Neustadt Als zur Strafe noch der Stock drohte

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„Hände falten, Schnabel halten, den Kopf nicht drehen und den Lehrer ansehen, stille sitzen, Ohren spitzen.“ Mit diesem alten Spruch führt der pensionierte Lehrer Hans Steidel von den Museumsfreunden im antik möblierten Schulsaal des Haßlocher Heimatmuseums im Ältesten Haus in der Gillergasse in seine historische Schulstunde ein. Für die Klasse 5 d der Haßlocher Siebenpfeiffer-Realschule plus ist dabei fast alles Neuland. In den kleinen Schulbänken ordentlich sitzend die Federhalter ins Tintenfass zu tauchen und Sütterlin in Schönschrift zu schreiben, das ist eine echte Herausforderung für die Schüler. Die Sütterlin-Schrift geht auf den Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin zurück, der sie 1915 als eine idealisierte Ausgangsschrift für den Schulunterricht entwarf. Die Schrift wurde 1941 von den Nationalsozialisten abgeschafft und durch die lateinische ersetzt. Die Übernahme der lateinischen Schrift sollte die Beherrschung des „großgermanischen Europa“ erleichtern. Um die Kinder in die alte deutsche Schrift mit ihren seltsamen Strichen und Bögen einzuführen, hat Steidel ein Arbeitsblatt ausgeteilt, auf dem einige Buchstaben zu sehen sind. Nun haben die Realschüler die Aufgabe, das Rätsel um die Tiernamen auf dem Blatt zu lösen, die zu entziffern sind. Schnell wird deutlich, dass Klassenlehrerin Barbara Locker am gestrigen ersten Tag der Projekttage bereits mit ihren Schülern vorgearbeitet hat. Vor allem Iven kann inzwischen schon ganz gut Sütterlin lesen und meldet sich mit dem ersten Wort: „Ziege“. Danach schreiben alle Schüler das Wort mit dem Federhalter auf das Blatt. Dass einige sich dabei die Finger mit Tinte beklecksen, wäre früher unweigerlich vom Lehrer bestraft worden, erklärt ihnen Steidel. In der Ecke stehen müssen war dabei noch das Harmloseste, erfahren die Schüler, als der Lehrer ihnen anhand eines dicken und eines dünnen Rohrstocks aus Museumsbeständen die Werkzeuge für den Gipfel der drakonischen Strafen zeigt. Dass der Rohrstock eingesetzt wurde, ist noch gar nicht so lange her: Weil der 1953 eingeschulte Steidel das Pluszeichen bei einer Rechenaufgabe zu groß schrieb, wurde er damals vor der Klasse vom Lehrer übers Knie gelegt. Diese Geschichte erzählt er den Kindern, die ihm gespannt zuhören. Eine andere Strafe sei einst gewesen, dem Missetäter eine Mütze mit großen Eselsohren aufzusetzen und ihn damit auf den Schulhof zu schicken, so Steidel weiter, während die Schüler sich mit den Schriftzeichen abmühen und nach und nach die Rätsel um die Sütterlin-Schreibung von „Qualle“, „Taube“ und „Ypsilon“ lösen. Steidel ist am Ende sehr mit den Kindern zufrieden: „Das sieht schon gut aus“, lobt er. Schließlich sei Lob wichtig für den Lernerfolg – nicht nur Tadel. Als Höhepunkt betritt er als Lehrer von anno dazumal die Klasse, lässt die Schüler artig die Hände auf den Tisch legen, sich korrekt melden, aufstehen, in einem ganzen Satz Antwort geben und sich wieder hinsetzen. Als er zum guten Schluss von jedem einzelnen den Spruch vom Anfang abfragt, ist in den Augen der Schüler mindestens Respekt, fast sogar ein wenig Angst vor dem Lehrer zu lesen. Von wegen gute alte Zeit: Die Kinder erkennen, wie frei sie heute sind und wie locker der Umgang mit ihrer Lehrerin ist, die kürzlich sogar mit ihnen gemeinsam in der Schule übernachtet hat. Alfons Ruf, ebenfalls ehemaliger Lehrer von den Museumsfreunden, hatte den zweiten Teil der Zeitreise übernommen und die von Lehrerin Margit Lamm begleiteten Schüler ins alte Handwerk eingeführt, ihnen zum Beispiel auch historische Feldwerkzeuge gezeigt. Dafür wurde die 25-köpfige Klasse jeweils in zwei Gruppen aufgeteilt, so dass alle Schüler beide Schulstunden erleben konnten.

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