Ludwigshafen
Wo das ganze Jahr über Ostern ist
Ein Mädchen pflückt eine Blüte auf einer Blumenwiese. Ein Boot treibt auf einem See, umrahmt von japanischen Kirschblüten. Der gestiefelte Kater hebt die Pfoten zum Gruß. Nicht Leinwände sind es, die den Untergrund für diese gemalten Szenen bilden – sondern Eier.
Die Arbeiten in der Vitrine im Eingangsbereich von Helche Baums Wohnung sind nur ein kleiner Teil einer beeindruckenden Kollektion von Ostereiern in allen erdenklichen Variationen. Ob Kommode, Bücherregal, Esstisch oder Deckenleuchter: Im Wohnzimmer tummeln sich die Werke der Künstlerin auf jeder verfügbaren Oberfläche. Auf über 500 Eier schätzt die 81-Jährige ihre Sammlung. „Die meisten Leute, die hier reinkommen, sagen erstmal: ,Das ist ja wie ein Museum hier!’“, sagt Ehemann Wolf Baum, der stolz auf das kreative Schaffen seiner Frau ist.
Der Weg zur Sammlung
Vor etwa zehn Jahren entdeckte Helche Baum die Eiermalerei erstmals für sich. Warum es gerade Eier ihr so angetan haben, das kann sie sich selbst auch nicht so genau erklären. Sie erinnert sich daran, erstmals zum Geburtstag ihrer Schwester deren Namen in die Schale eines Eies eingeritzt zu haben. „Dann dachte ich mir - das könnte ich doch auch bemalen!“, erzählt Baum. Daran fand sie dann so viel Freude, dass sie das Hobby nun seit einem Jahrzehnt weiterführt. Gemalt habe sie bereits vorher schon, ohne professionelle Anleitung. Lange Zeit diente ihr die Malerei nur zur eigenen Entspannung, die Eier zierten die Wohnung und wurden zu Geschenken für Freunde und Familie.
Dann kam durch eine Freundin der Vorschlag, ihre Arbeiten auf Ostermärkten zu verkaufen. Seitdem hat Baum ihre Eier an verschiedenen Standorten präsentiert, wie beim österlichen Kunsthandwerkermarkt in Fußgönheim oder dem Ostereiermarkt in Schwetzingen. Seit einigen Jahren ist sie regelmäßig auf dem Ostermarkt im Mannheimer Luisenpark zu finden, welcher dieses Jahr allerdings zu ihrem Bedauern der Bundesgartenschau weichen musste.
Inspiration ist überall
Die Motive ihrer bunten Werke plant Baum nicht vor, vielmehr lässt sie sich spontan inspirieren. Mit klassischen Ostermotiven wie Blüten und Hasen hatte sie anfangs begonnen. Inzwischen ist die Vielfalt größer. So gibt’s Hunde, Giraffen oder Pinguine auf den Eierschalen – Letztere seien bei den Kunden besonders beliebt, erzählt Baum. Auch Menschen oder Städteszenen sind Gegenstand ihrer Arbeiten. Zudem überträgt sie gerne die Motive anderer Künstler auf ihre Eier: beispielsweise Illustrationen aus Bilderbüchern wie „Die Häschenschule“ von Fritz Koch-Gotha oder „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ von Sam McBratney. Auch die Werke prominenter Künstler wie Paul Gauguin, August Macke oder Baums Favoriten Salvador Dalí finden sich auf Eiern wieder. Doppelt malt Baum ein Motiv nur ungern, jedes Ei soll ein Unikat sein. Über ihre Inspiration sagt sie: „Es gibt so viele Schönheiten, wenn man nur mit wachen Augen durch die Welt geht. Motive kann man überall finden.“
Auf Geduld kommt es an
Die Eier werden mit feinen Pinseln mit Acrylfarbe bemalt und anschließend lackiert. Dabei ist die Arbeitszeit von der Ei-Größe und der Komplexität des Motivs abhängig. Bis ein Ei fertig bemalt ist, kann es von einer Stunde bis zu mehreren Abenden dauern, berichtet Baum. Die Eier stammen von unterschiedlichen Vogelarten, was auch ihre Größe definiert: Am riesigsten sind die Straußeneier, gefolgt von den Emu-Eiern, dann Schwaneneier, Gänseeier, Hühnereier und die winzigen Singvogeleier. Letztere sind am schwierigsten zu bemalen, nicht nur aufgrund ihrer kleinen Größe, sondern auch ihrer filigranen Schale, die schnell mal zerbricht. „Geduld braucht man,“ betont Baum, „und eine ruhige Hand.“ Die Hühner- und Gänseeier bläst sie selbst aus. Die selteneren großen Eier bekommt sie an unterschiedlichen Stellen, beispielsweise auf den Ostermärkten oder auch mal als Mitbringsel von Freunden.
Ostereiervielfalt
Ein paar Eier hat sie auch von anderen Künstlern auf den Ostermärkten erworben. „Dann muss deren Technik sich aber deutlich von meiner eigenen unterscheiden!“, bekräftigt Baum. Sie zeigt einige Beispiele aus der Welt der Ostereier: In ein Ei wurden Öffnungen gefräst, feine Papierschnitte sitzen im Inneren. Einem anderen wurden zarte Blüten aus Keramik aufgesetzt. Modelliermasse und Farbe verleihen einem weiteren Ei Gesicht, Arme und Beine, so dass ein kleiner runder Zwerg entsteht.
Rundum kreativ
Nicht nur an Ostern erblickt Baums Eiersammlung das Licht der Welt. Das ganze Jahr über schmückt sie die Wohnung – obwohl die Eier in der Osterzeit natürlich besonders zahlreich sind. Auch welche Motive zu sehen sind, passt Baum ein wenig an die Jahreszeit an, zusammen mit dem Dekor, das die Eier begleitet. Und davon ist ein nicht kleiner Teil ebenfalls aus ihrer Hand entstanden. Denn bei den bemalten Eiern enden Baums Bastelkünste noch lange nicht.
Große und kleine Holzfiguren, die von ihrem Ehemann ausgesägt werden, bekommen von ihr Farbe verliehen. Ihre Oster-, Weihnachts- und Geburtstagskarten sind alle selbstgestaltet. Aus Tonpapier faltet sie viele kleine Basteleien, beispielsweise Serviettenhalter, die wie Küken aussehen. Die Motive einiger Eier hat sie mit buntem Wachs auf passende Kerzen übertragen. Ohne ein Bastelprojekt kommt die 81-Jährige auf jeden Fall nicht lange aus: „Ich brauche immer etwas zu tun. Das man mich einfach still herumsitzen sieht, kommt nicht oft vor, oder?“, fragt sie ihren Mann und lacht. Er nickt.
Wie viele Hundert Eier Helche Baum über die vielen Jahre hin wohl insgesamt bepinselt und auf Märkten weitergegeben hat, weiß die Hemshöferin nicht genau – aber müde geworden ist ihr das Hobby noch lange nicht. „Ich freue mich immer noch an jedem einzelnen Ei“, sagt sie.