Neustadt
„Azahar Ensemble“ und Pianist Nicholas Rimmer eröffnen Konzert-Saison im Saalbau
Spanisches Temperament zu Gast im Neustadter Saalbau – mit dem mittlerweile weltweit gefeierten „Azahar Ensemble“ startete die konzertante städtische Abonnement-Reihe spektakulär in die Saison 2022/23. Bereits 2014 hatte das sympathische junge Holzbläser-Ensemble als zweitere Preisträger beim ARD-Wettbewerb in München (ein erster Preis wurde wie so oft nicht vergeben) sozusagen die höheren Weihen empfangen, ist seither auf Festivals und in Konzertsälen rund um den Globus präsent. Und – zugegeben unsachliche Fußnote - bereits die Namen der Akteure klingen wie ein musikalisches Versprechen: André Cebrián Gares (Flöte), Maria Alba Carmona Tobella (Oboe), Miquel Ramos Salavadó (Klarinette), Antonio Lagares Abeal (Horn) und Maria José Garcia Zamora (Fagott). Mit ihnen musizierte an diesem Abend der Pianist Nicholas Rimmer, 1981 in England geboren, dort und in Deutschland ausgebildet, weltläufiger Solist und Klavier-Professor an der Musikhochschule Freiburg.
Kammermusikalische Präziosen des 20. Jahrhunderts
Betrachtet man die Liste der Originalkompositionen für Holzbläserquintett, so stellt man rasch fest, dass erst die Tondichter des 20. Jahrhunderts sich recht für diese Besetzung zu erwärmen wussten. Diese allerdings zahlreich und mit herrlichen kammermusikalischen Preziosen. Eines der wenigen signifikanten Werke der Klassik hingegen ist das Es-Dur-Quintett (KV 452) von Wolfgang Amadeus Mozart, das den Auftakt der hochspannenden Programmfolge an diesem Abend bildete. Allerdings ist da die Flöte nicht besetzt, dafür gibt es einen herrlichen Klavierpart, der – in ein äußerst komplexes Gesamtgefüge eingebunden – als Dialogpartner mit den durchaus selbstbewusst operierenden Bläser-Protagonisten ein wahres Feuerwerk an Melos und bühnenreifer Rhetorik entfacht.
Mit Paul Hindemith war die Schwelle zur Neuzeit dann unmittelbar überschritten. Seine fünfteilige Kammermusik für fünf Bläser op. 24., Nr. 2, aus dem Jahr 1922 läutete sozusagen den Popularitätsschub des Genres Bläserquintett im 20. Jahrhundert ein. Ein Werk, freigeputzt von allem romantischen Klangschwulst, dafür mit Reminiszenzen barocker Tanzrhythmen und rasanten Soloaktionen durchwirkt, spieltechnisch ebenso anspruchsvoll wie effektvoll in der Wirkung.
Dann war Konzertpause im Saalbau. Warum danach vor allem im vorderen Abonnentenblock des Parketts etliche offenbar fahnenflüchtig geworden waren, bleibt kryptisch. Reichte etwa schon der Hinweis im Programm aufs 20. Jahrhundert? Dabei kam das Beste, Grandioseste ja noch! Carl Nielsens Bläserquintett in A-Dur uraufgeführt ebenfalls 1922, wandelt einerseits auf den Spuren des von ihm verehrten Mozart, erfindet aber gänzlich neue Strukturen und huldigt vor allem auch dem jeweiligen solistischen Profil seiner Protagonisten mit spektakulären Passagen.
Francis Poulencs Sextett als grandioser Abschluss
Grandioser Abschluss und ein Gipfelpunkt des Genres: Francis Poulencs Sextett für Klavier und Bläserquintett op. 100 – ein wahres Fest an virtuoser Entgrenzung, Esprit, Humor und schillernder Fabulierlust. Eine Hommage an Paris zudem, den vitalen Puls der Stadt und die unkorrumpierbare Widerständigkeit ihrer Kultur; denn losgetreten hat Poulenc das Werk 1940, unter dem Damoklesschwert der Nazi-Besatzung. Erst der Epilog lässt das kurz und schmerzhaft aufleuchten.
Und wie hautnah berührten die Interpretationen des fantastischen Ausnahme-Quintetts! Da vor allem die Stücke der Neuzeit nur so gespickt sind mit geradezu akrobatischen Passagen, erzeugte allein der spieltechnische Hochseilakt des in höchstem Maß präzise interagierenden „Azahar Ensembles“ wohlige Schauerwellen. Aber natürlich braucht es mehr als einen trittsicheren Umgang mit den Eskapaden des Notentextes. Was letztlich die prickelnde Würze lieferte, die technische Präzision des Zusammenspiels zur echten Sensation steigerte, war die in jedem Moment lustvoll präsentierte Freude am konzertanten Schlagabtausch.
Dynamische Licht- und Schattenspiele, klangsinnliche Elegien, herausfordernder Übermut und brillante Geschwindpassagen – das alles formte das Ensemble, auch im Dialog mit dem wunderbar einfühlend und geschmackvoll agierenden Nicholas Rimmer am Flügel, zu einem jeweils organischen Gesamtkunstwerk. Für stürmischen Applaus belohnten die fabelhaften Künstler noch mit einem ebenso komplexen wie originellen Stück aus der Feder des ebenfalls genialen Poulenc-Zeitgenossen Jean Françaix.