Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wie die Klimaaktivisten den Berufsverkehr blockierten

Die Aktivisten der Letzten Generation klebten sich in Mannheim auf der Straße fest .
Die Aktivisten der Letzten Generation klebten sich in Mannheim auf der Straße fest .

Fünf Klimaaktivisten der sogenannten Letzten Generation haben sich am Dienstag unweit des Hauptbahnhofes mit Sekundenkleber auf der Straße befestigt und den Berufsverkehr für zirka eine Stunde lahmgelegt. Das Echo fällt geteilt aus.

Um 8.30 Uhr stoppt der Verkehr blitzartig auf der Bismarckstraße. In orangenen Leibchen gekleidet und mit Transparenten in den Händen, stellen sich fünf junge Menschen auf den Fußgängerüberweg über der ehemaligen Borelly-Grotte, und blockieren somit eine der Hauptverkehrsadern in den Quadraten. Für die Fahrzeuge, die vom Wasserturm oder auch der Reichskanzler-Müller-Straße Richtung Schloss und Ludwigshafen wollen, gibt es schlagartig kein Durchkommen mehr. Und auch der Gegenverkehr staut sich.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Erstaunlich leise ist es zu Beginn. Kaum Hupen, und auch kein Wort der stillen Protestanten, die auf ihren Plakaten unter anderem ein Tempolimit von 100 km/h und ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket fordern. Erst als ein junger Mann in Parkajacke, Raúl Semmler, einen Kleber aus dem Rucksack kramt, sich auf eine blaue Matte setzt und seine rechte Hand mit dem flüssigen Kitt an der Straße befestigt, dann von Mikrofonen und Kameras umzingelt wird, und seine Statements öffentlichkeitswirksam abgeben will, beginnt ein schillerndes Hupkonzert. Die Wut der blockierten Autofahrer hinter dem Lenkrad wird spürbar.

Die Kreuzung war binnen kurzer Zeit blockiert.
Die Kreuzung war binnen kurzer Zeit blockiert.
Der Verkehr auf der Bismarckstraße stoppte blitzartig.
Der Verkehr auf der Bismarckstraße stoppte blitzartig.
Die Polizei war schnell vor Ort und beendete die Blockade.
Die Polizei war schnell vor Ort und beendete die Blockade.

Foto 1 von 3

Für Semmler ist es nicht die erste Blockade. Der Klimaaktivist aus Mannheim ist auch als Schauspieler bekannt (unter anderem aus Sönke Wortmanns Historiendrama „Die Päpstin“) . „Ich kann den Ärger verstehen, aber das ändert nichts daran, dass wir handeln müssen. Was ist eine Stunde Verspätung im Vergleich zur Klimakatastrophe? Da haben wir schon fünf nach zwölf“, sagt er.

Wüste Beschimpfungen

Ein Kleintransporter der RNV (Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft) steht als erster in der Schlange. Der ältere Fahrer gibt sich erstaunlich ruhig, schaut sich das Spektakel durch die Frontscheibe an - und gibt ebenfalls bereitwillig Interviews. Er sei auf dem Weg zum Paradeplatz, dort müsse ein Kartenautomat repariert werden. „Es ist nichts Dramatisches, ich kann es jetzt eh nicht ändern“, sagt er gelassen. Andere Wartende reagieren gereizter. Wüste Beschimpfungen und Beleidigungen, auch Kraftausdrücke fallen. „Ihr seid doch bekloppt!“ „Geht arbeiten“, oder „Pack!“ sind noch die harmlosen Varianten. Aber auch Lob gibt es. „Weiter so, danke dafür!“, sagt eine junge Pendlerin, die mit dem Zug statt dem Auto zur Arbeit fährt und vorbeiläuft. Guido Merkli kann hingegen nur den Kopf schütteln. „In der Schweiz haben wir das auch. Ich kann die Forderungen ja verstehen, aber nicht ganz nachvollziehen, warum man dafür die Straße blockiert. So sehen es die betroffenen Leute nur als Hindernis, die Forderungen gehen dabei unter“, findet der ältere Herr aus Zürich, der auf dem Mannheimer Weihnachtsmarkt einen Stand betreibt.

Immer mehr Kritik mussten die Klimaaktivisten der Letzten Generation zuletzt für ihre Aktionen erfahren. Vom streitbaren Kartoffelbreiwürfen auf Kunstgemälde bis hin zu Diskussionen über das Freihalten von Rettungsgassen bei ihren Blockaden. Als „übertrieben“ empfindet Aktivist Semmler den Protest aber nicht, an den Methoden wolle man festhalten. „Ziviler Ungehorsam ist zu Beginn immer unbeliebt, aber wir sind friedlich und erfahren auch Zuspruch. Hart ist, dass die Bundesregierung das Pariser Abkommen nicht einhält, dass der CO2-Ausstoß immer noch doppelt so hoch ist“, hält er entgegen.

Polizei vor Ort

Bald schon wird die Polizei aktiv. Viele der Beamten kommen mit dem Fahrrad angeradelt. Gegen 9 Uhr gelingt es ihnen, einen der fünf Aktivisten zu verscheuchen und somit zumindest wieder einen einspurigen Verkehr zu ermöglichen. Sehr vorsichtig zwängen sich die Fahrzeuge an den vier verbliebenen Protestanten vorbei. „Es liegt ein Verstoß gegen das Versammlungsgesetz sowie eine Nötigung im Straßenverkehr vor. Auf diesen Hauptverkehrsachsen sind auch der Rettungsdienst und die Feuerwehr ständig unterwegs. Es ist eine massive Behinderung“, sagt Polizeipressesprecher Manuel Pollner.

Sowohl ein Straftatbestand als auch eine Ordnungswidrigkeit stünden im Raum. Bei einer Ankündigung des Festklebens auf der Straße würden die Beamten eine solche Aktion im Vorfeld verhindern, da diese nicht mit Versammlungsfreiheit gedeckt sei. Ein angekündigter „Anklebe“-Protest wäre für die Klimaaktivisten also nicht möglich. Nach mehreren Megafondurchsagen wird der verbliebene Protest gegen 9.30 Uhr auf- und die festgeklebten Protestanten buchstäblich und unverletzt von der Fahrbahn gelöst. Der Verkehr kann wieder fließen, außer den liegen gelassenen Klebstoff-Plastikhülsen der Klimaaktivisten bleibt um kurz vor 10 Uhr nichts mehr vom Protest übrig.

Mehr zum Thema
x