Geschichten aus der Geschichte
Bahnhofsvorplatz: Als der Kastanienbaum fallen sollte
Es war im Juni 1845, als auch in Neustadt die ersten Arbeiten für die Eisenbahn von Neustadt nach Ludwigshafen begannen. Zu jenem Zeitpunkt war bereits klar, dass die Bahn entlang des Neustadter Nollenhangs in Richtung Kaiserslautern weitergeführt werden sollte – 1849 war die Strecke dann von der Rheinschanze über Neustadt bis Bexbach durchgehend befahrbar. Deshalb wurde der Hauptbahnhof an der Nordseite, also außerhalb des eigentlichen Stadtkerns, geplant. Frühe Stiche zeigen den Weg zum neuen Bahnhof, der direkt im Blickfeld des Schießhauses errichtet wurde – ebenso wie der heute noch betriebene Lokschuppen der Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte (DGEG), deutschlandweit eines der ältesten Bahngebäude.
Der Neustadter Bahnhof selbst war ein „Einheitsgebäude“. Westlich davon befanden sich ein Güterschuppen und eine große Ladefläche – also dort, wo später das Postamt errichtet wurde. Als die Eisenbahn 1855 von Neustadt nach Landau und Weißenburg und damit bis nach Straßburg in Betrieb genommen wurde, musste bereits viel erweitert und geändert werden. Als dann 1865 noch die Bahn von Bad Dürkheim dazu kam, wurde noch einmal das ganz große Erweiterungsrad gedreht.
Selbst Napoleon III. beeindruckt
Die Entscheidung dafür fiel umso leichter, als seit Inbetriebnahme der Bahnstrecke von Saarbrücken nach Paris auch internationale Gäste durch Neustadt kamen – darunter der französische Kaiser Napoleon III., wie der Neustadter Chronist Friedrich Jakob Dochnahl (1820-1904) berichtete. Im Stadtbereich wurde die Bahn deshalb zwischen der Zwockelsbrücke und dem Bereich Böbig „höhergelegt“, der Bahnübergang in der Landauer Straße beseitigt. Das Stadtarchiv verfügt über eine gute Aufnahme aus den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die den neuen Platz und die Straße zum Hauptbahnhof zeigt.
Im Juni 1866 fertiggestellt, profitierte Neustadt dann davon, dass Paul Camille von Denis (1796-1872), einer der führenden Eisenbahn-Ingenieure seiner Zeit, im August 1867 die Inbetriebnahme der Rheinbrücke Mannheim-Ludwigshafen vermelden konnte. Damals war bereits der neue Lokschuppen im Gleisdreieck, heute das DGEG-Bahnbetriebswerk, fertigstellt. Im regionalen Nahverkehr war außerdem 1868 der erste Omnibusverkehr in Form von Pferdekutschenwagen zwischen Neustadt und Lachen eingerichtet worden.
Schon damals Hotel-Idee
Letztlich entschlossen sich die Pfalzbahnen im Februar 1870, Neustadter Bürgern das Gelände am Bahnhof für den Bau des Saalbaus zu verkaufen. Indem mit Bruchsteinen aufgefüllt wurde, entstand auf der anderen Seite östlich des Hauptbahnhofs im Bereich der Lokschuppen eine Fläche, auf der heute noch die „alte“ Kantine steht und die als Parkplatz genutzt wird. Entlang der Landauer Straße wollte man damals ein Hotel errichten, was mit ein Grund dafür war, die Gäubahn mit ihrer Endstation im Osten der Stadt anzulegen.
Die Straßenbahn von Landau nach Neustadt läutete 1912/13 eine ganz neue Ära ein. Das betraf auch den Hauptbahnhof. Wie alte Stiche zeigen, wurde das Dach des Mittelgebäudes durch das „Aufsetzen“ einer Haube noch einmal erweitert. Rund 20 Jahre später wurde wieder umgebaut und bei dieser Gelegenheit eine neue Schalterhalle geschaffen: Die Touristen sollten mit Karte und Messtischblättern über die wichtigsten Gebäude in der Stadt und auch über die Weinbauregionen informiert werden.
Elektrifizierung kommt
Von Kriegsschäden weitgehend verschont, wurden die Gleis- und Bahnsteiganlagen ab dem Jahr 1963 erneut umgestaltet: Es galt, die Elektrifizierung der Bahnstrecke Saarbrücken-Homburg-Ludwigshafen vorzubereiten. Erneuert werden musste der Viadukt an der Zwockelsbrücke, über einen veränderten Bahnhofsvorplatz war schon seit 1960 diskutiert worden. Schließlich entschied man sich dafür, westlich des Gebäudes einen Busbahnhof anzulegen, also dort, wo er sich heute noch befindet.
Problemlos lief das aber nicht ab. Denn beim Probebetrieb stellte sich in den Diskussionen zwischen der städtischen Bauabteilung und den Busbetreibern heraus, dass die Steige für die neuen Busse, die ohne Anhänger fuhren, zu kurz waren, weshalb der Bürgersteig vor der Bahnhofsgaststätte als Steig miteinbezogen werden sollte. Gestritten wurde außerdem darüber, ob der Busverkehr auf dem Busbahnhof richtig organisiert war, was das Warten der Busse, die Abfahrtszeiten, das Nachrücken anderer Linien und mehr betraf.
Der von der Stadt angedachte Betrieb ließ sich am Ende nicht umsetzen, weil aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens kein Bus mehr pünktlich abgefahren wäre. Deshalb wurde entschieden, die Busse in Fahrtrichtung West aufzustellen. Das aber hatte den Nachteil, dass die ankommenden Fahrgäste das Ziel der Busse nicht lesen konnten – was erst 2013 geändert wurde. Zudem entbrannte in der Stadt im Zusammenhang mit der Umgestaltung des Bahnhofsvorplatzes eine heftige Debatte darüber, wie mit der Kastanie umgegangen werden sollte. Im Gegensatz dazu stand beim jetzigen Umbau nie in Frage, dass die Kastanie bleibt.