Ludwigshafen Wie ein Klempner

Oberarzt Christoph Hirche (links) und Assistenzarzt Arne Böcker operieren. Was sie genau tun, ist oben auf dem Bildschirm zu seh
Oberarzt Christoph Hirche (links) und Assistenzarzt Arne Böcker operieren. Was sie genau tun, ist oben auf dem Bildschirm zu sehen.

Dicke Türen versperren den Weg zu den Trainingsplätzen. Das wirkt erschreckend und hat auch gar nichts mit den Ärzten der Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie zu tun. Sie tummeln sich zwar hier an den zwei Mikroskopen, um ihre Eingriffe zu üben. Aber dass der Bereich neben dem Hörsaal einem Hochsicherheitstrakt ähnelt, liegt daran, dass wir uns hier im Operationssaal für Strahlenverletzte befinden. Einen solchen muss die BG Klinik offiziell bereitstellen, erklärt Pressesprecherin Ute Kühnlein. Da dieser aber bisher nie gebraucht wurde, die BASF eine Spende in Aussicht gestellt hatte und die Chirurgen üben müssen, ist hier nun eben ein sehr modernes Trainingszentrum entstanden. „Und bei Bedarf räumen wir alles schnell raus und können den Strahlen-OP nutzen“, erklärt Kühnlein. Schon geht die nächste schwere Metalltür auf. Oberarzt Christoph Hirche begrüßt die Besucher lächelnd. Mit ihm sind die Assistenzärzte Arne Böcker und Christoph Köpple im Raum. Die drei verteilen sich an die zwei Mikroskope. Sie üben und erklären dabei, was sie genau machen – und warum sie so akribisch sind. Der Blick wandert zunächst auf die zwei „OP“-Tische. Hirche und Böcker haben Hühnerherzen vor sich liegen, Köpple stopft ein winziges Loch an einem kleinen Silikonschlauch. Direkt oberhalb der Tische hängen zwei große Bildschirme an der Wand. Damit ist in dem Raum schon alles vorhanden, was dieses Trainingszentrum ausmacht: mit Hirche ein erfahrener Experte in der Mikrochirurgie, und mit den zwei Mikroskopen zwei Anlagen, „sodass wir zu Bedingungen wie bei richtigen Operationen üben können“. Und weil alles so winzig klein und mit dem Auge eigentlich nicht zu erkennen ist, gibt es die Bildschirme. Die übertragen alles extrem vergrößert, sodass ein weiterer Profi – wie etwa Ulrich Kneser, Direktor der Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie, der ein paar Minuten später in den Raum kommt – den Eingriff gut beobachten und Tipps zu den Handgriffen geben kann. Bis zu 100 Stunden verbringen die Assistenzärzte während ihrer sechsjährigen Phase bis zur Facharztreife mit Üben, ehe sie bei Operationen selbst Hand anlegen dürfen. „Man muss üben. Dann ist diese Schwelle zum richtigen Eingriff niedrig. Nur so werden die Handgriffe zu Automatismen, und das ist in der Mikrochirurgie elementar“, betont Kneser. Anders als bei gewöhnlichen Operationen ist hier ein gehöriges Maß an Koordination erforderlich. Nadel und Faden sind nicht dicker als ein Haar. Damit der Chirurg sie sehen kann, muss er seine Werkzeuge und die zu operierenden Gefäße per Mikroskop vergrößern. „Das ist das Spezielle an dieser Form der Chirurgie. Ich schaue oben in ein Gerät und muss unten meine Hände steuern“, erklärt Köpple. Er hat’s gerade relativ leicht, weil er an einem Silikonschlauch ein Loch stopft und die Naht am Ende verknotet. „Das ist wie ein Hausfrauenkoten“, bemerkt der junge Arzt trocken. „Ich muss aber lernen, diesen Knoten unter diesen Bedingungen und mit diesen Geräten hinzubekommen.“ Etwa zwei Meter weiter sitzt sein Facharztkollege Arne Böcker, der gemeinsam mit Oberarzt Hirche an zwei Hühnerherzen arbeitet. Diese Organe bieten sich an, weil die Gefäße so filigran sind. Gekauft werden die Herzen bei Schlachthöfen. Die Aufgabe der Ärzte ist es, die zwei Herzen so zusammenzunähen, dass ein Schlauch entsteht, durch den das Blut wieder fließen kann. „Wir machen also nichts anderes als das, was ein Klempner auch macht“, erklärt Kneser sachlich. Nur sieht der eben alles, was er richten muss. Ein Mikrochirurg muss sich auf sein Gefühl, seine Koordination und das Mikroskopbild verlassen: „Beim Operieren darf ich nicht testen, was der Faden macht. Wenn der mal straff wird, reißen die Gefäße“, erklärt Kneser. Genau deshalb, hakt Hirche ein, gibt es die Trainingsstufen. Köpple kann sich an Kunststoff versuchen, das ruhig liegen bleibt. Etwas kniffliger ist es für Böcker an den Hühnerherzen: „Die sind elastisch“, sagt Hirche. „Und in einer echten Operation kommt Blut dazu und der Druck, weil man nur eine gewisse Zeit hat, bis die Gefäße wieder durchblutet sein müssen“, ergänzt Kneser. Üben sei unerlässlich. Er hat einen guten Vergleich: „Das wäre, als wenn ein Geiger seine ersten Versuche gleich auf der Bühne machen würde.“ Deshalb gibt es die Kontrolle via Bildschirm. Hirche greift immer wieder ein. Er erklärt den jungen Kollegen, wie sie am besten sitzen sollen und welche Position Arme und Hände haben müssen. Am Ende sollen die Assistenzärzte in der Lage sein, Finger wieder anzunähen oder Gewebe zu verpflanzen. 300 mikrochirurgische Eingriffe gibt es an der BG pro Jahr. 30 bis 35 mal jährlich werden abgetrennte Finger wieder zusammengenäht. „Wir wollen bestmöglich ausbilden, davon profitieren unsere Patienten.“ Sie können sich darauf verlassen, „dass 365 Tage im Jahr 24 Stunden pro Tag ein Operationsteam da ist, das diese Eingriffe kann“. Knesers Blick wandert zu Arne Böcker. Er sagt verständnisvoll: „Manchmal nervt es einfach nur, wenn man die Nadel greifen will und es klappt nicht. Und am Ende kommt der Knoten, das ist gar nicht witzig.“ Böcker bleibt dran. Stück für Stück wachsen die zwei Herzen zusammen. Operation gelungen. Kneser nickt zufrieden.

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