Wildes Lu RHEINPFALZ Plus Artikel Wohnungsunternehmen holt sich Rat vom Vogelexperten

Der eine berät beim Thema Naturschutz, der andere bohrt und hämmert: Klaus Eisele (vorne) und Stefan Krell.
Der eine berät beim Thema Naturschutz, der andere bohrt und hämmert: Klaus Eisele (vorne) und Stefan Krell.

Mauersegler, Turmfalken, Sperlinge – sie brüten gerne in Nischen und an Gebäuden. Durch Modernisierungen wie Fassadendämmungen sind ihre Rückzugsorte rar geworden. Abhilfe schafft ein Wohnungsunternehmen unter anderem in Ludwigshafen-Süd.

Langsam fährt die Hubarbeitsbühne am Donnerstagvormittag nach oben und nähert sich Zentimeter für Zentimeter dem stahlblauen Himmel. Auf rund 15 Metern Höhe ist Schluss. Klaus Eisele, der ehrenamtliche Naturschutzbeauftragte der Stadt Ludwigshafen, und Stefan Krell vom gleichnamigen Baumpflegebetrieb aus Eußerthal haben ihr Ziel erreicht. Knapp unterhalb des Daches wollen sie die ersten beiden Nistkästen in der Fontanestraße 37 anbringen. Im Idealfall siedeln dort Mauersegler.

Krell setzt den Bohrer an. „Ich bin kein Handwerker“, sagt Eisele lachend. Dafür ist er der Fachmann, wenn es um Natur- und Artenschutz geht. Dessen Expertise hat sich das in Bochum ansässige Wohnungsunternehmen Vonovia zunutze gemacht. „Herr Eisele wurde mir von Mannheimer Seite empfohlen. Für uns ist das heute hier in Ludwigshafen eine Premiere in Sachen Naturschutz“, sagt Brigitte Koch von Vonovia. 20 Nistkästen werden Eisele und Krell im Laufe des Tages aufhängen.

Ein Fledermaus-Quartier wiegt so einiges

Die Zeit drängt, denn sie sind etwas im Zeitverzug. Beide hatten nicht damit gerechnet, dass die Fassadendämmung so dick ist. „16 Zentimeter sind das schon“, sagt Koch. Nein, sinnieren Eisele und Krell, da würden die 20 Zentimeter langen Schrauben nicht reichen. Aus Sicherheitsgründen, denn so ein Sperlingskolonienhaus und ein Fledermaus-Fassadenquartier bringen es auf rund 15 Kilo. Pro Stück wohlgemerkt. „Das muss alles sicher befestigt sein“, betont Koch und spricht damit den beiden Fachmännern aus der Seele. Also setzen sie sich nochmals ins Auto und kaufen 30 Zentimeter lange Schrauben im Fachgeschäft. Damit halten die neuen Habitate garantiert jedem Sturm stand. Am liebsten wäre es Eisele, wenn die Nistkästen schon seit ein, zwei Monaten hängen würden, doch aufgrund von Lieferschwierigkeiten ist es nun doch Mitte März geworden.

Es geht nach oben mit den Nistkästen.
Es geht nach oben mit den Nistkästen.

20 Nistkästen für Mauersegler, Sperlinge, Turmfalken und Fledermäuse sollen bis zum Abend an den Häusern mit rund 300 Wohneinheiten in der Fontane- und Richard-Dehmel-Straße verteilt in luftiger Höhe befestigt werden. Dass sich auch andere Vogel- und Insektenarten in den Kästen verirren können, ist durchaus normal. „Natürlich gibt es die Zielvogelarten, aber es kann sein, dass beispielsweise auch mal ein Star oder Baumhummeln sich dort ansiedeln“, erläutert Eisele, der zugleich Vorsitzender der ornithologischen Beobachtungsstation Altrhein ist. Vor einer steigenden Taubenpopulation aufgrund der Nistkästen bräuchte man sich indes keine Sorgen zu machen, betont der Ludwigshafener. Die Tauben würden schon durch die anderen Vögel vertrieben werden. Für die „Taubenplage“ verantwortlich sind ganz andere, nämlich Menschen, die diese füttern oder die achtlos ihre Essensreste in die Landschaft werfen.

Beispiele aus Mannheim

Es wird erfahrungsgemäß nicht lange dauern, bis sich die ersten gefiederten Gesellen in der Fontane- und Richard-Dehmel-Straße niederlassen, zumal der US-Pharma- und Technologiekonzern Abbvie in direkter Nachbarschaft mit seinen Projektflächen und Nisthilfen da schon einiges an Vorarbeit geleistet hat.

Mittlerweile ist es gang und gäbe, Nisthilfen direkt bei Sanierungen in die Fassadendämmung einzubauen. Auch das Wohnungsunternehmen Vonovia, das deutschlandweit knapp 550.000 Wohnungen sein Eigen nennt und in Ludwigshafen vor allem in Nord und Süd Wohnungen bewirtschaftet, handhabt dies im Regelfall so. So sind diese von außen kaum erkennbar, lediglich kleine Öffnungen deuten darauf hin, dass sich Mensch und Tier ein Haus teilen. Koch verweist auf Beispiele aus Mannheim-Neckarau und dem Lindenhof.

Richtige Balance gefragt

In Ludwigshafen ist die Integration von Nistkästen nicht mehr möglich. „Unsere Fassadendämmung liegt etwa viereinhalb Jahre zurück, daher müssen die Nisthilfen nun auf der Dämmung befestigt werden“, erklärt Koch. Die Balance zu finden zwischen einer ökologisch wertvollen und gleichzeitig ökonomisch sinnvollen Herangehensweise, das hat sich Vonovia auf die Fahnen geschrieben. Schon seit 2015 habe man das Thema Naturschutz auf die Agenda genommen und vorangetrieben, erläutert Koch. Deutschlandweit hat das Unternehmen bereits zahlreiche Projekte zum Erhalt der Biodiversität verwirklicht.

Die ersten Mauersegler-Nistkästen in der Fontanestraße 37 sind befestigt.
Die ersten Mauersegler-Nistkästen in der Fontanestraße 37 sind befestigt.

Eines davon: der Pikopark in Dortmund-Westerfilde. Anstelle einer großen Rasenfläche befindet sich dort nun ein naturnaher Garten, der so gar nichts mit Unkraut zu tun hat, aber die Artenvielfalt fördert und – nicht minder von Bedeutung – auch das Wohlbefinden der Bewohner steigert. Ein weiteres Beispiel: In Bochum wurde gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland eine spezielle Lösung für das Wassermanagement in bebauten Gegenden entwickelt. Abfließendes Regenwasser von umliegenden Flächen und Gebäuden wird in Mulden von 30 Zentimeter Tiefe eingeleitet, wo es dann langsam versickert und verdunstet. Pflanzen können das Wasser über die Wurzeln aufnehmen und es über die Blätter wieder abgeben.

Geht es nach Naturschützer Eisele, dann waren die Nistkästen erst der Anfang. „Wir vertrauen da voll und ganz auf Herrn Eisele und seine Erfahrung. Wir sind offen für Ideen und Vorschläge“, sagt Koch.

x