Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Wilfried Dietrich: Der „Kran von Schifferstadt“ bleibt unerreicht

Wilfried Dietrich bei einem Kampf für Schifferstadt.
Wilfried Dietrich bei einem Kampf für Schifferstadt.

Mit einem olympischen „Jahrhundertwurf“ hat sich vor fast genau 50 Jahren Wilfried Dietrich bei den Spielen in München 1972 zur Ringer-Legende gemacht. Er prägte zwei Jahrzehnte lang den deutschen und internationalen Ringersport.

Dietrichs erfolgreicher Ausheber und Überwurf gegen den 1,96 Meter großen und 192 Kilogramm schweren US-amerikanischen Hünen Chris Taylor (1950-1979) im Olympia-Ringerturnier im griechisch-römischen Stil am 7. September 1972 in München bescherte dem Mann aus der Pfalz zwar bei seiner fünften Olympia-Teilnahme keine Medaille, aber dieser Kraftakt Mitte der zweiten Runde der schwersten Gewichtsklasse machte ihn weltberühmt. Denn gemessen an Taylor, dem schwersten Olympiastarter aller Zeiten, wirkte Dietrich mit seinen 1,84 Metern Größe und 108 Kilogramm Gewicht fast „zwergenhaft“. Der spätere Olympiasieger Alexander Medwed (UdSSR) war beeindruckt: „Es war der sensationellste Kampf dieses Jahrhunderts...“

Für Dietrichs sportlichen Ruhm sorgten nicht nur die 30 deutschen Meistertitel zwischen 1955 und 1977 oder seine insgesamt fünf Olympia-Teilnahmen mit ebenso vielen Medaillen in beiden Stilarten (nur in München blieb er medaillenlos), sondern eben dieser klassische Ausheber und Überwurf. Der damals bereits 38-jährige gelernte Schweißer und Kranfahrer vom Ludwigshafener Unternehmen Stahlbau Schäfer war schon lange berühmt für sein schier unerschöpfliches Griffrepertoire und seine Schnelligkeit in seiner Sportart. Der Sohn eines Schifferstadter Fuhrunternehmers, der am 14. Oktober 1933 zur Welt kam, hatte schon früh seinen Spitznamen weg: Seine Gegner nannte ihn respektvoll „Kran von Schifferstadt“, die meisten Ausländern schwärmten vom „Siegfried aus der Pfalz“ – nur seine besten heimischen Freunde (und nur die) durften ihn „der Dicke“ nennen.

Von 1956 bis 1962 weltweit unbesiegt

Kein anderer deutscher Ringer hat eine solche sportliche Bilanz wie der Schifferstadter, der auf internationalen Matten bei Olympia Gold (1960), Silber (1956, 1960), Bronze (1964), WM-Gold (1961), WM-Silber (1957, 1969) und WM-Bronze (1962) sowie EM-Gold (1967) holte. Dietrich gewann von 45 Länderkämpfen 33, verlor niemals „auf Schulter“ und blieb in Deutschland ununterbrochen 20 Jahre lang ohne Niederlage (bis dem Ludwigshafener Gerd Volz gegen den bereits 41-jährigen Dietrich am 5. Oktober 1974 der erste Sieg gelang). Noch ein Rekord: Von 1956 bis 1962 war Dietrich weltweit unbesiegt. Mehr als 1100 Kämpfe hat „der Dicke“ absolviert, der seine berufliche Laufbahn als Fahrer der beiden Landräte Otto Johann und Dr. Paul Schädler und dann in der Kfz-Zulassungsstelle der Kreisverwaltung beendete.

1985 zieht Dietrich mit Frau Helga nach Südafrika

Dann ging’s 1985 für Dietrich nach Südafrika, wo er mit seiner zweiten Frau Helga (die er bei einem sportlichen „Abstecher“ zum ASV Mainz 88 mit zwei Einzel- und zwei Mannschaftsmeisterschaften kennengelernt hatte) eine Schönheitsfarm betrieb. Was blieb, war für den Pfälzer das Heimweh und immer öfter gab es „Urlaub in der Pfalz“. Beim Ex-Boxer Hans Freistadt, der damals in Waldsee die Gaststätte „Krone“ betrieb, sammelte er seine Freunde um sich und schwärmte davon, „bald wieder hääm zu kumme“. Deshalb wollte er 1993 seinen Besitz in Südafrika verkaufen. Am 3. Juni 1992 machte sein Herz aber nicht mehr mit: Dietrich starb mit erst 58 Jahren nach einem Spaziergang mit seinen Hunden auf der Farm in Durbanville in Südafrika. Begraben ist er in einem Ehrengrab auf dem Friedhof seiner Heimatstadt Schifferstadt, die ihn bereits 1969 zum Ehrenbürger ernannt hatte.

Ehrungen aller Art gab es für Dietrich bereits zu Lebzeiten – aber auch noch lange nach seinem Tod. So war er 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko Fahnenträger beim Einmarsch der deutschen Teilnehmer, erhielt vom Bund das Silberne Lorbeerblatt und 1960 das Goldene Band der Deutschen Sportpresse. Am 6. Mai 2008 wurde er in die deutsche „Hall of Fame“ des Sports aufgenommen, im September 2014 vom Ringer-Weltverband in die „FILA-Hall of Fame“ und schließlich 2015 zur „Legende des Ringersports“ erhoben.

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