Hintergrund
23 Grad: Wie Sportler im Neustadter Stadionbad nicht frieren
23 Grad können ziemlich frisch sein. Das wissen die, die im Stadionbad im Winter bei 23 Grad Wassertemperatur schwimmen. Während der Öffnungszeiten im öffentlichen Schwimmbetrieb ist längst nicht mehr so viel Betrieb wie in früheren Wintersaisons, als das Wasser noch 26 Grad warm war. „70 Prozent der Besucher sind nach wie vor begeistert, dass das Bad geöffnet ist“, erzählt Holger Mück, Geschäftsführer der Neustadter Stadtwerke, von den Rückmeldungen des Stadionbad-Personals. „30 Prozent ist es zu kalt.“
Zur Erinnerung: Der Stadtrat hatte Mitte September beschlossen, die Traglufthalle Moby Dick für den Winterbetrieb im Stadionbad aufzubauen, obwohl der Bund von den Kommunen verlangt, den Gasverbrauch um 15 Prozent zu senken. Das bedeutet für Neustadt mit einem Verbrauch von 33.700.000 Kilowattstunden, dass 5.055.000 Kilowattstunden (kWh) eingespart werden müssen: 154.400 kWh brachte das Absenken der Wassertemperatur in allen Neustadter Bädern bis zum Ende der Sommersaison am 4. September. 1.711.000 kWh werden eingespart mit Reduzieren der Raumtemperatur auf 19 Grad in Verwaltungs-, Feuerwehrgebäuden und Turnhallen, 311.000 kWh mit Absenken der Temperatur auf 19 Grad in Festhallen und Verkehrsräumen. Wäre das Stadionbad im Winter geschlossen geblieben, wären damit auf einen Schlag 3,13 Millionen kWh eingespart. Insgesamt wären dies dann 5.306.700 eingesparte kWh für Neustadt. Da das Bad aber geöffnet ist bei reduzierter Wasser- und Raumtemperatur auf 23 beziehungsweise 26 Grad, bringt die Gaseinsparung nur noch 833.000 kWh. Mit den anderen Maßnahmen sind dies im Endeffekt nur 3.009.700 Kilowattstunden.
Stundenablauf geändert
„Nach einer halben Stunde im Wasser frieren die einfach – die kann man dann nicht mehr motivieren“, erzählt Heike Renner, Betreuerin in der Schwimmgruppe des TV Mußbach für Sieben- bis Neunjährige, von ihren Erfahrungen. Die Mußbacher haben den Stundenablauf geändert, zeigen nach dem Aufwärmprogramm im Trockenen den Kleinen die bevorstehenden Übungen ebenfalls an Land.
Die DLRG (Deutsche Lebensrettungsgesellschaft) Neustadt hat die Trainingszeiten sogar verlängert. „Damit wir zwischendurch mehr Aufwärmpausen machen können“, erklärt Rettungsschwimmerin Lea Hisserich. „Wir schwimmen ganz normal zwischen 2500 und 3500 Meter pro Einheit“, ergänzt ihr Vereinskollege Linas Orth. Er möchte sich nicht wie so manch anderer Sportler oder auch Badegast einen wärmenden Neoprenanzug anziehen: „Damit fühle ich mich so eingeschränkt.“
Mit Shorty
Den Eltern kleiner Kinder empfählen sie aber, dem Nachwuchs einen Shorty, einem kurzärmeligen Neoprenanzug, der die Beine nur an den Oberschenkeln bedeckt, anzuziehen, sagt Metin Tas, Technischer Leiter der DLRG Neustadt.
Die Mutter der sechsjährigen Annika hat bereits einen Shorty fürs Üben in der Schwimmschule des SC Neustadt gekauft. „Ohne Neopren ginge es nicht“, stellt sie fest. „Ich finde es aber gut, dass das Schwimmbad auf ist“, fügt sie hinzu. Trotz des kühlen Wassers seien sie alle froh, dass das Bad geöffnet sei, stimmt Tas ihr zu: „Andere DLRG-Ortsgruppen können gar nicht trainieren.“
Thien Nguyen trainiert im SCN den Förderkader, aber auch die Pinguine, eine Breitensportgruppe für Sieben- bis Achtjährige. Die Leistungssportler hätten vor der Energiekrise 90 Minuten pro Trainingseinheit im Wasser verbracht. Jetzt sei es „ein bisschen mehr als eine Stunde“. Nguyen: „Die Füße sind kalt, die Hände sind kalt – die Schwimmer frieren.“ Zwei Sportler habe er verloren. Die hätten bereits im Sommer gefroren, als die Wassertemperatur auf 23 Grad abgesenkt worden sei.
Aufwärmen im Trockenen
Die neun kleinen Pinguine hält er stets in Bewegung, lässt sie durchs Wasser laufen mit kreisenden Armen, lässt sie hüpfen und und wie Delfine springen. „Wie ist es im Wasser?“, erkundigt er sich besorgt. „Megawarm“, antwortet ein sichtlich begeistertes Mädchen. Nguyen muss schmunzeln: „Ich weiß nicht, ob die Kleinen schon Ironie benutzen ...“
Wie die Pinguine machen sich auch die Sieben- und Achtjährigen in der Hai-Gruppe von Übungsleiterin Dorothee Strobl-Berger eine Viertelstunde lang im Trockenen warm, bevor es ins Becken geht. Ebenso wie bei den Mußbachern erklärt sie den Jungen und Mädchen während des Aufwärmens die Übungen, die sie im Wasser absolvieren sollen. Strobl-Berger weiß um die Herausforderung für die Kinder: „Es ist für Siebenjährige eine ganz große Konzentrationsleistung, sich das alles zu merken.“
Nachteil des Neoprens
Strobl-Berger sieht das Tragen eines Neoprenanzugs kritisch: „Ich erlaube es, aber er verändert die Wasserlage. Die Kinder lernen nicht richtig schwimmen.“ Luft zwischen der Haut und dem Neopren sorgt für Auftrieb des Schwimmers. „Die Kinder können mit dem Anzug nicht tauchen. Sie müssen aber lernen, unter Wasser auszuatmen – das geht mit Neo nur an der Wasseroberfläche.“
Wie die Kleinen üben auch die Großen so manches außerhalb des Beckens. Die U18-Wasserballer des SC Neustadt „machen viel Passspiel und taktische Sachen draußen“, erzählt Luis Ananias, Spieler und Betreuer. Im Aquaball, einer Vorstufe zum Wasserball, trügen die Acht- bis Zwölfjährigen ebenfalls Shortys. Der Trainer der Männermannschaft, Thorsten Preuß, habe seine Spieler ebenfalls gefragt, ob sie sich solche Neoprenanzüge zulegen wollten. „Es hat aber keiner reagiert“, sagt Ananias und lacht. In einem Spiel merke man die Wassertemperatur ohnehin nicht. „Wir hatten schon öfter Auswärtsspiele in Esslingen und Darmstadt, da war es auch kalt, so um die 23 Grad.“
Im Eimer
Peter Jacqué, Coach der U18-Wasserballer in der Bundesliga, muss ebenfalls lachen. Er erinnert sich an sehr viel kälteres Wasser. So um das Jahr 1965 herum hätten sie an Aufstiegsspielen für die Oberliga Süd teilgenommen. „Das Wasser hatte 16, 17 Grad“, weiß Jacqué noch sehr gut. „In der Viertelpause haben wir vier Eimer mit warmem Wasser geholt.“ Ein Spieler nach dem anderen sei quasi auf allen vieren mit den eiskalten Händen und Füßen für einen Moment zum Aufwärmen in die vier Eimer rein. Heutzutage habe der Deutsche Schwimmverband festgelegt, dass bei einer Temperatur unter 21 Grad nicht gespielt werden dürfe, „auch weil wir längere Spielzeiten haben“. Früher waren es nur viermal fünf, heute sind es viermal acht Minuten.
Taucher gut ausgerüstet
Die Taucher des STC Nautilus sind in der glücklichen Lage, schon Neoprenanzüge zu besitzen. Die sind Bestandteil ihrer Ausrüstung. Katharina Perkhofer, bekleidet mit einem fünf Millimeter dicken Neo, steht auf einer Treppe nur mit den Füßen im Wasser. „Sogar die Füße finden es kalt“, stellt sie schmunzelnd fest. In der Woche zuvor sei sie noch im Badeanzug geschwommen. „Nach 1000 Metern musste ich raus – es hat weh getan.“
Ihr Tauchkollege Jürgen Letsch nimmt die 23 Grad mit Humor: „Im See ist es kälter.“ Die Taucher seien gut ausgerüstet, erzählt er und verweist nicht nur auf den Neoprenanzug, sondern auch auf Schuhe und Hauben aus dem synthetischen Kautschuk. „Über den Kopf verliert man viel Energie.“ Sein Fazit bei all der guten Taucherausstattung: „Es könnte noch viel kälter sein.“
„Aus gesellschaftlichen Erwägungen“
Wichtig sei, betont Michael Heinz, „dass die Stadt Neustadt sich für ein Öffnen des Stadionbads im Winter aus gesellschaftlichen Erwägungen heraus entschieden hat“. Der Wasserball-Manager des SC Neustadt nimmt damit Stellung zum Artikel „Kritik am Hallenbad-Ja“ in unserer Ausgabe vom 7. Oktober.
Darin wurde Ekkehard Holzer aus der SPD-Mitgliederversammlung in Gimmeldingen zitiert: Mit der Öffnung des Stadionbads im Winter würden Millionen „verjodelt, damit der Schwimmclub schwimmen kann, während sich die alte Oma den Hintern abfriert“. Heinz: Holzer hinterlasse den Eindruck, dass das Schwimmbad nur für den Schwimmclub aufgemacht worden sei. „So etwas darf man nicht stehen lassen.“ Das Zitat hetze die Bevölkerung gegen den Schwimmclub geradezu auf.
Zusätzliche Belastung „keine Millionen“
Die Stadt Neustadt sei in einem Zielkonflikt. „Die Landesregierung hat für Kommunen, die nur zehn Prozent des Gesamtenergieverbrauchs Deutschlands ausmachen, ein Einsparziel von 15 Prozent ausgerufen“, schreibt Heinz. Neustadt könne ein solches Ziel mit dem energieintensiven Schwimmbad nicht erreichen. Gleichzeitig hätten das Innenministerium in Rheinland-Pfalz und der Deutsche Städte- und Gemeindebund dazu aufgerufen, gesellschaftsrelevante Einrichtungen wie Schwimmbäder von diesen Sparzielen auszunehmen. „Die höheren Gaspreise bedeuten eine zusätzliche Belastung für die Stadt, die jedoch durch Kostensenkungsmaßnahmen“ wie das Herabsetzen der Temperatur, das Nichtauswechseln des Wassers sowie den Verzicht auf Instandhaltungsarbeiten gedämpft werden könne. Die zusätzliche Belastung liegt laut Michael Heinz bei circa 100.000 Euro, kann jedoch stark ansteigen, „wenn man andere Annahmen zu Grunde legt“. Aber es seien keine Millionen.
Zwei grad mehr „wären super“
Wenn die Bundesregierung sich zur Entlastungen zum jetzigen Gaspreis durchringen sollte, sollte Neustadt in Erwägung ziehen, die Wassertemperatur ein wenig nach oben zu regeln. Heinz: „Zwei Grad wären super.“ Damit läge man immer noch ein Grad unter dem Durchschnitt der deutschen Schwimmbäder. „Fast alle Bäder haben sich auf 26 Grad eingependelt“, hat sich Heinz erkundigt. „Damit würde man sparen, jedoch das Schwimmen für Kleinkinder und Erwachsene wieder attraktiv machen“. Denn wenn am Ende die Schwimmer wegblieben, dann habe man irgendwie mit Zitronen gehandelt. Wichtig sei, dass diese Kostenerhöhung alle öffentlichen Einrichtungen betreffe und nicht nur das Schwimmbad.