Ludwigshafen „Zeig Ihnen, was Schimmel ist“
So gegen 20.30 Uhr kapert die krasse Realität die Veranstaltung – und die hat echt üble Laune: „Ich nehm’ Sie gern mal mit heim – und zeig Ihnen, was Schimmel ist“, sagt Danny, mutmaßlich in Richtung von Oberbürgermeisterkandidat Peter Uebel (CDU). Danny, 39, seit Oktober wieder einmal Bewohner der Bayreuther Straße, in der er insgesamt 17 Jahre seines Lebens verbracht hat, legt nach, in Richtung Gesamtplenum: „Wissen Sie, was das Problem ist? Da trauen sie sich mit ihren Lackschuhen gar nicht rein.“ Leichte Unruhe unter den Gästen, vereinzelte, prüfende Blicke aufs eigene Schuhwerk. Jörn Sehnert grinst. Das ist hier sowas wie ein Premierenabend mit eingebautem Realitäts-check: Einen einstündigen Dokumentarfilm über die Bayreuther Straße hat Sehnert gedreht. Der 35-Jährige studiert Soziale Arbeit an der Hochschule Ludwigshafen. Und hat gerade ein Praktikum bei der Ökumenischen Fördergemeinschaft abgeleistet, die im Unterbringungsviertel für Wohnsitzlose unter anderem Sozialarbeit und Kinderhort vorhält. Den Begriff „Bayreuther Straße“, regional bekanntes Synonym für den sozialen Absturz, den kannte der gebürtige Mainzer Sehnert eher vom Hörensagen. Schockiert war er schon, als er das Viertel zum ersten Mal gesehen hat, „aber weniger von den Leuten“, betont er. Die Leute, also eine Handvoll Bewohner der Notunterkünfte für Wohnsitzlose, haben sich im Vorführraum respektive Stadtteilzentrum eher nach hinten orientiert. Auf den Stuhlreihen dominieren die Funktionsträger, und um jetzt gleich fair zu bleiben: Wenigen der Anwesenden ist die Bayreuther Straße wohl ganz fremd. Internist Uebel ist Mitinitiator des Projekts „Street Doc“, das sich in sozialen Brennpunkten um die medizinische Versorgung müht. Antonio Priolo (SPD), Ortsvorsteher in Nord, bietet regelmäßige Sprechstunden im Viertel an, da kommt aber nie einer, wird er später anmerken. Es finden sich im Raum Sozialarbeiter und Mitarbeiter der Hochschule, und die stellen, muss man ehrlicherweise sagen, auch den Löwenanteil der Akteure in Sehnerts Dokumentarfilm. Was dessen Aussagekraft ja keinen Abbruch tut: „Im ersten Sommer, in dem ich hier war, sind vier Leute gestorben“, sagt Sozialarbeiter Johannes Hucke im Film. Hucke hat eine kleine Statistik über die Sterbedaten der Verblichenen erstellt. „Keiner über 50, aber einige unter 30“, sagt er. „Die hygienischen Bedingungen sind katas-trophal“, liefert Sozialarbeiter Dietmar Rudolf im Film einen Erklärungsansatz. „Das hehre Ziel wäre, die Notunterkünfte abzuschaffen und die Leute menschenwürdig unterzubringen“, sagt Rudolf – und der Satz ist natürlich eine Steilvorlage für die Diskussion. Und Danny. „Wann fangen die Sanierungsarbeiten da draußen eigentlich an“, herrscht der die Anwesenden zügig nach Filmende von hinten an, und irgendwo ist der Frust ja verständlich: Die roten Blocks in der Bayreuther Straße gibt es seit den 1950er-Jahren – und jeder, der es wissen will, weiß, wie die Wohnverhältnisse da sind, inklusive Gemeinschaftsduschen im Erdgeschoss, die oft genug verschlossen sind, weil von Hunden verkotet oder sonstwie verdreckt. Vier Bewohner sind in letzter Zeit verstorben, auch wegen Schimmel in den Wohnungen, vermuten die anwesenden Wohnsitzlosen, B* beispielsweise, Lungenembolie. „Man muss nur drei Meter ins Haus reinlaufen, dann weiß man Bescheid“, sagt einer. Nun ist aber gerade Wahlkampf – und außerdem hat das Privatfernsehen kürzlich eine Doku an der Flurstraße gedreht. Und vielleicht ändert sich da ja doch was: Walter Münzenberger, der Geschäftsführer der Ökumenischen Fördergemeinschaft, macht momentan jedenfalls den Marsch durch die Stadtratsfraktionen – und den „politischen Willen“ aus, an der Bayreuther Straße etwas zu ändern. Uebel wirft den Begriff der „Schlichtwohnungen“ wie an der Flurstraße ein. „Ist doch schon ein Jahrzehnt, dass darüber gesprochen wird“, bleibt Danny skeptisch. Eine Hochschul-Mitarbeiterin schlägt vor, sich die Wohnungen doch wirklich mal von innen anzusehen. Ist jetzt geraten, aber: Danny stünde wahrscheinlich zur Verfügung. Im Netz Unter https://dasbayreutherfilmprojekt.wordpress.com kann man sich Sehnerts Film im Internet anschauen.