Neustadt
Angst um Menschen in der Ukraine
Regina Hanischs Mann war lange Vorsitzender des Vereins Kinder von Shitkowitschi – Leben nach Tschernobyl mit Sitz in Böhl-Iggelheim, der auch in Neustadt aktiv ist. Die Ereignisse in der Ukraine machen die Familie fassungslos. Wie Hanisch erzählt, hat die Familie enge Kontakte ins Land. Gerade erst am Montag habe sie mit ihrer Schwägerin in Odessa gesprochen. „Wir haben ihr zum Geburtstag gratuliert und gefragt, wie die Lage ist. Keiner dort ging von einer Invasion aus.“ Aktuell steht laut der 58-Jährigen die Frage im Raum, ob die Familie in die Pfalz geholt werden kann.
Aber auch auf der anderen Seite gebe es Freunde, die von den aktuellen Geschehnissen betroffen seien: „Wir haben einen Freund in Belarus. Er ist Busfahrer und lange die Strecke von Minsk nach Odessa gefahren.“ Auch mit ihm will Hanisch telefonieren und fragen, wie sie helfen können. Die Situation sei einfach beängstigend: „Man kann sich nicht in Putin hineinversetzen. Drohen ist ja das eine, aber Ausführen ist noch mal eine ganz andere Sache.“
Neben der Überlegung, selbst Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen, könnte auch der Verein Kinder von Shitkowitschi, in dem ihr Mann noch stark aktiv sei, einen Beitrag leisten.
„Hektische Situation“
Eine, die hilft, ist auch Julia Taips. Sie ist Ansprechpartnerin des Arbeitskreises Ukraine-Pfalz der Evangelischen Kirche der Pfalz und bereitet die Aufnahme von Binnenflüchtlingen im Westen der Ukraine vor. Taips ist Stadträtin, gehört dem Rat der Deutschen in der Ukraine an und hat der RHEINPFALZ in einem Telefonat über die aktuelle Lage berichtet – soweit man sich davon aufgrund des schlechten Netzes und gestörter Internet-Verbindungen einen Überblick verschaffen könne.
„Die Situation ist hektisch, es wurden viele Militärobjekte im ganzen Land angegriffen“, sagt sie. Die Lage in der Westukraine, die an Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien grenzt, sei bisher ruhig. „Aber wir erwarten sehr viele Binnenflüchtlinge aus den umkämpften Städten wie Odessa, Kiew oder Charkow.“
„Die Nachrichtenlage ist schwierig; es gibt so viele Fake News“, so Taips. Ihre Einschätzung: „Die Situation soll eskalieren, es soll Panik ausgelöst werden.“ Einen wirklichen Überblick könne man nicht haben, aber „wir hören von Menschen in den umkämpften Gebieten, die dort geblieben sind, dass es ganz viele Opfer gibt – nicht nur bei unseren Truppen, sondern auch in der Zivilbevölkerung.“ Sorge bereitet ihr zudem die Einnahme des Gebiets um das zerstörte Atomkraftwerk von Tschernobyl.
Mahnwache auf Marktplatz
Sorge verspüren auch die Menschen in Neustadt. Ihre Anteilnahme zeigten sie zum Beispiel am Freitag auf dem Marktplatz: Dort wurden Regenbogenfahnen mit der Aufschrift „Pace“ geschwungen, Plakate in den Farben blau und gelb hochgehalten und Friedenslieder gesungen. Rund 100 Menschen erklärten sich dort – mit Maske und Abstand – bei einer von der Friedensinitiative Neustadt organisierten Mahnwache solidarisch mit der Ukraine.
Die Leidtragenden des Kriegs seien die Menschen in Europa, insbesondere in der Ukraine, sagte Hans-Jürgen Hemmerling, Vorsitzender der Initiative. Mirjam Alberti vom Deutschen Gewerkschaftsbund gedachte der Opfer und ihrer Familien. Und sie erinnerte daran, dass es in Russland bereits Widerstand gegen die Putin-Regierung gegeben habe.
Schloss in Blau-Gelb
Als Zeichen der Solidarität erstrahlt das Hambacher Schloss seit Freitagabend in den ukrainischen Nationalfarben. „Wir verurteilen den völkerrechtswidrigen russischen Krieg gegen die Ukraine auf das Schärfste“, teilten die Schlossstiftung und die Stadt Neustadt mit. In dieser zutiefst bedrückenden Lage gelte die Solidarität der Ukraine, insbesondere allen Menschen, die Opfer zu beklagen hätten und die zur Flucht gezwungen worden seien. Der Gedanke der internationalen Solidarität gehöre bis heute zur Identität des Hambacher Schlosses und der Demokratiestadt Neustadt.
Hilfstransport geplant
Derweil hat am Freitagabend der Arbeitskreis Ukraine-Pfalz getagt. Co-Vorsitzender Carsten Hofsäß aus Lachen-Speyerdorf bat im Anschluss um Spenden. Geplant seien Hilfstransporte bis zur ungarisch-ukrainischen Grenze. Gebraucht werden Kleidung, Corona-Masken und -Schutzanzüge, Verbandsmittel, Krankenhausbedarf (aber keine Medikamente), Bettwäsche und Handtücher, ebenso Etagenbetten, weil diese gut im Lkw gestapelt werden könnten. Auch Geldspenden seien willkommen, zumal der Transport teuer sei. Ansprechpartner sind Carsten Hofsäß, Telefon 0151 40063235, und Pfarrer Stephan Oberlinger, protestantische Kirchengemeinde Lachen-Speyerdorf, Telefon 06327 976909. Spendenkonto: Evangelische Bank,
IBAN: DE68 5206 0410 0000 5025 02, Betreff Soforthilfe AK Ukraine-Pfalz.