Interview
„Wir müssen Rassistisches verlernen“: Die Mannheimer Expertin Bahdja Maria Fix im Gespräch über kultursensible Sprache
Frau Fix, ich könnte Sie jetzt fragen, woher Ihr Vorname Bahdja stammt. Wie fänden Sie das?
Gut oder nicht so gut, je nachdem wie ich gefragt werde. Oft stelle ich mich nur mit Maria Fix vor, wenn ich keine Diskussion starten will. Als ich für die Ausstellung „Arbeit und Migration“ Mannheimer Technoseum Geschichten von hier erarbeitet habe und auf meinem Namensschild „Bahdja“ stand, war die erste Frage von Fernsehleuten „Wo kommen Sie ursprünglich her?“ Das hat total genervt. Ich kann auch den Ausdruck „mit Migrationshintergrund“ nicht mehr hören. Ich bin in Mannheim geboren, habe eine internationale Biografie und durch meine Eltern verschiedene Weltkonzepte kennengelernt.
Selbst die neugierige Frage nach der Herkunft kann verletzend sein und ist typisch für versteckten Rassismus.
Ja, damit wird mir signalisiert: Ich gehöre nicht dazu, ich werde als fremd wahrgenommen und aus der Gruppe herauskatapultiert. Ich verstehe das Unwohlsein, wenn man nicht weiß, wie man einen Namen ausspricht und sich unsicher fühlt. Aber das muss man dem Gegenüber nicht zurückgeben, indem man ihn verletzt.
Anders geht es mir persönlich bei der Frage „Bist Du denn auch XY“ Denn hier findet zumindest kein „Othering“, also keine Andersmachung, statt. Damit werde ich in eine Gruppe hineingeholt. Man will mehr wissen über den ethnischen Hintergrund und vermutet, man wäre aus der gleichen Region.
Wie kann man behutsamer in Kontakt kommen, ohne im Gespräch gleich ins Fettnäpfchen zu treten?
Es gibt keine Rezepte nach dem Motto „Sag das und sag jenes nicht“. Wir müssen uns aufeinander einlassen. Statt Listen auszuteilen, mache ich zu Beginn meiner Workshops lieber eine Übung: Die Teilnehmer sollen für sich überlegen, warum sie das Bedürfnis haben, zu wissen, wo der andere herkommt. Zum Beispiel, weil man den Menschen nicht einschätzen kann oder weil man nicht weiß, wie man sein Wissen über eine Region anwenden kann. Diese Unsicherheit kann man erklären und höflich als Satz vor die Frage stellen. Ich mache auch Übungen, um zu reflektieren, wie viel Stereotype man selbst mitbringt. Wir müssen uns hinterfragen: Wie gehen wir miteinander um, mit der Sprache, die wir kennen.
Die Macht der Sprache wird oft unterschätzt. Wie erschafft Sprache Wirklichkeit?
Wer mehrere Sprachen spricht, weiß, dass man damit jeweils anders denkt, weil der Bezugsrahmen ein anderer ist. Der Begriff der „Arbeit“ ist zum Beispiel im Nationalsozialismus mitgeprägt worden: Das Bild des fleißigen, pünktlichen und schwer arbeitenden Menschen ist nicht nur in den Köpfen der sogenannten „Bio-Deutschen“ ohne Migrationsbiografie verankert, sondern auch in denen, die zu uns gekommen sind. Der „Frame“, der Bezugsrahmen, ist behaftet mit Stereotypen und mit rassistischen Ideen, die es zu durchbrechen gilt. Stereotype werden über Generationen in der Sprache verankert. Und Dinge, die ständig reproduziert werden, gelten als wahr.
Haben Sie Beispiele für Begriffe, die unsere Weltsicht auf subtile Weise rassistisch prägen?
Der „Orient“. Als ich mich in den USA darüber unterhalten habe, musste ich feststellen, dass das Wort mit unterschiedlichen Bildern belegt ist. In den USA bedeutet „Orient“ Asien mit China und Japan, während ich an 1001 Nacht und die arabische Kultur denke. Oder die „Dritte Welt“, die es gar nicht gibt. Sie wird erst aufgrund einer wirtschaftlichen Sicht und durch unsere Erzählweise zu einer „Dritten Welt“ gemacht. Im Studium habe ich mich mit einer Dame mit jamaikanischen Wurzeln unterhalten über den Begriff „Schwarz“, den sie für sich vehement ablehnte. Sie bezeichnete sich als „farbig“ und begründete das geografisch, genetisch und mit der Geschichte Jamaikas. Ich war baff.
Stimmt, Hautfarben sind ohnehin Konstrukte! „Schwarz“ wird als Selbstbezeichnung mit großem „S“ geschrieben, um zu kennzeichnen, dass das Wort keine Farbe meint, sondern die Zuschreibungen, die mit einem „Schwarzsein“ verbunden werden.
Genau. Deshalb sollte man auf Selbstbezeichnungen Rücksicht nehmen. Ich muss nicht meine Fremdbezeichnung dem anderen aufdrücken. Wenn ich von kultursensibler Kommunikation spreche, dann angelehnt an Jürgen Boltens Begriff der „fuzzy cultures“: Wir bewegen uns immer in Gruppen, in die jeder seine kulturellen Besonderheiten mitbringt, die gleichwertig sind. Es geht nicht um Multikulti, sondern darum, welche Kultur gerade im Vordergrund steht.
Sie meinen, wie der Komiker Bülent Ceylan, der damit spielt, dass er mal „Monnemer“ und mal „Türke“ ist?
Es geht nicht nur um Einflüsse aus verschiedenen Ländern, sondern auch darum, ob man ländlich oder städtisch geprägt ist, ob Musik eine prägende Rolle spielte und noch vieles mehr. Am Essen kann man das schön plakativ zeigen: Zu unserer Kultur gehören ganz selbstverständlich Spaghetti, aber auch Yoga oder Salsa. Kultur ist nichts Feststehendes. Daher kann man auch keine „Leitkultur“ behaupten, die sich über alles andere stellt. Wir brauchen stattdessen ein Anerkennungskultur, dass Menschen mit Migrationsbiografie ankommen. Wir brauchen auch mehr Vertrauen. Und anstelle der Dichotomie von „Wir“ und „die Anderen“ möchte ich für eine Hybridkultur werben, bei der verschiedene Kulturaspekte sein dürfen, ohne sie verleugnen zu müssen.
Wenn man für eine bewusstere Sprache plädiert, gibt es teils empörte Reaktionen. Es wird von „Sprachpolizei“ gesprochen und argumentiert „Das haben wir doch schon immer gesagt.“ Was antworten Sie darauf?
Sprache ist im ständigen Wandel. Wir können unsere Traditionen haben und sie trotzdem an die Gegenwart anpassen. Alle „heiligen Texte“ haben die Jahrhunderte überdauert, weil sie immer wieder neu gelesen wurden. Man muss Traditionen hinterfragen: Aus welchem Grund wurde früher so gesprochen und haben wir heute noch die gleiche Perspektive? Ich rede gerne von „wir“, denn wir alle – ob mit oder ohne Migrationserfahrung – reproduzieren Diskriminierendes und Rassistisches. Aber wir können von Menschen lernen, die klarer darauf hinweisen: So geht es nicht mehr. Es ist jetzt unsere Aufgabe, das zu verlernen.
Es ist vor allem eine Frage des Wollens, ob man seine Sprache verändern will.
Man kann frei entscheiden, ob man das N-Wort oder das Z-Wort weiter benutzen will. Aber dann muss man damit rechnen, dass das Gegenüber sagt: Jetzt verhältst Du Dich wie ein Rassist. Denn mit diesen Worten wurden Menschen abwertend bezeichnet, als Abschaum, als minderwertige Wesen. Das ist auch heute noch so. In dem Dorf in der Nähe von Mannheim, in dem ich aufgewachsen bin, wurde eine Familie mit vielen Kindern abfällig mit dem Z-Wort bezeichnet. Weil meine Haut nicht ganz weiß ist, wurde mir das N-Wort gesagt und gedroht, mich zu verhauen. Vermutlich durch diese und andere krasse Erfahrungen, beschäftige ich mich schon immer mit der Frage, wie wir miteinander umgehen. Es war allerdings ein langer Weg, mich in den Seminaren so verletzlich zeigen zu können.
Dazu kommt sicherlich auch das Unausgesprochene: eine Handtasche, die fester gehalten wird, sobald jemand in den Bus steigt, der als fremd gelesen wird. Wie verletzend ist das?
Man erlebt viele Dinge, die Leib und Seele angreifen. Dass man sich beobachtet fühlt, wenn man eine gewisse Hautfarbe hat. Es kann auch ein Blick, eine abwertende Geste, ein Wegdrehen sein. Alle unterhalten sich, aber wenn eine bekopftuchte Frau eintritt, wird geschwiegen. Alle werden begrüßt, nur eine Person nicht. Oder jemand wird nicht ins Gespräch mitaufgenommen.
Was empfehlen Sie Betroffenen?
Das ist eine schwierige Frage. Es braucht Mut und Eigenverantwortung, um nicht in der Opferrolle festzustecken, und zwar der Diskriminierende und der Diskriminierte. Man kann für sich selbst sorgen, indem man anspricht, was verletzt, welche Bedürfnisse berührt werden, was man sich wünscht, aber auf respektvolle Weise, ohne den anderen zu verurteilen.
Geht es beim kultursensiblen Sprechen in Wirklichkeit mehr ums Zuhören?
Wenn wir verbindend kommunizieren wollen, dann höre ich auf den anderen. Es geht darum, eine bestimmte Haltung einzunehmen, eine Haltung des Nicht-Wissens, aber auch des Eingebunden-Seins. Ich weiß erst einmal nichts über den anderen, aber das ist nicht schlimm, denn ich bin ein „fellow human being“. Dann kann ich offen dafür sein, wie das Gegenüber behandelt werden will, um keine rassistische Erfahrung zu machen. Wir müssen andere Narrative schaffen und uns bewusst machen, dass wir politische und wirtschaftliche Machtasymmetrien ausgleichen können. Und das lohnt sich, denn wir wollen alle dazugehören und ein gutes Bild von uns haben.
Termin
„Zusammenleben in Vielfalt – Eine Sprache der Haltung“, Workshop am 16. Januar, 18 Uhr, mit Trainerin Bahdja A. Maria Fix im Social Innovation Lab, Bismarckstraße 55, Ludwigshafen. Eintritt frei. Veranstaltung des Frauencafes in der Reihe D.Einfest des Kulturvereins Rhein-Neckar mit der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft. Anmeldung per E-Mail unter frauencafe_lu@web.de.
Zur Person
Bahdja A. Maria Fix, geboren in Mannheim, studierte Neuere Philosophie, Öffentliches Recht und Islamwissenschaften an den Universitäten Heidelberg, Bochum und Santander und war von 2015 bis 2019 im Migrationsbeirat der Stadt Mannheim. Seit 2009 arbeitet sie als Kommunikationsexpertin für kultursensible Sprache. Sie publizierte Beiträge zu Diversität, Kultur, Gender, Migration sowie Antirassismus. Sie publizierte Beiträge zu Diversität, Kultur, Gender, Migration sowie Antirassismus.
Glossar
Das N-Wort stammt aus der Geschichte der Versklavung und ist ein kolonial-rassistischer Begriff für Schwarze Menschen.
Das Z-Wort ist eine Jahrtausendealte verunglimpfende Bezeichnung für Angehörige der Roma, teils negativ, teils romantisierend. Weil sie im Nationalsozialismus mit „Z“ markiert und in Konzentrationslagern umgebracht wurden, wird auch die Z-Abkürzung kritisch gesehen. Quelle: Formulierungsvorschläge für Medien: https://glossar.neuemedienmacher.de
Zum Weiterlesen
Tupoka Ogette „Exit Racism. Rassismuskritisch denken lernen“ Unrast-Verlag, 2017.
Alice Hasters „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten“ Hanserblau, 2019
Hasnain Kazim „Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen - und was ich ihnen antworte“ Penguin Verlag, 2018
Kübra Gümüsay „Sprache und Sein“, Hanser, 2020. (jel)