Neustadt Alte Schuld und tiefes Schweigen

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Neustadt. Mechtild Borrmanns „Trümmerkind“ ist so ein Buch, das man den ganzen Tag mit sich herumträgt und bei dem man jede freie Minute nutzt, um weiterzulesen. Ein Kriminalroman? Eher eine Familiengeschichte mit kriminalistischem Hintergrund, die ins Hamburg der frühen Nachkriegszeit führt. Nächste Woche stellt die Autorin aus Bielefeld den Roman in der Neustadter Osiander-Filiale vor.

Vordergründig ist „Trümmerkind“ die Geschichte eines Findelkindes, das die Geschwister Hanno und Wiebke im zerstörten Hamburg der Nachkriegszeit völlig verlassen auffinden und mit nach Hause nehmen. Hanno entdeckt auf der Suche nach Holz zudem ganz in der Nähe eine Tote: „Er trat in den hinteren Teil des Raumes. Da lag etwas Großes. Es schimmerte weißlich. Was war das? Zwei, drei Schritte vor, dann blieb er abrupt stehen. Er stand lange da und starrte den nackten Körper an. An Marmor dachte er, an leuchtend weißen Marmor mit graublauen Linien, und daran, dass sie eine schöne Frau gewesen war.“ Ein authentischer Kriminalfall liegt dem Roman zugrunde: die sogenannten Trümmermorde aus dem Jahr 1947. Mit 50 000 Plakaten suchte die Polizei damals nach Angehörigen in den vier Besatzungszonen. Doch es meldete sich niemand, und die Mordserie ist bis heute nicht aufgeklärt. Mechtild Borrmann war davon fasziniert, dass diese Opfer nie identifiziert worden sind: „Ich hatte das dringende Bedürfnis, diesen Menschen eine Identität zu geben, wenn auch nur eine fiktive“, erklärt sie. Dabei lässt sie drei Handlungsstränge parallel verlaufen. Zwei davon spielen nach dem Krieg in Hamburg und der Uckermark, einer in den 90ern im Nordosten Brandenburgs. Als Leser ist man gespannt darauf, wie es weitergeht mit der Familie Dietz, die in Hamburg im entbehrungsreichen Winter 1947 ums nackte Überleben kämpft. Gott sei Dank kann sich die Mutter Agnes mit Näharbeiten etwas dazuverdienen: „Wenn Hanno und Wiebke nicht bald mit etwas Brennbarem nach Hause kamen, würde das Kleid nicht pünktlich fertig werden. (…) die Arbeit zog sich hin, weil die Kälte ihre Finger steif und unbeweglich machte.“ Parallel dazu wird erzählt, wie die Familie Anquist ihr Herrenhaus in Vorpommern auf Geheiß der sowjetischen Besatzer verlassen muss, und die sogenannte Jetztzeit spricht von einer Nachfahrin, die einem dunklen Familiengeheimnis auf der Spur ist. Joost, das ehemalige Findelkind, inzwischen ein erfolgreicher Architekt, ist ebenfalls auf der Suche, nämlich nach seiner Herkunft. Borrmann schildert meisterhaft das Nachwirken von Schuld und Sühne. Ein großes Thema im Roman ist das Schweigen, man kann gar von Totschweigen sprechen: Joost spricht die ersten Monate bei der Familie Dietz kein Wort, und auch Clara Meerbaum, die Mutter einer der Protagonistinnen schweigt: „Die Mutter ist den Tränen nahe und verfällt in diesen jammernden Ton. ,Gib doch endlich Ruhe. Siehst du nicht, wie du mich quälst? Ich kann und will nicht davon sprechen. Nie wieder. Hörst du!’“ Aber auch Gefühle spielen eine große Rolle, ohne dass das Buch deshalb ins Rührselige abdriften würde: Etwa als Hanno in einem ausgemergelten Kriegsheimkehrer seinen Vater erkennt oder dieser in betrunkenem Zustand seine Frau schlägt, weil er Joost als „Kuckuckskind“ ansieht: „Theater … Hure ... Bastard.“ Borrmann spricht davon, dass sie unterhalten, darüber hinaus aber auch eine Botschaft transportieren möchte: So hat sie Schauplätze besucht, mit Zeitzeugen gesprochen, ganz so wie Anna Meerbaum im Buch, und im Hamburger Staatsarchiv recherchiert. Herausgekommen ist ein atmosphärisch dichtes und ergreifend realitätsnahes Buch, bei dem schließlich alle Handlungsfäden zu einer bewegenden Geschichte dreier Frauenschicksale zusammenlaufen. Und hochaktuell ist das Ergebnis einer polizeilichen Vernehmung im Jahr 1993, als sich zeigt, dass sich bis damals bei vielen Tätern aus der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte keinerlei Unrechtsbewusstsein ausgebildet hatte. Mechtild Borrmann, 1960 in Köln geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend am Niederrhein. Bevor sie sich ab 2006 dem Schreiben von Kriminalromanen widmete, war sie unter anderem als Tanz- und Theaterpädagogin und Gastronomin tätig. Mit „Wer das Schweigen bricht“ schrieb sie 2011 einen Bestseller, der mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet wurde und wochenlang auf der Krimi-Zeit-Bestenliste zu finden war. Für „Der Geiger“, erschienen 2012, wurde Borrmann als erste deutsche Autorin mit dem renommierten französischen Publikumspreis „Grand Prix des Lectrices“ der Zeitschrift „Elle“ ausgezeichnet. Mit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ erreichte sie 2015 die Nominierung für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis. Noch Fragen? Mechthild Borrmann liest am Donnerstag, 4. Mai, um 20 Uhr in der Neustadter Buchhandlung Osiander aus ihrem Roman „Trümmerkind“ (Droemer-Verlag, Hardcover, 304 Seiten, 19,99 Euro, Taschenbuchausgabe, 304 Seiten, 10,99 Euro). Eintritt: 8/6 Euro. Karten unter Tickethotline 0800-9201300. |Foto: ettrich

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