Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Annes Welt: „Besinnungslose Besinnlichkeit“ zu Weihnachten

Warme Getränke auf dem Weihnachtsmarkt gibt es inzwischen in vielen Variationen.
Warme Getränke auf dem Weihnachtsmarkt gibt es inzwischen in vielen Variationen. Foto: dpa

Es ist kühler als im August, aber wärmer als gedacht. Ja, ich weiß, der Klimawandel! Das Klima spielt verrückt. Ich will mich ja auch gar nicht beschweren. Man kann ja fast froh sein, dass es heute nicht noch schneit. Stellen Sie sich mal vor: Bei der Wärme auch noch Schnee schippen, das wär’s noch….

Dabei hat man als deutscher Staats-, Klein- oder Spießbürger doch einen Rechtsanspruch auf geregelte Jahreszeiten! Sonst wird man auch mal schnell zum Wutbürger. Im Winter sollte nicht nur der Geldautomat ein Minus anzeigen. Aber Pustekuchen. Ich habe den letzten Schnee im Dezember vor Jahren in Zermatt gesehen. Und fühlte mich an die Erzählung meines Opas über die Ostfront erinnert – nur das in Zermatt mehr Russen waren.

Schlauchboot und „Speck-drum“

„Dezember“ ist heute „Regen“. „Dezember“ ist, wenn der Tacho im Auto die Geschwindigkeit in Knoten anzeigt und der Nikolaus im Schlauchboot kommt oder die Kinder, die er bescheren möchte, rufen: Geil, H2O to go!

Dass es Advent ist, merkt man nur noch durch einen Blick auf den Kalender: wie auf den Bierothek-Kalender, 24 Türchen mit jeweils einer Dose dahinter. Besinnungslose Besinnlichkeit garantiert. Oder am Adwurst-Kalender: Mit Salami & Co kann ich mein persönliches „Speck-drum“ bis Weihnachten derart erweitern, dass ich in mein Festtagskleid nur komme, wenn mein Mann mich dafür durch so einen Tannenbaumtrichter schiebt. Oder mit dem von Amorelie, einem Erotik Versender. 24 funkelnde und flutschende Teilchen für noch heißere Weihnachtstage. Alle in rosé, bleu oder lindgrün, als hätte sich die Firma bei Philip Treacy, dem Hutmacher der Queen, farbliche Ideen geholt. Vibratoren gibt es darin auch. Aber Batterien müssen extra bestellt werden, damit „Amore mit Motore“ auch funktioniert.

Im Glühwein liegt Erleuchtung

Allen ist eins gemeinsam: Am Ende bleibt ein riesiger Müllberg übrig. „Muss das sein?“, sinniere ich und schaue in die dritte flackernde Kerze auf meinem Adventskranz. 120 Mikrogramm Stickoxid produziert jede einzelne. Der Grenzwert für Stickstoffdioxide liegt im Außenbereich bei 40 Mikrogramm/Kubikmeter Luft. Wenn man es so sieht, dürfte ich Weihnachten gar nicht mehr erleben.

Bei dieser Vorstellung drängt sich augenblicklich der Gedanke an Alkohol auf…. Die wichtigsten 9999 Weihnachtsmärkte Deutschlands sind bereits vor Tagen ans Netz gegangen. Deidesheim gehört dazu. Obwohl ich schon dort war, hat sich bei mir aber immer noch kein inneres Leuchten eingestellt. Dabei heißt es doch: „Im Wein liegt die Wahrheit, im Glühwein die Erleuchtung.“ Ich denke, ich sollte die Intensität meiner Besuche erhöhen. Ich könnte mir ja mal ein Beispiel an meinem Schwager nehmen. Der hat oft schon kurz nach Büroschluss „die Lampe an“. Letztes Jahr hat er um halb sechs am Glühweinstand sogar getanzt – und tags drauf gemeint: „Quatsch, ich hab’ versucht, zu stehen!“

Punsch mit „Punch“

Ganz Deutschland glüht vor … auch in Mannheim. Und zwar, wie für Großstädte üblich, mit neuen Sorten wie Glüh-Kör, Glüh-Gin, Glüh-Caipi sowie mit Heißgetränken, die mit Gewürznelken versalzen und mit Kirschwasser und Obstler „verfeinert“ wurden. Braucht ein Punsch eigentlich so viel „Punch“? Und bedeutet „bekömmlich“ keinen Kater? In Deidesheim braucht man keine dieser krassen Kreationen. Wie sympathisch. Außerdem kann ich aufs Auto verzichten. Bin ja vor Ort …

Ich pumpe mein Rad auf. Das Wort Advent steckt in Fahrradventil schließlich drin… Ich fahre an einer Gruppe Studenten vorbei, die sich gerade im Umgang mit Bärten und Perücken übt, um, wenn’s mit dem Taxischein nicht klappen sollte, direkt auf Weihnachtsmann umsatteln zu können. Vor der Weihnachtsbäckerei legt ein Weihnachtsmann vor einer Traube von Kleinkindern gerade los: „Hohoho, draußen vom Walde, da komm’ ich her – mehr darf ich Euch aus Datenschutzgründen leider nicht sagen.“

„Überall diese Weihnachtsmänner“, ist mein letzter Gedanke, bevor ich von einer Junggesellenabschiedsrunde mit Zipfelmützen überrollt werde. Oh Gott, wo bin ich hier? Im Tollhaus vom Nikolaus! Ich brauche Nervennahrung und suche nach meinem Lieblingsgemüse: Marzipankartoffeln. Die haben gleich zwei positive Effekte: der Zucker beruhigt, und ich kann mir bald das Bügeln sparen, weil meine Blusen zu Weihnachten eh faltenfrei anliegen. Na dann: Frohe Weihnachten!

Anne Vogd.
Anne Vogd. Foto: Vogd/frei
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