraße zusammengefasst zu werden. Für die Gegend übliche Wohnhäuser, durchsetzt mit ein paar historischen Fachwerkhäusern, säumen die Straße, die an der protestantischen Kirche und dem Feuerwehrgerätehaus vorbeiführt.
Doch wer war dieser namensgebende Bauerndoktor? Hobbymediziner im bäuerlichen Nebenberuf? Oder ärztlicher Nebenerwerbs-Landwirt? Für einen derartigen Doppelberuf oder gar eine Doppelberufung kennt man aus der Geschichte zum Beispiel den Pfarrer Kneipp aus dem süddeutschen Raum. Ein Pfarrer, der im Selbststudium und durch Ausprobieren zum naturkundlich fundierten Heiler für Landbevölkerung und Adel wurde.
Als Autodidakt zum Orthopäden herangebildet
Hört man Bernhard Sauter bei einer seiner Nachtwächterführungen in Lachen zu, zeigt der Werdegang von Bauerndoktor Gros einige Parallelen auf. Als siebtes Kind des Landwirts Philipp Lorenz Gros und Anna Mechtersheimer erblickte Johann Philipp Peter Gros am 30. Juni 1720 in Lachen das Licht der Welt. Dass aus diesem Kind mal etwas anderes als aus seinen Vorfahren werden sollte, ergab sich eher durch einen Zufall.
Auf einem von der Familie bewirtschafteten Acker hatten er und seine Mutter Knochen eines menschlichen Skeletts gefunden. Mithilfe dieser Knochen, die vermutlich aus dem Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 bis 1697) stammten, gewann er nach und nach fundierte Kenntnisse der Zusammensetzung und Funktion des menschlichen Skeletts. „In einem Hinterstübchen setzte er im Laufe vieler Monate das Skelett immer wieder zusammen, bis er jede Stelle eines jeden Knochens kannte und sich so selbst zum Orthopäden heranbildete, dessen damaliger Ruf als Bader sich über die Pfalz hinaus verbreitete“, lässt Sauter in die Geschichte blicken.
Kurfürstlichen Rückenwirbel eingerenkt
Doch richtig berühmt wurde der Autodidakt erst durch seine Erfolge bei der Behandlung des damaligen Kurfürsten Carl-Theodor aus Mannheim. Dieser litt unter anhaltenden Rückenschmerzen, die seine studierten Ärzte nicht lindern konnten. Der Soldat Philipp Hamann aus Lachen, der vor dem Krankenzimmer Wache stand, gab den Hinweis auf einen heilkundigen „Wunder-Bader“ aus seinem Heimatort. Der Kurfürst ließ Gros nach Mannheim kommen. Sauter schildert die Behandlung des Kurfürsten lebensecht: „Gros hieß den Kurfürsten das Bett zu verlassen und auf allen vieren durch das Zimmer zu kriechen. Schließlich schwang er sich auf den Rücken des Kurfürsten und renkte dabei anscheinend einen Rückenwirbel mit einem Knacks ein, so dass dieser wieder aufstehen und gehen konnte.“
Zum Dank für die Heilung wurde er zum Bauerndoktor ernannt und durfte sich etwas wünschen. Er wünschte sich die Befreiung Lachens von der Abgabe des Zehnten. Das wurde ihm gewährt. So machte sich Gros nicht nur durch seine Heilkunst in Lachen unsterblich, sondern auch durch den Einsatz für seinen Heimatort.
Am 12. Februar 1777 verstarb der große Sohn der Gemeinde. Ob sich die geschilderten Vorgänge tatsächlich so abspielten oder mit Phantasie ein wenig ausgeschmückt wurden, liegt im Dunkel der Geschichte. Aber ähnlich wie bei vielen deutschen Märchen erzählt Bernhard Sauter zum Ende, dass „die Heilkunst dieses großen Sohnes der Gemeinde von seinen Nachfahren bis ins 20. Jahrhundert weiter durchgeführt wurde“.
Die Serie
Neustadt zählt 650 Straßen. 150 davon sind nach Persönlichkeiten benannt, andere nach Gewannen, historischen Begriffen, Partnerstädten, Orten oder ganz allgemeinen Dingen. In unserer kleinen Sommerserie sollen einige dieser Straßennamen und die Geschichte dahinter vorgestellt werden.