Ludwigshafen
Wutausbruch eines Weltstars im Stadionkeller
Ein Bild und seine Geschichte: Am 28. August 2011 wird die Welt Zeuge, wie die Sprinter-Ikone Usain Bolt bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Daegu für Furore sorgt. Was danach geschieht, hat nur Bernhard Kunz, Fotograf aus Mutterstadt, fotografiert. Das später prämierte Bild ist seit gestern in einer Ausstellung bei der GAG zu sehen.
Jener 28. August 2011 ist ein Sonntag. Es ist ein besonderer Tag. Das 100-Meter-Finale der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Daegu findet statt. Was niemand ahnt, es wird ein denkwürdiger 100-Meter-Lauf. Usain Bolt hat sich locker für das Finale qualifiziert. Er ist der große Favorit. Jahre später können die 80.000 Zuschauer im Stadion sagen, sie haben den erfolgreichsten Leichtathleten aller Zeiten gesehen. Acht Olympische Goldmedaillen, darunter dreimal das Tripel, also 100-Meter, 200-Meter und Staffelgold bei Olympia, elf WM-Titel, – keiner war besser als der Jamaikaner aus Trelawny mit der Schuhgröße 47. Der extrovertierte Bolt ist in Daegu der Superstar. Er alleine füllt ein Stadion. Wegen ihm kommen die Massen. Es ist kurz nach 20 Uhr in Daegu. Das Stadion ist ausverkauft. Alle fiebern dem 100-Meter-Finale der Männer entgegen. Dieses Finale ist bei jeder Leichtathletik-WM, auch bei den Olympischen Sommerspielen, der absolute Höhepunkt. Wer ist der schnellste Mann der Welt? Für dieses Ereignis fliegen sogar extra Fotografen an, um nur dieses 100 Meter festzuhalten. Sie kommen wegen nicht einmal zehn Sekunden um die halbe Welt geflogen.
Bei 15 Olympischen Spielen Fotos geschossen
Bernhard Kunz aus Mutterstadt ist schon seit Beginn der Leichtathletik-WM in Daegu. Er schießt für die RHEINPFALZ Bilder, Klaus Kullmann, der 2007 mit dem Medienpreis des Deutschen Leichtathletik-Verbandes ausgezeichnet wurde, berichtet von dem Ereignis. Kunz und Kullmann haben sich akribisch auf die Spiele vorbereitet. Sie sind ein eingespieltes Team. Sie haben sich zusammengesetzt und darüber geredet, von welchem Athleten Bilder gemacht werden sollen, die dann zu den Geschichten Kullmanns passen. „Das ist immer auch ein Spagat. Welche Bilder brauche ich, welche Bilder Klaus Kullmann? Ich bezahle diese Sportereignis selbst. Daher verkaufe ich auch Bilder weiter“, sagt Kunz. Er ist ein alter Fuchs. Er war bei 15 Olympischen Spielen und acht Fußball-Weltmeisterschaften. Kunz weiß, worauf es ankommt. In Daegu bekommt er das Fotografen-Leibchen mit der Nummer 001. Er hat sich auf Höhe der Ziellinie mit seiner gesamten Ausrüstung positioniert.
Plötzlich ist es mucksmäuschenstill im Stadion
Usain Bolt ist in Daegu der Favorit. Der Start steht unmittelbar bevor. Das WM-Maskottchen legt via Großbildleinwand den Finger auf die Lippen - psssssssst. „Es war mucksmäuschenstill im Stadion“, erinnert sich Kunz: „Man hätte eine Stecknadel fallen hören.“ Bolt macht seine Faxen hinterm Startblock. Um 20.43 Uhr Ortszeit in Daegu ertönt der Startschuss. Doch: ein kollektiver Aufschrei, ein Entsetzensschrei. Usain Bolt, rennt zu früh los, macht vier harmlose Schritte, stockt, geht. Voller Scham zieht er das Trikot über den Kopf und wirft es auf die Bahn. Fehlstart, er weiß es. 80.000 Zuschauer im Stadion, Millionen Menschen am Fernseher haben es gesehen.
Kunz ist weltweit der Einzige mit diesem Bild
Für die Fotografen ändert sich die Situation schlagartig. Die, die können, sprinten Richtung Bolt. Bernhard Kunz bleibt stehen, greift zum Teleobjektiv und lichtet das Nötigste ab. Bilder, die alle haben. Aber Bernhard ist das nicht genug. Er verlässt das Stadion, nimmt einen ungewöhnlichen Weg Richtung Katakomben. Er bekommt von einem fremden Menschen einen kleinen Hinweis. „Ich sah dann zwei Kinder, die vor einer Scheibe gestikulierten“, erzählt Kunz. Er hastete schließlich dort hin. Da sitzt Bolt. In einem Aufwärmraum, mutterseelenallein. Bernhard Kunz drückt durch eine Glasscheibe ab, wieder und immer wieder. Bolt hört den Auslöser nicht, er flucht, er rätselt, er lässt seinen Schuh einfach fliegen. „Die Bilder zu machen, war keine Kunst. Die große Kunst war, innerhalb kürzester Zeit, das richtige Objektiv auf die Kamera zu schrauben und die ASA-Zahl korrekt einzustellen“, schildert Kunz. Denn in den Katakomben ist es dunkel. Ein Foto mit einem Blitz wäre nichts geworden, denn der Blitz hätte sich in der Scheibe gespiegelt. „Die ASA-Zahl gibt an, wie empfindlich ein Chip eingestellt werden muss, um in einem dunklen Raum ein Bild ohne Blitz schießen zu können. Das muss man manuell machen“, sagt Kunz. Mit dem einzigartigen Bild dieser WM in Daegu geht Kunz in den Presseraum. Viele Journalisten scharen sich um ihn. Sie bestaunen sein Bild von Bolt am Laptopbildschirm. Sie bestaunen das Bild, das keiner hat, das nur die Nummer 001 hat. Die Journalisten raten Kunz, dass Bild an den „Stern“, den „Spiegel“ zu schicken und zu verkaufen. Aber Bernhard Kunz sagt ganz gelassen. „Das Bild erscheint morgen erst mal in der RHEINPFALZ, weltexklusiv.“
Schnappschuss wird mit Preis ausgezeichnet
Am 26. März 2010 wird Kunz in Travemünde für das Sportfoto des Jahres 2011 in der Kategorie Feature von „Kicker-Sportmagazin“ und dem Verband Deutscher Sportjournalisten ausgezeichnet. Kunz' Volltreffer: Usain Bolt mit seinem „Fehlstart-Ärger“ bei der Weltmeisterschaft 2011. Das Bild, das nur Bernhard Kunz, der Mann mit der Nummer 001 hatte.
Die Ausstellung bei der GAG
Art@GAG: Bewegungsmomente ist noch bis zum 15. November während der Öffnungszeiten im Foyer der GAG in der Mundenheimer Straße182 in Ludwigshafen zu sehen. Die Öffnungszeiten der GAG sind: Montag, Dienstag, Donnerstag jeweils 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr und 13.30 Uhr bis 16.30 Uhr, Freitag: 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Mittwoch ist die GAG geschlossen.