Ludwigshafen
Zwangsarbeit: Bei Wasser und Brot geschuftet
Olga Fjodorowna lebte 1942 mit ihrer Familie in der Zentralukraine. Als sie 16 Jahre alt war, kamen die Deutschen in ihr Dorf. Unter Bewachung wurde das Mädchen in einen Güterwaggon gepfercht und in die Pfalz verfrachtet. Die 16-Jährige wurde Zwangsarbeiterin im IG Farben-Werk (BASF) in Ludwigshafen.
„Die Arbeit war Sträflingsarbeit. Fünf Mädchen mussten 20 bis 30 Tonnen Soda in Säcken aus Güterwagen transportieren. (...) Wir bekamen einmal am Tag eine Wassersuppe und 200 Gramm Brot. Als die Amerikaner uns befreiten, wog ich gerade noch 31 Kilo“, schilderte Olga ihre Erlebnisse dem Historiker Eginhard Scharf, der ein Buch über Zwangsarbeiter in Ludwigshafen geschrieben hat. Die Ukrainerin war zweieinhalb Jahre lang in einem IG-Zwangsarbeiterlager in Oppau interniert.
„Kaum Unterschied zu KZ“
Nach der Befreiung Ende März 1945 kehrte Olga in ihr Heimatdorf zurück. Die Deutschen hatten dort vor ihrem Rückzug alles verbrannt und zerstört. Die Mutter und die Schwester lebten noch. „Ich bekam keinerlei Entschädigung. Ja, es kam sogar vor, dass man mich Faschistin nannte. (...) Ich war in einem Lager, das sich nicht sehr von einem Konzentrationslager unterschieden hat, denn man machte mit uns, was man wollte“, berichtete sie 2001 im Alter von 75 Jahren. Die gesundheitlichen Folgen der Mangelernährung plagten sie bis ins hohe Alter.
Olgas Schicksal ist kein Einzelfall gewesen. Ungefähr 50.000 Zwangsarbeiter waren in Ludwigshafen während des Kriegs im Einsatz. Sie ersetzten die deutschen Männer, die zum Militär eingezogen worden waren. Die Zwangsarbeiter hielten die Produktion am Laufen. Im IG Farben-Werk bestand die Belegschaft zeitweise zu einem Drittel aus Zwangsarbeitern. Das Werk produzierte den Kautschukersatz Buna, der für Fahrzeugreifen gebraucht wurde, und künstliche Treibstoffe. Bei Halberg wurden Teile für U-Boote produziert und die Firma Giulini fertigte Leichtmetall für den Flugzeugbau. Die drei großen Unternehmen hatten eigene Zwangsarbeiterlager. Doch auch die Kommune nutzte solche Arbeitskräfte, um nach Luftangriffen Trümmer wegzuräumen, Tote zu bergen und Blindgänger zu entschärfen. Auch kleinere Betriebe griffen auf Zwangsarbeiter zurück.
Anwerbung von „Westarbeitern“
Ab Juni 1940 wurden Ausländer in der Industrie eingesetzt. Anfangs gab es sogar regelrechte Anwerbungen in westlichen Staaten. Diese Arbeiter kamen beispielsweise aus Spanien, Italien und Frankreich, berichtet Stadtarchivar Stefan Mörz. Sie erhielten Lohn und waren teils ebenfalls in Lagern untergebracht. Diese „Westarbeiter“ wurden mit der Zeit auch zu Zwangsarbeitern, denn sie konnten nicht kündigen und in ihre Heimat zurückkehren.
Die „Ostarbeiter“ wurden aus den eroberten Gebieten in Polen, der Ukraine und der Sowjetunion geholt. Ihre Verschleppung, Ausbeutung und Diskriminierung waren Teil der nationalsozialistischen Rassenideologie. Im Weltbild der Nazis waren die Menschen aus dem Osten minderwertig und taugten nur als „Arbeitssklaven“. Zusätzlich wurden Kriegsgefangene eingesetzt. „Es gab Mitte 1944 auch Pläne, KZ-Häftlinge in Ludwigshafen dazu zu nehmen. Doch nach der Invasion der Alliierten in Frankreich, wurde das nicht realisiert“, sagt Archivar Mörz.
Schutzlos bei Luftangriffen
Nach den Recherchen des Historikers Scharf waren unter den Zwangsarbeitern mehr als 20 Nationalitäten vertreten. Franzosen, Sowjetbürger, mehrheitlich aus der Ukraine verschleppte Frauen und Männer, stellten die größten Arbeiterkontingente. „Die im öffentlichen Meinungsbild heute immer noch präsente pauschale Behauptungen, wonach den Ostarbeitern – wie überhaupt allen ausländischen Arbeitskräften und Kriegsgefangenen – in den Ludwigshafener Betrieben eine besonders gute Behandlung zuteil geworden sei, haben sich als halt- und substanzlos erwiesen“, bilanziert Historiker Scharf, der die einzige umfassende Studie zu diesem Thema verfasst hat. Die Besserstellung der Westarbeiter sei zum Kriegsende hin verwischt.
Zwangsarbeiter haben in Ludwigshafen die Luftschutzbunker gebaut. Bei den Bombardements starben besonders viele Ausländer, weil ihnen im Stadtgebiet der Zutritt zu Bunkern verwehrt wurde. Nach Scharfs Berechnungen kamen über 1100 ausländische Arbeiter und Kriegsgefangene ums Leben. In den sieben Arbeitslagern der IG Farben gab es nur Splittergräben. Die Zwangsarbeiter waren nächtlichen Angriffen schutzlos ausgesetzt.
Wer aufmuckte, wurde bestraft
Von der IG Farben ist noch ein Strafbuch erhalten, in dem Vergehen der Ostarbeiter notiert sind. Wer nicht spurte oder aus Hunger Lebensmittel stahl, kam in einen Straftrupp, bekam Verpflegung entzogen oder landete im Arrest. Es gibt auch Zeitzeugen, die von schweren körperlichen Misshandlungen berichteten.
Nach dem Krieg stand 1947/48 im IG-Farben-Prozess auch der Ludwigshafener Werkleiter Carl Wurster vor Gericht – unter anderem wegen der Zwangsarbeiter. Er wurde freigesprochen. Ein Urteil das Folgen hatte: Der Ausländereinsatz wurde für rechtmäßig gehalten. Das Unrecht wurde unter den Teppich gekehrt. Auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof erinnert ein 1950 angelegtes Feld an die Zwangsarbeiter. 596 Menschen sind dort bestattet.
Mit Entschädigungen für erlittenes Unrecht ließen sich der deutsche Staat und die Industrie bis zur Jahrtausendwende Zeit. Ein offizielles Gedenken der Stadt gab es erstmals im März 2017 durch Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD). Nun – 76 Jahre nach Kriegsende – gedenkt die BASF der 30.000 Zwangsarbeiter in ihrem Werk mit einer „Stolperschwelle“ vor dem Besucherzentrum, die am Dienstag eingeweiht wird.
Zum Weiterlesen
„Man machte mit uns, was man wollte – Ausländische Zwangsarbeiter in Ludwigshafen 1939-1945“ von Eginhard Scharf, Verlag Regionalkultur, 2004.
Ein Interview mit der BASF-Historikerin Susan Becker zu der Gedenkaktion lesen Sie hier.