Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Jungbusch: Vorbeitungen für Nachtwandel in der heißen Phase

Musik, Kunst und Projekte: Die kreative Vielfalt in dem Kiez scheint endlos.
Musik, Kunst und Projekte: Die kreative Vielfalt in dem Kiez scheint endlos.

Der Jungbusch wird am kommenden Wochenende wieder Zehntausende Besucher anlocken. Nach der Corona-Zwangspause präsentiert der Stadtteil wieder seinen besonderen Esprit.

Der Nachtwandel findet statt, die Sterne im Jungbusch leuchten wieder. Am kommenden Wochenende verwandelt sich das frühere Hafenviertel in eine Kunst- und Kulturfestmeile. An über 60 Stationen gibt es Live-Musik, Ausstellungen, Tänze, Theaterinszenierungen und Lesungen zu entdecken, mitten auf der Straße oder in verwunschenen Hinterhöfen dürfen sich die Besucher von Kreativität und Kulinarik überraschen lassen. In seiner 16. Auflage möchte das offene und kostenfreie Stadtteil-Fest nach zwei coronabedingten Ausfalljahren aber weniger Spaß- und Partyzone sein, sondern verstärkt die lebendige Vielfalt des Quartiers hervorheben.

„Wir wollen an unserem Urkonzept festhalten. Der Nachtwandel ist eine Veranstaltung, die nach innen und außen wirkt. Es soll Künstler, Bewohner und das Publikum zusammenbringen, die Gastfreundschaft offensiv nach außen tragen. Gleichzeitig soll es auch das Gemeinschaftsgefühl unter den Bewohnern, die unterschiedlichen Milieus angehören, stärken“, erklärt Quartiersmanager Michael Scheuermann. 2018 und 2019 strömten jeweils fast 30.000 Besucher in den Jungbusch.

Vor 20 Jahren war alles anders

Vor 20 Jahren war der Stadtteil noch alles andere als hippes Szene-Viertel und kultiger Ausgehort. Das Hafenquartier war von Leerstand geprägt, ein Workshop im Jahr 2002 mit dem Titel „Kunst und Kultur – Für einen lebendigen Jungbusch“ gilt als Wiege für den Nachtwandel, der 2003 Premiere feierte. „Er hat eine Faszination, eine Chance der Entwicklung und eine Leidenschaft entfacht, die immer noch da ist“, weiß Scheuermann. Manchen Bewohnern geht diese Entwicklung mit Bars und vielen Nachtschwärmern von auswärts aber auch zu weit.

Vor allem in den Corona-Sommern 2020 und 2021 mit geschlossenen Clubs gab es das Phänomen, dass die Promenade am Verbindungskanal in den Nachtstunden übermäßig stark besucht und der Jungbusch inoffiziell zur letzten Party-Bastion erklärt wurde. Eine Nachtschicht wurde eingeführt, die partyerfahrenen Vermittler zwischen Feiernden und Polizei sind immer noch an den Wochenenden unterwegs. „Die Spannungen aber haben sich inzwischen gelöst, es ist ruhiger und konfliktfreier geworden, seitdem andere Nachtorte wieder geöffnet haben. Auch die Lärmbeschwerden sind insgesamt zurückgegangen“, erzählt Scheuermann.

Laut und leise

Ganz bewusst möchte man beim diesjährigen Nachtwandel neben klassischer Hotspots mit großen Menschenmengen daher auch die leisen Orte des Jungbuschs in den Fokus rücken. Allein 14 spannende Hinterhöfe mit orientalischem Basar, Malerei, Handwerk und Musik sollen die Faszination für den Urgedanken des von Künstlern und Bewohnern initiierten Stadtteilfests wieder erlebbar machen. Leerstände wie sie noch vor knapp 20 Jahren in den Anfängen bespielt wurden, gibt es im Jungbusch kaum mehr. Dafür sogenannte Kultur-Container, die am Verbindungskanal zum Beispiel zu einer experimentellen Lesung mit Schlagzeugbegleitung einladen. Laut dem diesjährigen Kurator Eric Carstensen, selbst im Jungbusch wohnhaft, werden auch die Gastronomien mit Live-Musik und Ausstellungen stärker einbezogen und eine Solidarabgabe leisten.

Kosten von knapp 110.000 Euro schlagen für das Gelingen des Nachtwandels zubuche. Allein 25.000 Euro müssen für Security und das Erschließen von Fluchtwegen aufgebracht werden. Ein Großteil des Aufwands wird durch Sponsoren abgedeckt. Aber auch der Nachtwandel-Becher, der gegen eine Spende von fünf Euro erworben werden kann, ist mehr als ein Kult-Souvenir. „Wenn das Prinzip nicht funktioniert, wäre der Nachtwandel nicht mehr finanzierbar. Eine Eintrittsgebühr passt nicht zum offenen Kunstkonzept“, erklärt Scheuermann.

Finanzierung stand auf der Kippe

„Die Durchführung des Nachtwandels war aus den verschiedensten Gründen auch vor Corona nicht immer selbstverständlich“, erinnert Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) daran, wie das freie Festival Opfer seines eigenen Erfolgs wurde, aufgrund der stetig wachsenden Besucherzahl an seine Kapazitätsgrenze stieß, die Finanzierung auf der Kippe stand und 2016 sogar ganz abgesagt wurde. Inzwischen ist nicht nur die Stadt, sondern auch das Stadtmarketing Verantwortungsträger, ohne sich in das gestalterische Format einzumischen.

„Der Nachtwandel ist eine Marke, die eigentlich keine Werbung braucht. Jeder Besucher hat seine eigene Assoziation und Vorstellung davon. Er ist ein bestes Beispiel dafür, wie ein Fest von innen, von den Einwohnern und aus dem Stadtteil heraus gestaltet wird und sich entwickeln kann“, sagt Stadtmarketing-Leiterin Karmen Strahonja über das Kulturfest, an dem am Freitag, 28., und Samstag, 29. Oktober, von 19 bis 24 Uhr über 800 Künstler an 69 Orten beteiligt sind. „Alle Stationen wird man kaum wahrnehmen können“, weiß auch Peter Kurz, dass das kreative Potenzial des Viertels auch an zwei Abenden gar nicht ganz erlaufen werden kann.

Im Netz

www.nachtwandel-im-jungbusch.de

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