Ludwigshafener Geschichte(n)
Zwangsehe auf Druck von oben
Mit einer ganzen Festwoche und einem großen Umzug wurde im April 1938 das neue „Groß-Ludwigshafen“ gefeiert. Doch die in historische Kostüme gekleideten Umzugsteilnehmer machten teils gute Miene zum bösen Spiel. Denn die Eingemeindung der jahrhundertealten Gemeinden in die Industriestadt war auf erbitterten Widerstand gestoßen. In der Nazi-Diktatur hatte Gauleiter Josef Bürckel die jahrzehntelangen Debatten über eine Erweiterung der Stadt mit einem Machtwort beendet.
Bürckel hatte im Oktober 1937 die betroffenen Gemeindevertreter zu einer Versammlung eingeladen, wo er verkündete, dass er das Zustandekommen der Eingemeindungen aus politischen Gründen wünsche – und daraufhin den Saal verlassen. Die geladenen Bürgermeister bekamen keine Gelegenheit, Stellung zu nehmen. Stattdessen wurde ihnen aufgetragen, einen Antrag auf Eingemeindung zu stellen, wie der Ludwigshafener Stadtgeschichte zu entnehmen ist.
Zu dicht besiedelt
Doch es steckte nicht nur die Willkür eines diktatorischen Regimes hinter dieser Expansion. Es gab dafür handfeste Gründe: Denn Ludwigshafen war innerhalb weniger Jahrzehnte nach seiner Gründung Mitte des 19. Jahrhunderts rasant gewachsen und stieß an seine Grenzen. Bereits 1892 wurde Friesenheim eingemeindet, sieben Jahre später dann Mundenheim. 1925 hatte Ludwigshafen die 100.000-Einwohner-Marke überschritten. Die junge Großstadt war viel zu dicht besiedelt.
Mit einer Bevölkerungsdichte von 49 Menschen pro Hektar galt Ludwigshafen als die am dichtesten besiedelte deutsche Großstadt, so die Stadtgeschichte. Zum Vergleich: In Mannheim lag der Wert bei 19,2 Einwohnern. In der Chemiestadt fehlten 2000 Wohnungen, ebenso viele waren renovierungsbedürftig. Platz für Grünanlagen war so gut wie nicht vorhanden. Die Verantwortlichen in der Verwaltung hatten daher schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Auge auf die umliegenden Gemeinden geworfen.
Große Befürchtungen
Während es in der hoch verschuldeten Stadt Oggersheim Bestrebungen gegeben hatte, sich dem benachbarten Ludwigshafen anzuschließen, gab es vor allem in Oppau und auch in Rheingönheim starken Widerstand. Oppau war durch die Ansiedlung des BASF-Werks reich geworden, hatte 1928 gerade erst Edigheim eingemeindet und war ein Jahr später zur Stadt erhoben worden.
Die Oppauer befürchteten, dass sie von einer wohlhabenden Stadt zu einem Vorort am Rande der Großstadt absinken würden. Stattdessen schlug ein Oppauer Ratsherr vor, dass Ludwigshafen zu einem Teil von Mannheim werden sollte. Gleichzeitig versuchten die Oppauer, mit einer Annäherung an die Stadt Frankenthal der drohenden Eingemeindung nach Ludwigshafen zu entgehen. Doch es war alles vergebens. Der NS-Gauleiter wollte die Zwangshochzeit, die Gemeinden mussten nachgeben. Im Februar 1938 verfügte der Reichsstatthalter in Bayern, Ritter Franz von Epp, dass Oppau, Oggersheim, Maudach und Rheingönheim mit Wirkung zum 1. April 1938 der Stadt Ludwigshafen einverleibt wurden.
Unterschiedliche Motive
Die Voraussetzungen in dieser Zwangsgemeinschaft waren sehr unterschiedlich: Hier das vermögende Oppau mit seiner neu erworbenen städtischen Infrastruktur und 12.252 Einwohnern (1933), dort das ländliche Rheingönheim mit knapp 5300 Einwohnern, das bereits an alle wichtigen Versorgungseinrichtungen Ludwigshafens angeschlossen war. Dann gab’s noch die traditionsreiche und bekannte, aber finanziell klamme Kleinstadt Oggersheim mit 11.164 Einwohnern. Und das kleine Dorf Maudach mit gerade einmal 2464 Einwohnern, in dem es noch keine Kanalisation gab.
Die Oppauer sollten mit ihren Befürchtungen recht behalten: Nach der Zwangsheirat ging die Ludwigshafener Stadtverwaltung auf einen regelrechten „Beutezug“ durch den neuen Stadtteil: Bestes Beispiel war eine damals hochmoderne Kehrmaschine, die in Oppau und Edigheim für saubere Straßen gesorgt hatte. Die Maschine wurde abtransportiert und dann nur noch in der Innenstadt eingesetzt. Frisch eingepflanzte Bäume wurden in Oppau wieder ausgegraben und in der Stadt wieder eingepflanzt. In der Volksschule wurde das moderne Mobiliar gegen alte und gebrauchte Stühle ausgetauscht, heißt es in der Oppauer Ortschronik.
„Ludwigshafen betrieb die Eingemeindung der drei mäßig begüterten Orte Oggersheim, Rheingönheim und Maudach, um sich auszudehnen, während bei der Eingemeindung Oppaus finanzielle Gründe am stärksten hervortreten“, bilanziert die Historikerin Christiane Pfanz-Sponagel in der „Geschichte der Stadt Ludwigshafen am Rhein“. Oder, wie es noch lange nach dem Kriege in der Stadt hieß: „Von Oppau kam das Geld, von Rheingönheim das Feld.“
Riesiger Festumzug
Die NS-Führung und die Behörden verfügten, dass die Eingemeindung mit einer Festwoche zu begehen war. „Wir gehören zusammen“, lautete das Motto. Ein sechs Kilometer langer Festzug mit dem Titel „Von der Rheinschanze zur Großstadt Ludwigshafen am Rhein“ und historischen Motivwagen, Musikkapellen und Reitern zog am 3. April durch die Straßen der Innenstadt. Die Darstellung Rheingönheims als einfaches Fischerdorf war daneben, findet Stadtarchivar Stefan Mörz. Rheingönheim war schon vor Ludwigshafen ein wichtiger Industriestandort mit wichtigen Betrieben gewesen. Die eingemeindeten Teilnehmer in ihren Kostümen dürften wohl teils zähneknirschend mitmarschiert sein.
Mit Blick auf die „Stadthochzeit“ sollten auch sogenannte Festtrauungen stattfinden: Echte Brautpaare, bei denen ein Partner aus Ludwigshafen, der andere aus den eingemeindeten Orten stammte, sollten sich das Jawort geben. Doch aus nicht näher genannten „Schwierigkeiten“ wurde die Idee wieder fallengelassen. Aber jeweils ein Brautpaar aus jedem neuen Stadtteil erhielt ein Sparkassenbuch mit 20 Reichsmark und einen Gutschein für einen Kinderwagen.
Nachspiel nach dem Krieg
Für Ludwigshafen hatte sich die Eingemeindung gelohnt: Die Gemarkung der Stadt hatte sich verdreifacht, die Einwohnerzahl war um ein Drittel gestiegen – und die Stadtkasse hatte erheblich mehr Geld. Auch die BASF (damals IG Farben) profitierte davon, denn nun gab es nur noch eine Stadtverwaltung, mit der sich der Konzern auseinandersetzen musste – zuvor musste sich die Anilin mit den Städten Oppau und Ludwigshafen abstimmen. Die Eingemeindung rückte angesichts des Zweiten Weltkriegs in den Hintergrund. Im September 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht Polen. Es sollte bis März 1945 dauern, bis das teils zerstörte Ludwigshafen von US-Truppen erobert und von der Nazi-Herrschaft befreit wurde.
Das Thema Eingemeindung kam dann noch mal nach Kriegsende auf die Tagesordnung. In Oppau gab es Bestrebungen, die Eingemeindung rückgängig zu machen. Es bildete sich ein „Ausschuss für die Wiederherstellung der kommunalen Eigenständigkeit von Oppau“, der 1952 sogar einen formellen Antrag zur Ausgemeindung an die Landesregierung stellte. Doch die Sache verlief letztlich im Sande. Gut 20 Jahre später kam eine weitere Gemeinde zu Ludwigshafen: Ruchheim wurde 1974 eingemeindet. Das Dorf musste sich wegen einer rheinland-pfälzischen Verwaltungsreform entscheiden, an wen es sich anschließen wollte. Die Bevölkerung wollte keine Verbandsgemeinde mit den Nachbardörfern und entschied sich für die Eingemeindung nach Ludwigshafen – ohne Zwang diesmal.