Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Eric Martin nach 30 Jahren seinen Erfolg mit Mr. Big sieht

„Lange Zeit war ich nur ein vielversprechendes Talent“: Eric Martin.
»Lange Zeit war ich nur ein vielversprechendes Talent«: Eric Martin.

Ihm gehört eine der legendärsten Stimmen des Hardrock: Eric Martin. Hierzulande kennt man ihn vor allem als Sänger von Mr. Big, der Band, die mit „To Be With You“ einen der größten Hits der 1990er-Jahre gelandet hat – und das auf der ganzen Welt. Martin hat aber auch eine Geschichte vor und nach der Band. Mit Benjamin Fiege sprach der 61-Jährige über den Status von Mr. Big, die Pandemie – und über Karottensaft.

Herr Martin, wie geht es Ihnen?
Mir geht es gut, danke. Ich genieße es, wieder unterwegs zu sein. Ich sitze hier gerade in meinem Hotelzimmer in Barcelona, wir haben hier mit „Avantasia“ einen Auftritt. Einer der Sänger des Projekts schafft es wohl nicht, weil Flüge gestrichen worden sind. Ich hoffe, dass ich gut vom Fleck komme, als Nächstes geht es nach Venedig.

Sind Sie gesund durch die Pandemie gekommen?
Ich bin zum Glück gesund geblieben, auch meine Familie. Aber einige Freunde und Bekannte hat es erwischt, und das war nicht schön. Die hatten damit echt zu kämpfen.

Viele hatten ja in Zeiten der Lockdowns irgendwelche DIY-Projekte am Start. Was lief denn bei Ihnen?
Nein, ich kann da leider nicht viel vorweisen. Ich habe mehrfach mein Haus geputzt, aber nicht wirklich viel kreative Energie. Die Lockdowns haben mich in der Hinsicht ganz schön mitgenommen. Ich habe es vermisst, on the road zu sein, habe auch zu viel getrunken. Aber damit habe ich aufgehört und seit Monaten keinen Tropfen Alkohol mehr zu mir genommen.

Hierzulande kennt man Sie als Sänger von Mr. Big. Den wenigsten ist bekannt, dass Sie eine Karriere davor hatten.
Ja, das wissen in Deutschland wohl nur Sie und noch zwei, drei andere Leute. (Lacht.) Ich spielte in der Band 415, aus der dann die Eric Martin Band wurde, und war dann kurzzeitig auch solo unterwegs. Herbie Herbert, mein Manager, versuchte damals, einen Star aus mir zu machen, aber lange Zeit war ich nur ein vielversprechendes Talent. Hier und da habe ich auch Soundtrack-Sachen gemacht. Etwa für „Iron Eagle“, eine Arme-Leute-Version von „Top Gun“. Oder für „Caddyshack II“, den aber auch nicht so viele Leute gesehen haben wie den ersten Teil. Herbie spielte dann aber auch eine große Rolle bei der Gründung von Mr. Big und wurde unser Manager.

Mr. Big sind ja dann sozusagen als Supergroup gegründet worden. War das dennoch vom Start weg als langfristiges Projekt angelegt?
Unser Bassist Billy Sheehan kam von David Lee Roth, unser Gitarrist Paul Gilbert von Racer X, unser Drummer Pat Torpey spielte für Ted Nugent, Richie Kotzen oder Robert Plant, dazu noch ich, der ja ebenfalls schon moderate Erfolge vorzuweisen hatte. Ich kann verstehen, wo die Bezeichnung Supergroup herkam, aber wir haben uns selbst nie so genannt. Wir haben uns von Anfang an als Band verstanden und hatten auch alle das Ziel, langfristig und nachhaltig Erfolg damit zu haben. Es war nie ein Kurzzeit-Projekt für uns.

Heute scheint das ja aus der Mode gekommen zu sein, eine Band zu gründen. Die jungen Künstler wollen irgendwie lieber alle Solo-Stars werden.
Ach, die können das ja machen, wie sie wollen. Das ist mir recht egal. Ich für meinen Teil habe ich mich als Teil einer Band immer sehr wohlgefüllt, auf der Bühne, aber auch abseits davon. Mir gefällt die Kameraderie sehr, man durchlebt ja zusammen so einiges. Es kommt einem dann so vor, als seien alle um die Band herum Zivilisten. (Lacht.)

Hat denn dieses Bandgefüge dafür gesorgt, dass Sie mit dem Erfolg, aber auch mit dem Druck, den es nach „Wild World“ und „To Be With You“ gab, besser umgehen konnten?
Ich denke schon, dass es die Dinge einfacher macht. Aber man muss auch etwas dafür tun, dass es in dem Gefüge passt. Ich habe mich als Frontmann immer als Teil der Band verstanden, wollte nie irgendwelche Credits einheimsen, die mir nicht zustanden. Mir hat zwar die Aufmerksamkeit gefallen, als der Erfolg plötzlich da war. Aber es war mir unangenehm, wenn mich Leute am Flughafen als „Mr. Big“ ansprachen und den Rest der Band ignorierten. Das habe ich immer gleich klarzustellen versucht. Ich war übrigens nicht nur „Mr. Big“, sondern wahlweise auch der „To-Be-With-You-Typ“. Letzteres habe ich auch gerne mal auf Autogramme geschrieben.

„To Be With You“ war ja ein echter Gamechanger für Sie. Vorher galten Mr. Big eher als Live-Band, die die Hallen füllt, aber eher mäßig Platten verkauft.
Ja, das Lied hat uns gerettet. Ich glaube, das Label hatte schon langsam das Vertrauen in uns verloren und war bereit, uns loszuwerden. Und dann kam der Erfolg von „To Be With You“. Das Lied hatte ich schon als 16-Jähriger geschrieben. Mit David Grahame habe ich es später nochmal umgeschrieben. Unserem Produzenten Kevin Elson hat es gut gefallen und ich war froh, als es dann auf „Lean into it“ landete. Es war dann unfassbar, zu beobachten, wie die Nummer in den Charts an die Spitze kletterte, und das in so vielen Ländern. Aufregende Zeiten.

Wie schwierig ist es denn, die Songs von Mr. Big heute noch auf die Bühne zu bekommen?
Es ist für die Stimme schon eine Herausforderung, aber es klappt noch. (Lacht.) Gut, bei manchen Songs muss ich vielleicht heute passen. „Never Say Never“ beispielsweise, diese Höhen würde ich heute nicht mehr erreichen. Meine Stimme ist über die Jahre etwas gereift und tiefer geworden, aber mir gefällt das ehrlich gesagt ganz gut.

Die frühen 1990er waren ja noch eher wilde Zeiten im Rock-Geschäft. Wie froh sind Sie, dass es damals keine Smartphones mit Kameras gab?
Oh, ich bin sehr froh darüber. Das kann schon ein großer Eingriff in die Privatsphäre sein, je nachdem, was da so gepostet wird. Ich kann auch heutzutage Konzertbesucher nicht verstehen, die die ganze Zeit nur durch die Smartphone-Kamera gucken und dann am nächsten Tag in ihren Aufzeichnungen nachschauen müssen, ob ihnen das Konzert nun gefallen hat oder nicht. Aber gut, man muss mit der Zeit gehen. Ich bin jetzt auch richtig bei Instagram, nachdem ich da eine Weile nur heimlich meinen Söhnen nachspioniert habe. (Lacht.)

Man hört, bei Ihnen sei auch gerne mal Karottensaft backstage geflossen. Das passt ja eigentlich so gar nicht zum Rockstar-Klischee.
Billy und ich haben gerne auch mal backstage Bier oder Wein getrunken. Unser Gitarrist Paul Gilbert hatte aber immer einen Sack voller Karotten parat, man hörte praktisch den ganzen Tag den Mixer. Er gab mir dann den Tipp, ein bisschen Ingwer in meinen Karottensaft zu mischen. Das sei gut für die Stimme. War es auch. Paul Gilbert hat mich also heil durch die 1990er-Jahre gebracht.

Sie sind überall erfolgreich gewesen, aber der Erfolg in Japan war nochmal eine Nummer größer. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Nein, dafür habe ich auch keine wirkliche Erklärung. Die japanischen Hörer mochten uns von Anfang an, und sie haben auch lange vor dem Internet und Social Media immer herausbekommen, in welchen Hotels wir abgestiegen sind. Da funktionierte Mund-zu-Mund-Propaganda offensichtlich immer ganz gut. Wir haben die Beziehung zu unseren Fans dort aber auch immer intensiv gepflegt. In unseren Anfangstagen dort haben wir in den Hotels immer Wäschekörbe voller Fanpost bekommen, oft mit Rückumschlägen und einem kleinen Stift, damit wir Autogramme schicken. Daraus sind damals teils Brieffreundschaften entstanden.

Seit dem Tod des Drummers Pat Torpey ist die Band offiziell in einer Pause. Gibt es die Chance, dass Mr. Big wieder gemeinsame Sache machen?
Ja, der Tod von Pat hat uns schwer getroffen, 2018 war das. Ich vermisse die Jungs wirklich, muss ich sagen. Auf der Bühne fühle ich mich bei meinen Solo-Auftritten ohne sie fast schon ein bisschen nackt. Ich hätte große Lust, wieder was mit ihnen zu machen. Wir haben auch Kontakt und sind gerade in Gesprächen. Die Tür ist auf jeden Fall offen.

Werden wir denn in Mannheim ausschließlich Mr. Big-Material hören?
Nicht ausschließlich, aber zum größten Teil. Ansonsten geht es darum, Spaß zu haben. Ich reagiere auch auf Wünsche, spiele, was mir zugerufen wird. Und wenn ich es nicht spielen kann, singe ich es a-capella. (Lacht.)

Termin

Eric Martin spielt am Sonntag, 24. Juli, 19 Uhr, im 7er-Club, Industriestraße 7 in Mannheim.

Zur Person

Am 10. Oktober 1960 wurde Eric Martin in Long Island geboren, einer zum US-Bundesstaat New York gehörenden Insel. Berühmt wurde er als Sänger, in seiner Jugend spielte er aber auch Schlagzeug. 1988 gehörte Martin zu den Gründungsmitgliedern der Hardrock-Band Mr. Big, der mit dem von Martin geschriebenen Song „To Be With You“ einer der größten Hits der 1990er-Jahre gelang. Der Song, die auf dem zweiten Album „Lean into it“ veröffentlicht worden war, kletterte 1992 in den USA, in Deutschland, Österreich und der Schweiz an die Spitze der Charts. An diesen Erfolg konnte die Band bis heute nicht mehr anknüpfen. Martin widmete sich wie seine Kollegen anderen Projekten. Zurzeit ist er als Solo-Künstler unterwegs sowie als Teil der Rock-Oper „Avantasia“.

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