Ludwigshafen
Wie Menschen in den Notunterkünften durch die Corona-Krise kommen: ein Interview
Frau Muth, die Tafel will ab Dienstag wieder öffnen. Endet damit Ihre Aktion?
Nein. Uns ist aufgefallen, dass zum Beispiel die Bewohner der Obdachlosenunterkünfte durchs Raster fallen. Sie haben kein Einkommen im Sinne eines Hartz-IV-Bescheids und können deshalb nicht bei der Tafel einkaufen. Wir werden deshalb auf jeden Fall diese Woche noch weitermachen, um zu sehen, wie sich der Bedarf entwickelt. Im Moment verteilen wir zweimal die Woche 50 Lebensmitteltüten an Einzelpersonen und an Familien. Über die Corona-Soforthilfe der Aktion Herzenssache haben wird fast 10.000 Euro an Spenden bekommen, die wir ab nächster Woche in Form von Einkaufsgutscheinen für Lebensmittel ausgeben und von denen wir Spiele für Familien kaufen.
In den Tüten sind Mehl, Milch, Eier und andere Grundnahrungsmittel. Alles Sachen, die an sich nicht besonders teuer sind. Wie sehr hilft so eine Tüte denn tatsächlich?
Viele haben uns gesagt, dass das eine große Unterstützung ist. Für Familien fällt ja im Moment die Verpflegung der Kinder in den Einrichtungen weg. Da zählt jeder Euro. Und für die Bewohner der Obdachlosenunterkünfte ist es aktuell auch schwieriger, weil ihre üblichen Versorgungsquellen zum Teil geschlossen sind.
Um mit den Waren etwas anfangen zu können, braucht es eine Kochmöglichkeit. Wie sieht es damit in den Notunterkünften aus?
In den Familienwohnungen gibt es eine entsprechende Ausstattung. Bei den Obdachlosenunterkünften sieht das anders aus. Dort kann man in den Wohnungen nicht unbedingt kochen. Allerdings gibt es dort untereinander einen regen Handel, mit dem einiges ausgeglichen wird.
Handel im Sinne von: Ich tausche ein Päckchen Mehl gegen eine Portion Nudeln mit Tomatensoße?
Theoretisch schon. Man hilft sich untereinander. Wer eine Kochmöglichkeit hat, unterstützt andere.
Wie ist denn überhaupt die Situation aktuell in der Bayreuther Straße und in Mundenheim-West?
Sehr angespannt. Die Wohnungen haben keine Balkone, die Kinder sollen nicht gemeinsam im Hof spielen. Das ist für Familien, die jetzt viel Zeit zusammen auf engstem Raum verbringen, sehr belastend. Die Bewohner halten sich an die Kontaktbeschränkungen. Aber das macht natürlich die sozialen Kontakte schwieriger. Die Straße und die Höfe sind normalerweise der Sozialraum der obdachlosen Männer und Frauen.
Was wird dort, außer Lebensmitteln, im Moment besonders gebraucht? Was fehlt?
Sozialer Kontakt, Ansprache, ein offenes Ohr für Probleme – das wird vermisst und das hören wir auch, wenn die Päckchen abgeholt werden. Wir haben die Ausgabe deshalb immer zum Gespräch genutzt und angeboten, dass man uns jederzeit anrufen kann. Allerdings scheint die Hemmschwelle dafür viel größer als im direkten persönlichen Kontakt.
Der Emmi-Knauber-Hort in der Bayreuther Straße, den Sie leiten, ist für rund 80 Schüler ein zweites Zuhause. Wie erreichen Sie denn im Moment die Familien?
Wir rufen regelmäßig an und fragen nach, wie die aktuelle Situation ist. Auf unserer Homepage gibt es außerdem regelmäßig Aktionen. Im Moment stehen dort beispielsweise kleine Videos unserer Küchenmitarbeiterin zum gemeinsamen Kochen und Backen mit den Kindern. So versuchen wir, von außen den Alltag der Kinder ein bisschen zu gestalten.
Und wie geht es den Kindern?
Den meisten geht es gut. Aber bei einigen machen wir uns schon Sorgen, weil wir wissen, dass sie Zuhause nicht die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Da rufen wir öfter an und versuchen, sie bei der Lebensmittelausgabe mal zu Gesicht zu bekommen.
Wann wird der Hort wieder öffnen?
Wir hoffen, so schnell wie möglich. Das wäre auch wichtig, weil es gerade in unserem Einzugsgebiet viele Familien gibt, die die Nachteile, denen die Kinder sowieso immer ausgesetzt sind, nicht selbst ausgleichen können. Die Arbeit mit unseren Kindern fehlt uns sehr. Aber ein konkretes Datum gibt es leider noch nicht.
Was glauben Sie: Wie werden die Nachwirkungen der Corona-Krise Ihre Arbeit in den Notwohngebieten und die Ihrer Kollegen prägen?
Sehr stark. Ich gehe davon aus, dass wir in allen Einrichtungen eine Wiedereingewöhnung machen müssen. Für die Kleinen ist diese ganze Situation ja kaum nachvollziehbar. Bei den Hortkindern werden wir viel Zeit dafür aufwenden müssen, erstmal über die letzten Wochen zu reden, was das mit einem gemacht hat und wie man in Zukunft mit solchen Situationen umgehen will. Außerdem geht es natürlich darum, mit den Schulen gemeinsam Wissenslücken aufzufangen. Vielleicht müssen wir auch überlegen, Kinder morgens in die Schule zu begleiten. Das pünktliche Aufstehen, überhaupt eine feste Tagesstruktur dürfte manchen jetzt erst mal wieder schwer fallen.
Worauf freuen Sie sich am ersten Tag im Hort selbst am meisten?
Auf Kinderlachen. Und auf den Austausch mit den Eltern. Es ist schon sehr gespenstisch im Moment hier.
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