Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Wie die Tafel in Ludwigshafen über 2500 Menschen versorgt

Auf Hygiene wird besonders geachtet. Die Mitarbeiter sollen Handschuhe tragen.
Auf Hygiene wird besonders geachtet. Die Mitarbeiter sollen Handschuhe tragen.

In den unscheinbaren Räumen der Ludwigshafener Tafel im Stadtteil West arbeiten Helfer unterschiedlicher Herkunft und aus allen sozialen Schichten Hand in Hand. An sechs Tagen in der Woche sind bis zu 200 Ehrenamtliche im Einsatz, um die Ausgabe der Lebensmittel an Bedürftige zu organisieren. Ein Blick auf die Schlange der Kunden zeigt, wer durch das soziale Netz fällt.

Am Rande der Stadt, in der Bayreuther Straße (West) befindet sich die Tafel Ludwigshafen. Es ist eine grüne Gegend mit vielen Bäumen. Es gibt keine Schilder, die auf den Weg zur Tafel hinweisen. Vor dem Gebäude mit mehreren Containern ist viel Platz. Am Morgen stehen dort ein paar Helfer, die auf den nächsten Transporter warten, der Lebensmittel bringt. Die ersten Kunden stehen bereits an und warten auf Einlass.

Drinnen sieht es fast so aus wie in einem normalen Supermarkt: Die wichtigsten Lebensmittel sind auf Metalltischen und in Regalen ordentlich sortiert. Doch bis die Verteilung startet, muss noch viel getan werden.

Multikulturelles Team

Seit 8 Uhr sind etwa 20 Männer und Frauen damit beschäftigt, die Ausgabe vorzubereiten, die in der Zeit zwischen 12 und 13.30 Uhr stattfindet. Die Aufgaben werden im Helferteam verteilt. Die Männer laden und schleppen schwere Kisten, während die Frauen die Lebensmittel sortieren und nicht mehr für den Verzehr geeignete Ware aussortieren.

Man kennt sich. In den Raucher- und Kaffeepausen stehen Männer und Frauen zusammen, begrüßen sich wie alte Freunde und duzen einander. Verschiedene Dialekte, Akzente und Sprachen sind zu hören, es wird gescherzt, gelacht und diskutiert. Die Mitarbeiter sind unterschiedlich alt und kommen aus allen Gesellschaftsschichten: Akademiker, Geflüchtete, Handwerker, Senioren und Arbeitslose aus verschiedenen Nationen. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass hier mittags die Ausgabe stattfinden kann.

Die vier Tansporter der Tafel fahren bis zu 60.000 Kilometer im Jahr.
Die vier Tansporter der Tafel fahren bis zu 60.000 Kilometer im Jahr.

Um 10 Uhr kommt eines der vier Kühlfahrzeuge der Tafel an. Ein weißer Mercedes Sprinter mit dem orangefarbenen Logo der Tafel und den Logos der verschiedenen Spender. Der ehrenamtliche Fahrer und sein Beifahrer haben Lebensmittel an Bord, die nicht mehr verkauft, aber noch verzehrt werden können. Sie wurden bei verschiedenen Supermärkten und Bäckereien eingesammelt. Die Männer beeilen sich und beginnen mit dem Ausladen der dunkelgrünen Kisten. Die Ladung besteht aus Honigmelonen, Erdbeeren, Eisbergsalat und Brot. Hinter den Kisten stehen noch Pflanzen und Blumen.

Die Gesundheit geht vor

Auf den ersten Blick sieht alles frisch aus. Manche Ware ist noch originalverpackt. „Meistens sind die verdorbenen Sachen ganz unten in der Kiste versteckt“, sagt Thomas Thelen und schiebt die Sackkarre mit den schweren Kisten in den Sortierbereich der Tafel. Er ist Ein-Euro-Jobber, ebenso wie andere Helfer an diesem Tag. Es sind Empfänger von Bürgergeld, die mit der Arbeit für die Tafel wieder ins Berufsleben finden sollen.

Sortierbereich: 20 Prozent der 20 Tonnen Lebensmitteln landet im Müll.
Sortierbereich: 20 Prozent der 20 Tonnen Lebensmitteln landet im Müll.

Um die genießbaren von den ungenießbaren Lebensmitteln zu trennen, muss man genau hinsehen. Darum kümmern sich nun vier bis fünf ehrenamtliche Mitarbeiter. Durch die vielen gestapelten Kisten ist es eng im Raum. Es riecht leicht nach verdorbenem Obst und Gemüse. Auf einer großen, sauberen Metallfläche werden die Lebensmittel Stück für Stück gesichtet. Nichts darf verdorben sein, auch auf das Mindesthaltbarkeitsdatum wird geachtet. Ist es weit überschritten, wird das Lebensmittel entsorgt. Milchprodukte, Eier und Aufschnitt kommen ins Kühlhaus.

Die Ware wird genau geprüft

„Wir schauen ganz genau, was gegessen werden kann und was nicht. Die Gesundheit geht vor“, erzählt eine Helferin, die selbst Tafelkundin ist. Die 56-Jährige ist arbeitslos und möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. „Ich habe mit 43 eine Ausbildung als Bürokauffrau abgeschlossen und danach einige Jahre gearbeitet. Aber in meinem Alter will mich auf dem freien Markt niemand mehr“, sagt sie und schleppt eine halbvolle Kiste mit vergammelten Erdbeeren zum Mülleimer.

Alle Kisten werden nach Gebrauch in einer großen Spülmaschine gereinigt und für den nächsten Transport zum Trocknen aufgestellt. „Im Winter dauert es Tage, bis die Kisten trocknen, das ist ein großes Problem für die Tafel“, sagt Ahmad Deli Hasan. Der geflüchtete Syrer ist zweimal die Woche ehrenamtlich bei der Tafel tätig.

Sind die Lebensmittel verzehrbar, landen sie in den Regalen und auf den Metalltischen im Verkaufsraum, dem größten Teil des Gebäudes. An den Wänden sind Regale angebracht. In einer Ecke steht die Kühltheke für die Molkereiprodukte. Brot, Kartoffeln, Zwiebeln, verschiedene Kräuter und fast alles, was man für eine Mahlzeit braucht, findet man hier. „Heute ist ein guter Tag für unsere Kunden. Wir haben sechs volle Kisten Kartoffeln und zwei Kisten Zwiebeln. Das ist schon viel für einen Verkaufstag“, sagt ein Helfer aus Schauernheim, der seinen Namen ebenfalls nicht nennen will. Der Rentner arbeitet jeden Dienstag ehrenamtlich bei der Tafel.

Es mangelt vor allem an frischen Produkten.
Es mangelt vor allem an frischen Produkten.

Es gibt weit über 2500 Kunden – so werden die Bedürftigen genannt, die das Angebot der Tafel nutzen. Schon eine Stunde vor der Ausgabe der Waren warten einige Menschen. Jeder von ihnen hat einen Ausweis, der zum Einkauf bei der Tafel berechtigt, und eine Nummer, die besagt, wann er dran ist. Heute werden rund 75 Ausweise eingelesen. Dahinter verbergen sich 200 Bedürftige. Denn viele Kunden kaufen für ihre Angehörigen ein. Der Einkauf bei der Tafel kostet ein Euro pro Kind und zwei Euro pro Erwachsenen. Dafür kann der Einkaufswagen gefüllt werden.

Scham und Armut

Nicht allen Wartenden sieht man die Armut an. Trotz des Regens kommen einige ohne Jacke, in Jogginghosen und Schlappen. Viele Kunden sprechen kaum Deutsch. Da die ehrenamtlichen Mitarbeiter manchmal aus dem gleichen Land kommen, ist das kein Problem. „Das erste Mal war es sehr schwierig für mich, hierherzukommen“, sagt einer der Wartenden. Der 65-jährige Flüchtling aus Syrien ist auf die Tafel angewiesen, das Gehalt aus seiner Teilzeittätigkeit reiche nicht, sagt er. Man kann die Helfer kaum von den Tafelkunden unterscheiden. Rentner, Junge, Alte oder Alleinerziehende kommen. „Unser Sozialsystem ist schwächer denn je“, meint ein Rentner, ebenfalls Kunde. „Hier können Sie das genau sehen“, sagt er und zeigt auf die lange Schlange. Die ersten Kunden verlassen unterdessen die Ausgabe erleichtert. Der Kühlschrank zu Hause kann wieder gefüllt werden.

Zur Sache: Die Tafel Ludwigshafen

Die Tafel Ludwigshafen ist das größte ehrenamtlich getragene Projekt in der Stadt. Monatlich werden mehr als 2500 Tafelkunden in der Bayreuther Straße in West mit den nötigsten Lebensmitteln versorgt, darunter zirka 1000 Kinder. Einmal alle 14 Tage können Menschen mit geringem Einkommen bei der Tafel einkaufen. Dafür müssen sie ihre Finanzen offenlegen und einen Tafelausweis beantragen. Woche für Woche arbeiten bis zu 200 ehrenamtliche Mitarbeiter bei der Tafel. Jährlich fallen 51.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit an. Die Wirtschaftskraft der Tafel entspricht einer halben Million Euro. 15.000 Kisten Backwaren, 46.000 Kisten Obst und Gemüse sowie 12.000 Kisten Milchprodukte werden in einem Jahr ausgegeben. Über 40 Lebensmittelspender gibt es. Wer Helfer werden oder spenden möchte, kann sich über die Webseite tafel-lu.de informieren oder von montags bis samstags, 10 bis 14 Uhr, unter Telefon 0621 5917448 anrufen.

Ehrenamtliche Mitarbeiter: Bis zu 200 Freiwilligen in der Woche sind bei der Tafel tätig.
Ehrenamtliche Mitarbeiter: Bis zu 200 Freiwilligen in der Woche sind bei der Tafel tätig.
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