mannheim
Hohe Kosten: Soziale Einrichtungen funken SOS
„Wir sprechen für eine Gruppe von Menschen, die nicht für sich selbst sprechen kann“, macht Philip Gerber vom Paritätischen Kreisvorstand Mannheim auf einer Pressekonferenz klar. Er leitet als Geschäftsführer auch den Drogenverein in der Stadt. Wie er betont, ist das Thema Inflation omnipräsent und betreffe jede der über 50 im Paritätischen Verbund organisierten Einrichtungen in der Stadt.
Ihr breites Spektrum reicht vom Bereich Pflege für Ältere, der Beratung – etwa durch den Gesundheitstreffpunkt, pro familia oder den Sozialverband VdK –, dem Bereich Bildung mit der Waldorfschule, dem Interkulturellen Bildungszentrum und anderen, dem Bereich Hilfen für Menschen mit Behinderung mit allein zwölf Vereinen und Einrichtungen bis hin zu den vielen Vereinen in den Bereichen Familie und Frauen, Kinder und Jugend, Selbsthilfe und Gesundheit sowie Sucht und Drogen.
Kaum Rücklagen
Allein in 44 sozialen Organisationen im Paritätischen Verbund wären in Mannheim von einer Zahlungsunfähigkeit rund 2700 Mitarbeiter betroffen. Die Zahl der betreuten betroffenen Menschen ist um ein Vielfaches größer, aber aus dem Stand kaum zu schätzen, heißt es. „Der massive Anstieg der Energie- und Lebenshaltungskosten sowie die rasant steigende Inflation treffen soziale Einrichtungen und Dienste besonders hart. Viele stehen mit dem Rücken zur Wand und befinden sich in einer finanziell prekären Situation. Denn als gemeinnützige Träger dürfen sie nur begrenzt Rücklagen bilden und sind ohnehin in der Regel unterfinanziert“, schildert Ulf Hartmann, Vorstand des Paritätischen Verbunds Baden-Württemberg die Situation.
Zwar habe das Land Baden-Württemberg inzwischen ein Unterstützungsprogramm angekündigt, dass vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ausdrücklich begrüßt wird, kann Hartmann erfreuliche Neuigkeiten verkünden. Offenbar soll es um einen Umfang von 1,2 Milliarden Euro gehen – aber nicht nur für den Sozialbereich. „Wir müssen darauf dringen, dass alle sozialen Träger bedacht werden. Denn es geht um Menschen mit keinem oder sehr geringem Einkommen“, betont er.
Die derzeit prekäre Lage bestätigte Andrea Knerr, Geschäftsführerin der Stiftung „Wespinstift“ Kinder- und Jugendhilfezentrum in Vogelstang. „Wir sind gebeutelt, richtig am Anschlag. Wir wollen aber trotz Personalsorgen keine Abstriche in der Qualität der Betreuung unserer Kinder machen“, sagt sie.
„Dann müssten Leistungen wegfallen“
Wie Petra Röder, Geschäftsführerin der Reha Südwest Regenbogen betont, könne in Kitas und Häusern für schwerbehinderte Kinder kaum an der Heizung gespart werden. „Wir gehen von einer Nachzahlung der Heizrechnung aus. Das dicke Ende kommt im Frühjahr mit der Abrechnung“, teilt sie ihre Befürchtung mit. „Bei der Beratung in der Drogenhilfe haben wir die Raumtemperatur auf 19 Grad Celsius gesenkt und Pullover empfohlen. Das geht woanders nicht“, räumt Gerber ein. Es gebe Einrichtungen mit Kann-Leistungen, etwa zur Beratung, die man notfalls einfach schließen könne, wenn kein Geld mehr da sei.
„Es gibt aber auch viele Muss-Leistungen, behinderte Kinder können nicht alleine bleiben“, macht er den Ernst der Lage deutlich. In den Kinder- und Jugendeinrichtungen des Wespinstifts müssten in diesem Fall Leistungen wegfallen, meinte Knerr. „Bei uns gibt es eine Insolvenz bei roten Zahlen, wir sind eine gemeinnützige GmbH“, sagt dagegen Röder für die Reha Südwest Regenbogen.
Die Sorge, „vergessen“ zu werden
Ein Beispiel aus der Praxis bildet der gegenwärtige Hartz IV-Satz von 449 Euro für einen Erwachsenen. Nach dem Berechnungsschlüssel sei für Stromkosten ein Betrag von 38,07 Euro pro Monat vorgesehen, sagt Gerber. Stromkosten müssten künftig separat übernommen werden, für den Regelsatz sei eine Erhöhung um 200 Euro erforderlich, lautet die Forderung.
Große Sorgen machen sich die Aktiven des Paritätischen Verbunds darüber, dass bei dem neuen Hilfspaket analog zu den Hilfen zur Corona-Pandemie wieder einige Einrichtungen „vergessen“ werden könnten. Das dürfe nicht passieren, heißt es. Wie die Regelungen für die Hilfen des Landes genau ausfallen sollen, wird nun mit Spannung erwartet.