Mannheim
Zu langsam beim Klimaschutz: Mannheim verfehlt Ziel
Mannheim sieht sich gerne als Vorreiter in Sachen Klimaschutz. Nun musste die Stadt aber zugeben, dass sie ihr angepeiltes Ziel, bis 2030 klimaneutral zu werden, nicht schafft. In einem Ausschuss des Gemeinderats haben die Verantwortlichen eine Zwischenbilanz des Mannheimer Klimaschutzaktionsplans vorgelegt. Darin wurde einst aufgelistet, wie die Kommune ihre Treibhausgase bis 2030 im Vergleich zu 1990 um mindestens 80 Prozent reduzieren kann. Der Gemeinderat hat dieses Papier Ende 2022 abgenickt.
Eine Evaluation macht deutlich, dass das Tempo auf dem Weg zur Klimaneutralität zu langsam sei. Genannt werden dafür „multiple Gründe (kommunale, nationale, internationale)“. Man verweist zwar auf die Fortschritte, gibt aber gleichzeitig zu, dass sich die Ziele angesichts der begrenzten Ressourcen verzögern würden. Hinzu komme, dass nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Emissionen im direkten Einflussbereich der Stadt Mannheim liege. In diesem Zusammenhang verweist die Stadt auf die industriell geprägte
Wirtschaftsstruktur Mannheims.
Hier hakt es
321 einzelne Vorhaben sind im Klimaschutzaktionsplan aufgeführt. 43 Prozent von ihnen liefen nach Plan, heißt es. Bei 41 Prozent komme es zu Verzögerungen. Und 16 Prozent werden als „kritisch“ eingestuft. Was wohl so viel bedeutet wie: Hier geht gar nichts voran. Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass bis 2030 „absehbar mindestens 630.000 Tonnen Treibhausgas-Emissionen des ursprünglich quantifizierbaren und notwendigen Einsparpotenzials nicht mehr eingespart werden können“.
Dennoch ist Oberbürgermeister Christian Specht (CDU) überzeugt: „Unsere Klimaschutzmaßnahmen wirken.“ Man habe beim Klimaschutz bereits große Fortschritte gemacht. Er gibt aber zu, dass die nächsten Schritte schwieriger würden, „weil die einfach umzusetzenden Maßnahmen weitgehend ausgeschöpft sind“. Umso wichtiger sei es, noch gezielter dort zu investieren, „wo wir mit jedem Euro möglichst viel CO2₂ einsparen können“. Hier verweist er auf die Beteiligungsgesellschaften der Stadt, wo trotz der aktuell angespannten Finanzlage weiterhin stark investiert werde.
Beispiele für große Investitionen
Wie die Stadt mitteilt, kann die MVV zum Beispiel dank der Energie aus der thermischen Abfallbehandlung, dem Biomasseheizkraftwerk und der ersten Flusswärmepumpe schon heute fast 50 Prozent des Fernwärmebedarfs aus klimaschonenden Quellen bereitstellen. Eine zweite Flusswärmepumpe soll im Herbst 2028 in Betrieb gehen und dann klimafreundliche Wärme für bis zu weitere 40.000 Haushalte bereitstellen. Für die neue Pumpe investiere die MVV rund 200 Millionen Euro, heißt es weiter. Sie werde ein Meilenstein auf dem Weg zur angestrebten vollständigen Dekarbonisierung der Fernwärmeversorgung in Mannheim und Umgebung sein.
Ebenfalls riesiges Potenzial hat nach Einschätzung der Stadt ein Projekt, das aus dem Klimafonds gefördert wird: die Demonstrationsanlage für die Produktion von klimaneutralem Treibstoff an der Mannheimer Kläranlage. In der innovativen Anlage produziert das Start-up-Unternehmen Icodos aus Abwasser und Ökostrom E-Methanol. Dieser Treibstoff sei ein möglicher Schlüssel für die nachhaltige Transformation der Schifffahrt.
Fernwärme gilt als Trumpf
Bürgermeisterin Diana Pretzell (Grüne) führt aus, dass die Stadt in den nächsten Jahren beim Klimaschutz vor allem in vier Bereichen vorankommen will: „Dem Energiesektor, insbesondere mit der Wärmewende und dem Photovoltaik-Ausbau, dem Öffentlichen Personennahverkehr mit einer Umstellung auf klimafreundliche Antriebe wie Elektro- und Wasserstoffbusse und dem weiteren Ausbau des Stadtbahn-Netzes, einer klimafreundlichen Stadtentwicklung sowie mit dem Beratungsangebot der Klimaschutzagentur.“
Besonders große Chancen sieht Specht bei der Wärmewende. „Klimaschutz ist für Mannheim auch ein Innovations- und Technologietreiber. Gemeinsam mit MVV, Klimaschutzagentur und Handwerk entwickeln wir Lösungen, die weit über Mannheim hinaus Beachtung finden – etwa die bundesweit bisher einmalige Wärmewende Akademie.“ Eine zentrale Rolle spiele dabei das dichte Mannheimer Fernwärmenetz, an das bereits rund 60 Prozent der Haushalte angeschlossen seien.