Neustadt Bauboom im Zeichen Jahwes
«Deidesheim». Lange Zeit waren Synagogen nach der Reichspogromnacht fast völlig aus den deutschen Städten verschwunden. Erst seit den 1990er Jahren entstanden an vielen Orten neue jüdische Gotteshäuser und Gemeindezentren, darunter spektakuläre Neubauten wie in Mainz, München, Duisburg oder Dresden. Eine Wanderausstellung der Architektenkammer Rheinland-Pfalz erinnert an den nächsten beiden Wochenenden in der ehemaligen Deidesheimer Synagoge an diesen „Gebauten Aufbruch“.
Die Schau entstand schon 2009 anlässlich der damals kurz bevorstehenden Einweihung der neuen Mainzer Synagoge, eines atemberaubenden Baus des Kölner Architekten Manuel Herz, der in seiner Fassade die fünf Buchstaben des hebräischen Begriffs „Qadushah“ (Segnung, Erhöhung) nachempfindet und damit die besondere Bedeutung des Wortes in der jüdischen Tradition versinnbildlicht. Jüngere Beispiele wurden keine mehr einbezogen, aber die Auswahl, die die Schau bietet, ist auch so beeindruckend – vor allem, weil sie anhand der rund 20 Exempel aus der ganzen Republik die unglaubliche Vielfalt an architektonischen Lösungsmöglichkeiten verdeutlicht. Mit einer Ausnahme werden dabei auch stets die 1938 zerstörten Vorgänger gegenübergestellt. Die Zäsur der Nazi-Barbarei bleibt also immer präsent. Ganz besonders ins Auge stechen natürlich die Bauten, die wie Mainz, vom neuen jüdischen Selbstbewusstsein in Deutschland künden. Sie spielen häufig auf sehr subtile Weise auf die jüdische Religion und Geschichte an. In Kassel etwa, wo der Frankfurter Alfred Jacoby 2000 einen unscheinbaren Nachkriegsbau ersetzte, nimmt eine lamellenartige Zedernholzverkleidung die Aufforderung der Thora auf, einen Tempel aus den Zedern des Libanon zu errichten. In München, wo 2006 die neue Hauptsynagoge Ohel Jakob von Wandel, Hoefer, Lorch entstand, wird im monumentalen Sockel der Tempel Salomons zitiert. Und in Duisburg erinnerte 1999 der israelische Architekt Zvi Hecker mit dem fächerartigen Grundriss an die aufgeschlagenen Seiten eines Buches. Doch gibt es umgekehrt auch Beispiele, die sich fast unsichtbar machen. Der Prototyp dafür ist die bereits 1957 entstandene Trierer Synagoge, die sich in ihrem kargen Bruchstein-Kubus fast verbarrikadiert. Auch die 2008 entstandene Schweriner Synagoge liegt versteckt in einem Innenhof – allerdings auf den Grundmauern ihrer Vorgängerbauten von 1773 und 1819. Damit gehört sie mit Mainz, Aachen, Gelsenkirchen und Wuppertal zu denjenigen, die an ihrem alten Standort wiedererstanden. Aber natürlich sind auch nicht alle neuen Synagogen wirklich Neubauten: In Bielefeld und Hannover wurden evangelische Kirchen umgestaltet, in Speyer das katholische St. Guido-Stift. In Bamberg zogen Synagoge und Gemeindehaus gar in eine ehemalige Nähseidenfabrik, und in Berlin-Wilmersdorf fand die orthodoxe Chabad-Lubawitsch-Gemeinde ihre neue Heimat in einem Umspannwerk aus den 20er Jahren. Klar, dass es hier im Inneren auch eine Frauenempore gibt, während viele liberale Gemeinden auf die Trennung der Geschlechter verzichten. Nicht nur das zeigt, dass jüdisches Leben in Deutschland heute wieder eine Vielfalt aufweist, wie man sie lange nicht für möglich hielt – auch wenn leider allzu oft Polizeischutz dafür notwendig ist. Die Ausstellung Die Wanderausstellung „Gebauter Aufbruch. Neue Synagogen in Deutschland“ wird am Samstag, 26. Januar, um 19 Uhr mit einer Einführung von Hermann-Josef Ehrenberg, Landschaftsarchitekt aus Kaiserslautern und Vorstandsmitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, und anschließender Diskussionsrunde eröffnet. Sie ist an den kommenden beiden Wochenenden, 26./27. Januar und 2./3. Februar, zu sehen: samstags 17–19 Uhr (am Eröffnungstag bis 20.30 Uhr) und sonntags 16–19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Für Schulklassen werden Führungen ab 4. Februar angeboten. Infos unter 0177-2002929.