Ludwigshafen „Zeigt mir eure Emotionen!“
Die Stühle befinden sich an den Wänden des Klassenzimmers, Tische gibt es nicht, dafür einige Stellwände mit schwarzem Stoff bezogen. Die Schüler der Klassenstufe sechs der Integrierten Gesamtschule (IGS) Mutterstadt sitzen auf dem Boden und schwatzen fröhlich. Die meisten sind dunkel und sportlich gekleidet, statt Straßenschuhen tragen sie Sportschläppchen. Für das Fach Darstellendes Spiel (DS) braucht man schließlich Bewegungsfreiheit. Lehrerin Susanne Staenglen klatscht in die Hände und ruft: „Setzt euch in euren Gruppen zusammen. Wer will anfangen?“ Alle Hände recken sich nach oben. Jede Gruppe möchte gern die einstudierte Kurzszene zeigen. Staenglen bestimmt eine Schülergruppe. Sie mimen ohne Worte eine Szene, die eindeutig an einem Bahnsteig spielen muss. Derweil macht die Kontrollgruppe Notizen auf einem Arbeitsblatt, das die Lehrerin verteilt hat. Denn bei DS geht es nicht nur um das Spiel, sondern auch um Beobachten und Beurteilen. „Das Fach wurde 1995 entwickelt“, erzählt Alfons Otte. Der Musik- und Kunstlehrer an der IGS hat damals den Lehrplan mitgestaltet. Das Fach wird als Wahlpflichtfach und Oberstufenkurs an integrierten Gesamtschulen und Gymnasien unterrichtet. „Bei uns wählen die Schüler am Anfang der sechsten Klasse ein Wahlpflichtfach“, erklärt Otte. „Dieses Fach belegen sie bis zur zehnten Klasse.“ Neben DS kann das auch Kunsthandwerk, Latein oder Ökologie sein. „DS sollte allerdings nicht mit einer Theater-AG verwechselt werden“, betont Otte. Zwar lernen die Schüler Theatertechniken kennen und erfahren, wie ein Theaterstück aufgebaut ist, aber es ist keine Schauspielausbildung. „Es geht vielmehr um den Spaß am Spiel“, so der Lehrer. Das ist jedoch anspruchsvoller, als es sich anhört, denn innerhalb des Spiels lernen die Schüler eine ganze Menge: wie man sich bewegt, wie man vor Publikum agiert und spricht. Sie beobachten und beurteilen ihre Mitschüler, sie probieren sich aus und erfahren dabei eine Menge über sich selbst. Soziale Kompetenz und Teamwork lernt man da fast schon nebenbei. Dass sie bei DS gefordert werden, merken auch die Sechstklässler. „Das ist ganz schon anstrengend“, stellt Paul fest, nachdem die Gruppen ihre Szene mehrmals gespielt und ihre Partnergruppe nach verschiedenen Kriterien beurteilt und konstruktive Kritik geübt haben. „Jeder Schüler muss ein Arbeitsbuch führen, das so genannte Scrapbook“, sagt Susanne Staenglen. In das Scrapbook tragen sie ihre Hausaufgaben ein, aber auch persönliche Gedanken und Gefühle, es darf eingeklebt und gezeichnet werden. Jedes Buch ist kunstvoll gestaltet. Wer nach der zehnten Klasse DS weiter machen möchte, hat die Möglichkeit, das Fach als Oberstufenkurs zu belegen. Auch Schüler, die vorher noch kein DS hatten, können das tun. Eine davon ist Chelina Höning. „Ich wollte erst einmal eine weitere Fremdsprache lernen“, erzählt sie. „Das Fach hat mich aber interessiert, deshalb habe ich es in der Oberstufe belegt.“ Eine Theaterkarriere strebt die Abiturientin aus Altrip zwar nicht an, doch sie profitiere in vielerlei Hinsicht, findet sie. Das Spiel auf der Bühne bereite einen darauf vor, Präsentationen zu halten. Man lerne, seinen Gegenüber einzuschätzen und zu improvisieren – alles Dinge, die auch im Berufsleben wichtig sind. „Wir lernen quasi fürs Leben“, ist Chelina Höning deshalb überzeugt. So weit denken die Sechstklässler noch nicht. Sie haben das Fach erst seit einem knappen dreiviertel Jahr belegt. Sie sind wissbegierig und voller Energie. „Ich lasse sie auch manchmal einfach ein bisschen herumrennen“, sagt Susanne Staenglen. „Das brauchen sie manchmal.“ Doch sie fordert ihre Schüler auch, beispielsweise, wenn es darum geht, Emotionen spielerisch auszudrücken. So manchem ist es ein bisschen peinlich, wenn „Liebe“ dargestellt werden muss. Aber auch darum geht es: über den eigenen Schatten zu springen. Ihren ersten Auftritt haben die Mädchen und Jungen bereits absolviert. Jedes Jahr gibt es einen Tag, an dem sich alle DS-Klassen der IGS Mutterstadt zusammenfinden und etwas vorführen. „Wir hatten die Idee, das Fach an sich vorzustellen“, berichtet Staenglen. Die Schüler spielen also sich selbst, ein Mädchen nimmt die Rolle der Lehrerin ein – allerdings ist die nicht so nett wie ihre Frau Staenglen, sondern eher streng. Die Schüler müssen zeigen, was sie gelernt haben. „Zeigt mir eure Emotionen!“, befielt die Lehrerin. Doch das lassen sich die Schüler nicht zweimal sagen und ziehen das volle Register, das Mimik und Gestik hergeben. Susanne Staenglen ist mit den Leistungen der Schüler zufrieden und lobt: „Das ist eine tolle Gruppe.“