Sportlerin im Blick
Wie Miriam Knoblauch ihre Liebe zum Rugbysport entdeckte
Als wäre es ihr in die Wiege gelegt worden: Im Januar 2004 in Ludwigshafen geboren, ging es für die ganz junge Miriam recht schnell hinaus in die Welt – und ausgerechnet nach Hongkong, ins Mekka des Siebenerrugbys. Ihre Eltern hat es von 2005 bis 2007 beruflich in die fernöstliche Sonderverwaltungszone verschlagen, früher eine britische Kolonie, in der Rugby traditionell eine große Nummer war und ist.
Die dort alljährlich in den Tagen um Ostern stattfindenden Hongkong Sevens – falls nicht ein Corona-Virus die Welt lahmlegt – gelten als das Wimbledon des Siebenerrugbys. Jahrzehnte lang ausgetragen als heimliche WM, gab es dort 1997 und 2005 offizielle Weltmeisterschaften (beide Male siegte Fidschi). Ob die kleine Miriam Knoblauch damals in Fernost schon vom Rugbyvirus infiziert wurde? Auf jeden Fall sollte es noch rund zwölf Jahre dauern, ehe sich ihr Wunsch nach Rugby Bahn brach.
„Sport ist cool“
Als Dreijährige wieder zurück in der Vorderpfalz, war erst einmal in der Musikschule Ludwigshafen Ballett angesagt. Dann standen sportlich gesehen Vierbeiner im Mittelpunkt – Pferdesport im Reitverein in Oggersheim –, bevor der runde Ball als Sportgerät ins Spiel kam: Mädchenfußball, zunächst bei der DJK Blau-Weiß Oppau, dann beim 1. FFC Ludwigshafen – insgesamt sechs Jahre lang. „Sport war für mich immer cool“, gesteht Miriam Knoblauch vor rund vier Wochen beim Gespräch in der Gaststätte des KSC Friesenheim. Weit hatte es die fast 18-Jährige nicht, denn sie ist eine „waschechte“ Friesenheimerin.
Und dann kam Irland. Längst von der Rupprechtschule ins Carl-Bosch-Gymnasium gewechselt, wo sie – toi, toi, toi – im April nächsten Jahres ihr Abitur machen wird, ging es 2018 für ein Auslandsjahr auf die Grüne Insel. Im Südosten Irlands, in Enniscorthy in der Grafschaft Wexford, wohnte sie in einer Gastfamilie und besuchte eine Mädchenschule. Und auf einmal war das bevorzugte Sportgerät nicht mehr rund, sondern oval, nämlich beim Enniscorthy RFC. „Schon nach einer Woche in Enniscorthy war ich im ersten Rugbytraining. Und schon bald darauf hatte ich mein erstes Spiel.“ Wenn Miriam Knoblauch davon erzählt, ist ihre Begeisterung zu spüren. Das Rugbyvirus war endgültig ausgebrochen. „Ich wurde sehr gut im Verein aufgenommen, man hat mir den Sport super beigebracht.“
Sieg in der Leinster League
Denn neben den gälischen Sportarten Gaelic Football und Hurling hat Rugby in Irland den Fußball als Mannschaftssport Nummer eins längst abgelöst. Vorbei sind die goldenen 80er Jahre des irischen Fußballs, als beispielsweise die „Boys in Green“ unter Trainer Jack Charlton bei der EM 1988 in Stuttgart Erzrivale England 1:0 besiegten. Mittlerweile steht die Rugby-Auswahl bei den Herren in der Weltrangliste auf Platz fünf und besiegte jüngst im November in Dublin sogar die legendären All Blacks (19:10). „In diesem einen Jahr in Irland habe ich Rugbyspielen gelernt, als Krönung mit der Enniscorthy-U16 die Leinster League gewonnen.“ Im 15er-Rugby wohlgemerkt, dies gar in der Dritten Reihe. „Beim wehmütigen Abschied haben sie mir mein Trikot mit der Nummer sechs geschenkt.“ Mit ihrer damaligen Kapitänin hat Miriam Knoblauch noch Kontakt; Katie Whelan spielt mittlerweile für Irland.
Wer in Deutschland einen Rugbyverein sucht, hat es mitunter nicht leicht. Es sei denn, man wohnt in einer der Hochburgen wie Heidelberg, Hannover, Frankfurt/Heusenstamm oder Berlin. Immerhin hatte sich 2018 in Ludwigshafen gerade eine Rugbyabteilung beim SV Südwest gegründet, die aber beim vom Fußball dominierten Verein nicht zur Blüte kam und im letzten Sommer geschlossen zum SVF Ludwigshafen wechselte. Dort herrschen auf dem Rasenplatz in der Friesenheimer Teichgasse sehr gute Bedingungen, und die SVF-Rugbymänner sowie -frauen bilden mit dem RC Worms eine Spielgemeinschaft. Miriam Knoblauch wurde folgerichtig Mitglied beim SVF.
Doch sie wollte mehr. Beim Deutschen Rugby-Verband (DRV) hat sie nachgefragt, ob, wann und wo es überregionale Auswahltrainings gibt. So landete sie bei einer Sichtung des Rugby-Verbandes Baden-Württemberg im September 2020 auf dem Kunstrasenplatz des Heidelberger RK (HRK) unter den Fittichen von Andreas Hacker, Benedikt Kischka und Lisa Bohrmann.
Die Folge: Mittlerweile ist sie Mitglied in zwei Vereinen, spielt 15er Rugby beim renommierten HRK, dem 1871 gegründeten und somit ältesten deutschen Rugbyclub – und dies dort meist in der Zweiten Reihe. Dazu noch Siebenerrugby in der SG Ludwigshafen/Worms unter der kompetenten Anleitung von Trainer Will Esau, einem in Namibia geborenen Südafrikaner, der einst als Musicaldarsteller bei „Der König der Löwen“ in Hamburg mitwirkte und jetzt in Oggersheim wohnt.
Als Haklerin in Polen
Ihre irische Rugbyausbildung trug schnell Früchte. Im Oktober 2020 folgte auf dem „Museumsplatz“ im Heidelberger Norden ein Lehrgang mit der deutschen und polnischen U18 unter Max Pietrek. Als dann im Corona-Sportjahr 2021 der europäische Verband Mitte Juli im polnischen Danzig nur ein einziges EM-Siebener-Turnier auf U18-Ebene ausrichten konnte, trug Miriam Knoblauch erstmals das Nationaltrikot. Vorne der Bundesadler, hinten die Nummer zwei – die steht für die Position als Haklerin. Deutschland gewann fünf von sechs Spielen und wurde Zweiter in der Rugby Europe Trophy.
Miriams älterer Bruder Frederik hatte ihr schon vor ihrem Irland-Abenteuer auf heimischen Spaziergängen erste Passtechniken beigebracht. Mit einem Ball, den er aus Lake Taupo in Neuseeland mitgebracht hatte. Dort kommt man an Rugby ohnehin nicht vorbei. Mal sehen, welche Sportart Jonathan, der jüngste Spross im Hause Knoblauch, wählt.
Im Rugby tritt Miriam Knoblauch derzeit etwas kürzer. Erstmal Abi machen. Danach plant sie mit zwei Freundinnen eine einmonatige Fahrradtour von Ludwigshafen nach Stockholm. Weitere Pläne? „Nach dem Sommer geht's wahrscheinlich für ein Freiwilliges Soziales Jahr ins Ausland, gerne nach Frankreich. Generell möglichst da, wo viel Rugby gespielt wird.“
Zur Sache
Der Enniscorthy RFC spielt in der Ross Road in der 12.000-Seelen-Gemeinde im Südosten Irlands. Das ist etwa 25 Kilometer entfernt von Wexford, der Hauptstadt der gleichnamigen Grafschaft in der Provinz Leinster. Im Jahr 1912 gegründet, ist der Verein der älteste in der Grafschaft Wexford mit schönen Erfolgen im Herren-, Frauen- und auch im Jugendbereich.