Neustadt Agrarsturm auf Berlin
„Bitte, wer sind Sie?“, fragt die Frau am anderen Ende der Leitung irritiert. „Na, der Gerhard Hoffmann aus Göcklingen“, antwortet der Anrufer. Dann fügt er hinzu: „Ich möchte bitte unsere Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner treffen.“ Die Vorzimmerdame im Berliner Ministerium versucht, den Südpfälzer abzuwimmeln. „Da kann doch nicht jeder kommen“, sagt sie. Und Hoffmann ganz forsch: „Ich bin ja auch nicht jeder.“ Tatsächlich kennt man den Landwirt hierzulande als den Erfinder des Göcklinger Gockelkrähwettbewerbs. Hoffmann ist außerdem Biowinzer der ersten Stunde. In den 1980er-Jahren hat er auf ökologischen Weinbau umgestellt – als einer der Ersten in Rheinland-Pfalz. Sein Ruf als radikaler Biowinzer, der seine Pflanzenschutzmittel nach eigenen Rezepten selbst herstellt, eilt ihm heute voraus. Und Hoffmann ist noch mehr: Er engagiert sich im Gemeinderat seines Dorfes, ist CDU-Mitglied, bekennender Katholik und um die 50 Jahre alt. Außerdem ist er Kurator – an dieser Stelle sei das Gockel-Museum erwähnt – und stolzer Ehemann der pfälzischen Weinkönigin Claudia II., die von 1993 bis 1994 im Amt war. Zurzeit aber ist Hoffmann vor allem eines: wütend. Er ärgert er sich über die deutsche Umwelt- und Landwirtschaftspolitik. Und das schon lange. „Die lassen billige und qualitativ schlechtere Importe aus dem Ausland zu und nehmen damit in Kauf, dass deutsche Landwirtschaftsbetriebe aussterben. Vor allem die kleinen Betriebe“, erklärt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Erst vor Kurzem habe er in einem Supermarkt ein Kilogramm Tomaten für einen Euro gesehen. Natürlich aus dem Ausland importiert, wie er sagt. „Da können wir nicht mithalten“, betont Hoffmann. Um die deutschen Betriebe vor dem Ruin zu schützen, hält der Biobauer höhere Zölle auf Auslandsprodukte für eine Lösung. Außerdem sollten Erzeugnisse aus Deutschland zuerst vermarktet werden. Dazu gehöre es auch, bei den Verbrauchern ein Bewusstsein für gute Produkte zu schaffen. Der Göcklinger sieht sich und seine Landwirtschaftskollegen – egal ob bio oder konventionell – noch anderweitig bedroht: Da sind zum Beispiel die Glyphosat-Debatte und der geforderte Mindestlohn. „Zwölf Euro Stundenlohn sind für einen Bauer, ohne Preissicherung seiner Produkte, nicht finanzierbar“, betont Hoffmann. Und er fragt sich: „Ist unsere Arbeit eigentlich nichts wert? Warum bekommen wir für unsere Produkte keine anständigen Preise? Wo bleibt die Wertschätzung?“ Angesichts der ihm immer bedrohlicher erscheinenden Entwicklungen hat er vor zwei Jahren einen ungewöhnlichen Entschluss gefasst: einen „Agrarsturm auf Berlin“. Mit dem Traktor zum Deutschen Bundestag. Und das ist sein Plan: Am Montag, 1. April, fährt der Rebell mit einem großen Ackerschlepper los. Nicht sein eigener, sondern von einem Kollegen geliehen. „Der ist sicherer, schneller und imposanter als meiner“, erklärt der Pfälzer. Täglich will er 250 bis 280 Kilometer zurücklegen. Über Land, durch sieben Bundesländer. Unterwegs will er mit unterschiedlichen Landwirten, die seinen Weg kreuzen, ins Gespräch kommen. Über die unsinnige Form der Subventionen, die irrsinnige Bürokratie und die Folgen des Klimawandels, über den Stellenwert von kleineren Höfen und die mangelnde preisliche Wertschätzung der Produkte und des Berufsstandes, wie er sagt. „Wie ich sollen sie ihre Forderungen auf Wunschlisten formulieren, die ich Frau Klöckner und der Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) überreichen werde.“ Das Treffen ist für Donnerstag, 4. April, geplant. Während seines Telefonats mit der Vorzimmerdame im Ministerium hat sich der beredsame wie entschlossene Bauer nämlich nicht abwimmeln lassen. Ein parlamentarischer Staatssekretär des Landwirtschaftsministeriums habe bereits zugesagt. Ebenso Bundestagsmitglied Thomas Gebhart (CDU) und Landtagsabgeordnete Christine Schneider (CDU). „Eigentlich freue ich mich, wenn Frau Klöckner nicht kommt. Das beweist endlich ihr Desinteresse an uns Bauern“, sagt er herausfordernd. „Ich brauche keinen Porsche“, betont er. „Mit meiner Familie will ich einfach nur leben können. Sonst nichts.“