Mannheim / Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein Bauingenieur den Weg zum Ballett fand

Oliver Vögeli, aufgewachsen in Waldsee und Tänzer bei der Talking Modern Dance Crew, springt einen Pas de Balanchine.
Oliver Vögeli, aufgewachsen in Waldsee und Tänzer bei der Talking Modern Dance Crew, springt einen Pas de Balanchine.

Ballett fängt man am besten mit drei Jahren an, sonst hat man verloren. Von wegen! Es ist nie zu spät, eine Leidenschaft auszuleben. Oliver Vögeli ist Bauingenieur, hat mit 27 Jahren Ballett für sich entdeckt und tanzt seither heimlich durch die Supermärkte. Demnächst tritt er in Ludwigshafen auf.

Er kommt gerade von der Baustelle am Nationaltheater, wo der 34-Jährige als Ingenieur den Bau rund um den neuen Orchestersaal leitet. Und tatsächlich kennt Oliver Vögeli auch die verschlungenen Wege im Inneren des alten Nationaltheaters, den Ballettsaal und die Umkleiden, da er im Bewegungschor des Theaters mitgeprobt hat. Ein Auftritt ergab sich zeitlich bisher nicht, aber dafür stand er schon als Tänzer mit der Talking Modern Dance Crew auf der Bühne in Heidelberg. Angestrahlt von Lichtern fühlte sich das ganz anders an als früher, wenn er als Fußballspieler vor vollen Rängen lief. 27 Jahre lang spielte er Fußball, bis er die Schuhe an den Nagel hing und gegen Schläppchen eintauschte.

Auf dem Dorf, in Waldsee, wo er aufgewachsen ist, fing er mit drei Jahren an zu kicken, spielte mit den Kumpels draußen, dann im Fußballverein. „Die Gemeinschaft, die man bei dem Sport in jungen Jahren lernt, tut gut. Im Ballett ist es die Disziplin, das Körpergefühl – das ist eine ganz andere Welt“, erzählt der 34-Jährige. Dass in ihm ein Tänzer schlummerte, ahnte er nicht, und es kam auch der Familie nicht in den Sinn. „Jedes Dorf hat einen Fußballverein, aber für eine Ballettschule muss man in die nächste Stadt reisen.“

Platt und innerlich zufrieden

Den Abschlussball hat er eher pflichtmäßig hinter sich gebracht, sich aber immer gern zu Musik bewegt, auch auf Partys. „Ich hab früh gelernt, dass man Frauen besser auf der Tanzfläche kennenlernt; an der Bar stehen sie selten rum“, sagt er, und sein schelmisches Lächeln ist dabei durchs Telefon zu hören. Eines Nachts im Mannheimer Club strahlte ihn eine Frau über die Tanzfläche hinweg an, die sich schließlich ein Herz fasste, bevor sie gehen musste. „Es wäre doch schade, wenn wir uns nicht mehr sehen würden“, sagte sie und gab ihm ihre Telefonnummer. Heute ist Luna Olivia Vögeli, die selbst als freie Tänzerin, Dozentin und Choreografin arbeitet, seine Frau. Doch das war nicht nur der Beginn einer Beziehung. Sie hat in ihm sofort den Tänzer erkannt – und dann geweckt.

„Ich habe meine Frau öfter zum Training begleitet. Bei einem Wohltätigkeitsball haben sie und ihre Freundinnen dann beschlossen, dass sie ihre drei Männer in eine Ballettklasse zur Probe stecken würden. Zwei Männer sind dort aufgetaucht und einer ist hängengeblieben“, erzählt er. „Ich sah zwar aus wie der letzte Mensch und machte alles mögliche falsch, aber mich hat das Training von Anfang an gefesselt: Es geht um Kraftaufbau und die richtige Technik. Es ist ein Ausdauersport für den gesamten Körper. Abends bin ich platt und innerlich zufrieden.“

Die Fußpositionen, die vielen französischen Ausdrücke für Haltungen, Drehungen und Sprünge musste er sich nach und nach merken, Körperzusammenhänge verstehen und das Muskelgedächtnis prägen. Natürlich spürt er die vergangenen Jahre: Einen Bandscheibenvorfall hat er schon hinter sich; die Hüftausdrehung ist begrenzt; vom Fußball bleiben ihm Verletzungen im Knie und am Knöchel, und ihm fehlt der ausgeprägte Spann im Fuß. Er sei der schlechteste in der Klasse, aber versuche das mit Disziplin und Gefühl wettzumachen, bekennt er und hört sich dabei erstaunlich gut gelaunt an, denn er ist überzeugt: „Man kann in jedem Alter beginnen. Es kommt nicht auf Beweglichkeit und die perfekte Ausdrehung an, sondern was in einem steckt. Das Gefühl fürs Tanzen hat man in sich. Ich fühle mich als wäre ich im Herzen ein Tänzer und bereue sehr, spät angefangen zu haben.“ Seine Haltung hat sich verbessert, er läuft aufrechter, Brust raus, Bauch rein, weg mit dem Buckel, der in seiner Familie häufig ist. Wer ein Gefühl für den Körper hat, strahlt mehr Anziehungskraft aus.

Manchmal werden sie dafür beneidet, ein Tänzerpaar zu sein, die auf Reisen überall Klassen und Workshops besuchen und überall Kontakte haben – von London bis Barcelona und Ibiza . „Die Tanzwelt ist klein und offenherzig. Im Ausland bin ich auch nicht der einzige Mann im Kurs, anders als in Deutschland. Aber ich genieße die Aufmerksamkeit und kann mir mehr rausnehmen.“

Überwacht von der Kamera

Als Oliver Vögeli dann Modern Dance und den zeitgenössischen Tanz kennenlernte, eröffneten sich noch mehr Möglichkeiten: fließende, runde Bewegungen, mehr Sprünge und Drehungen und die Chance, Gefühle auf der Bühne mit Musik zu transportieren. Das wird er am 1. und 22. Juni bei der Show der Talking Modern Dance Crew zeigen, ein 2019 gegründetes Ensemble, das seine Frau leitet und das die Lücke zwischen professionellem und ambitioniertem nicht-professionellem Tanz schließen soll. In seinem Solo „Unstable Lines of Thinking“ choreografiert von seiner Frau will er den inneren Konflikt, sich infrage zu stellen und doch etwas beweisen zu wollen dem Publikum im Maudacher Julius-Hetterich-Saal vermitteln. „Tanzen ohne Zuschauer funktioniert nicht. Es geht darum, eine Story in Bewegung zu packen und Menschen für dieses Erlebnis zu begeistern – und auch sich selbst beweisen, dass man Fehler ausmerzen und es hinbekommen kann.“

Bis dahin sehen nur die Überwachungskameras in Supermärkten wie er – verlockt durch die ewig langen Flure – zwischen den Lebensmittelregalen springt und dreht, mit dem Einkaufswagen als perfekte Stütze für die Sprünge. „Ich tanze überall. Die Leute gucken zwar manchmal doof, aber das ist mir egal. Die Welt ist ein Tanzsaal, wir müssen ihn nur füllen.“

Termine

„We speak dance“ Tanzshow der Talking Modern Dance Crew aus Mannheim mit Choreografien von Luna Olivia Vögeli am 1. Juni und 22. Juni, jeweils 19 Uhr, Julius-Hetterich-Saal, Maudach. Kartenverkauf nur über Eventim.

Für den Unterricht bei Daria Klimentova zieht Oliver Vögeli Schläppchen an. Seine Fußballschuhe hat er an den Nagel gehängt.
Für den Unterricht bei Daria Klimentova zieht Oliver Vögeli Schläppchen an. Seine Fußballschuhe hat er an den Nagel gehängt.
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