Ludwigshafen Zwischen Ruhe-Oase und Rampenlicht

Mannheim. Miriam Ostermann macht Sport eigentlich für sich selbst und wegen des Spaßes und den sozialen Kontakten. Sportliche Vergleiche mit anderen hat sie stets gemieden, aus Angst, nicht ihren Ansprüchen zu genügen. Völlig überraschend gewann die 23-Jährige nun im Mai den Mannheim Marathon – es war ihr zweiter Wettkampf überhaupt.
„Miriam, hast du Lust, heute zu gewinnen“, fragte ihr Laufpartner Daniel Freundt sie bei Kilometer 27 des Mannheim Marathons. Ostermann, die in diesem Moment zu der bis dahin Führenden des Rennens aufgelaufen war, nickte kurz. Es war der Augenblick, in dem sie, den Sieg vor Augen, in gewisser Weise die Kontrolle über ihren Lauf – und damit auch über sich – hergab. Denn egal ob Volleyball, Reiten oder Laufen, die 23-Jährige sah Sport immer als Ausgleich zum Lernen. Sie machte Sport aus Spaß und wegen den Leuten, die sie dort traf. An Wettkämpfen nahm sie nie teil, selbst mit ihrem Volleyballteam spielte sie nur in einer Spaßliga, wie sie das nennt. „Ich finde Sport schön, weil ich ihn ohne Wettkämpfe, fernab von Leistungsdruck ausüben kann“, sagt die Mannheimerin. Beim Sport, ihrer Ruhe-Oase, geht es mal nicht darum, sich mit anderen zu messen, die Beste sein zu müssen. Die Beste sein zu wollen. So wie in der Schule, im Studium, im Leben. Dort hat sie Druck, dort macht sie sich Druck. Dort will sie immer die Beste sein – und ist es meistens auch. Deshalb ist sie sportlichen Wettkämpfen, wo es viele unbekannte Variablen, wie etwa die Gegner, die man nur bedingt kontrollieren kann, gibt, jahrelang aus dem Weg gegangen, hat eine regelrechte Scheu davor, wie sie sagt. Vor drei Jahren ist Ostermann, die sich selbst als Kontrollfreak bezeichnet, zwar mal beim Mannheim Marathon mitgelaufen. Allerdings eher so zum Spaß. Sie belegte Platz 29 im Frauenfeld, brauchte 3:54:42 Stunden für die 42,195 Kilometer. Danach lief sie wieder nur für sich. So wie schon in den vergangenen Jahren, seit ihr Vater sie mal mit zum Joggen genommen hatte. Damals, zum Ende ihrer Schulzeit hin, hatte sie schnell Gefallen an der Sportart gefunden, Laufen entwickelt sich zu ihrer Leidenschaft. „Ich kann dabei unglaublich gut abschalten und entspannen“, sagt Ostermann. Sie nahm diese Leidenschaft mit nach Mannheim, auch wenn sie in den vergangenen drei Jahren mit verschiedenen Verletzungen zu kämpfen hatte. Den Marathon in der Stadt, die für die aus dem nordrhein-westfälischen Herscheid stammende Ostermann mittlerweile zur zweiten Heimat geworden ist, wollte sie aber unbedingt noch einmal laufen. Miriam Ostermann sagt, diese Entscheidung nach 27 Kilometern beim Mannheim Marathon sei ihr nicht leicht gefallen. Weil sie, die im Vorfeld stets ihre Ziele kleingeredet hatte, mit einem Nicken auch den Sport für sich zu einer Sache machte, in der das Leistungsprinzip gilt, in der man plötzlich etwas verlieren kann, unter Druck steht. Ihr Laufpartner Freundt durfte vor dem Marathon niemandem erzählen, so die Abmachung, dass sie zumindest eine Zeit unter 3:25 Stunden anpeilen. Hätte er die Abmachung gebrochen, es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn Ostermann nicht gestartet wäre – aus Angst, an dem Druck, an den Erwartungen der anderen zu zerbrechen. Es ist gut gegangen, Ostermann, die am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit der Universität Mannheim als Hiwi arbeitet und später gerne Psychotherapeutin werden will, siegte mit einer Zeit von 3:11:26 Stunden – und mit sechs Minuten Vorsprung. Der Lauf hat nun einiges durcheinandergewirbelt in ihrem Leben, sie in Richtung einer Leistungssportlerin geschoben. Allerdings weiß Ostermann noch nicht so genau, ob sie sich in Richtung des Leistungssports schieben lassen, oder doch lieber eine Freizeitsportlerin bleiben will. In der Woche nach dem Marathon kehrte sie jedenfalls erstmal in ihr „normales“ Sportleben zurück. Laufen, Spinning, Kurse im Universitätssport (Tae-Bo, Kickboxen, Aerobic). Eine Einheit morgens, eine abends. „Es gibt auch mal Tage, an denen ich das Faul-sein genieße“, sagt Ostermann. Nur: Besonders häufig gibt es diese Faul-sein-Tage nicht. Sie sind eher eine Rarität. Allerdings reizt sie nun auch die Drei-Stunden-Marke. „Das ist ein Ziel für das kommende Jahr“, sagt sie. Es scheint also so, als sei sie noch ein bisschen auf der Suche nach ihrer Sport-Identität, gefangen zwischen dem Reiz des Leistungssports mit möglichen Erfolgen und dem Freizeitsport als Rückzugs- und Entspannungsort.