Mannheim
Wie Caspar David Friedrich in die Mannheimer Kunsthalle kam
Heute, an diesem Donnerstag, jährt sich der Geburtstag von Caspar David Friedrich zum 250. Male. Landauf landab haben sie den „deutschesten von Deutschlands Malern“ (so anno 1900 sein Wiederentdecker, der norwegische Kunsthistoriker Andreas Aubert) mit großen Ausstellungen gefeiert, vor allem Hamburg, Berlin und aktuell noch Dresden mit ihren bedeutenden Beständen waren die Hotspots. Im November wird Weimar das Verhältnis Goethe-Friedrich beleuchten und als Wanderausstellung weiterreichen; Akribie und und neue Forschungsergebnisse sind fest versprochen.
Der Osten der Bundesrepublik ist Friedrich-Land. Je weiter man nach Westen kommt, desto weniger ist er in den großen Museen vertreten. Um in der Nähe zu bleiben: ein Bild im Städel, zwei in Karlsruhe, Stuttgart zwei, dazu einige Zeichnungen. Die die ganz großen Bilder der Kategorie „Muss man gesehen haben“ wie das „Eismeer“, die „Kreidefelsen auf Rügen“, der „Mönch am Meer oder der „Wanderer über dem Nebelmeer“ hängen anderswo, letzteres übrigens erst Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt und zugeschrieben.
Und die Welt? Bleibt draußen
Was gerne vergessen wird: Auch Mannheim ist mit 39 Zeichnungen und zwei Gemälden (Beide n i c h t ausgestellt) im Spiel. Das eine ist ein 20 mal 27,5 Zentimeter großer Winzling. „Abend“ steht von Friedrichs Hand drauf und „October 1824?“. Am unteren Bildrand die Erde als blauschwarzer Streifen, drüber flammt ein der Nacht entgegendämmernder Himmel in prachtvollem Orange und Violett, der den Blick unentrinnbar ins unendlich Weite zieht, reißt, ansaugt – Unendlichkeitszauber auf engstem Raum, kein Stimmungsbild wie andere auch.
Das zweite Bild von der Hand des Malerfreundes Georg Friedrich Kersting ist die dritte Version seines „Caspar David Friedrich im Atelier“, wohl 1819 gemalt, und die schönste und kargste Atelierszene, die man sich nur vorstellen kann. Ein Raum wie eine Mönchszelle, braun und grau das Kolorit keine Möbel, kein Teppich, Palette und Reißschiene an der Wand, ein Tischchen mit kleinen Flaschen, eine mit türkisfarbenen Pigment, das wie ein Ausrufezeichen wirkt. In häuslicher Kleidung und Hausschuhe sitzt der Maler vor der Staffelei. Den Arm auf den Malstock gestützt, scheint sein Pinsel eben erst die leere Leinwand zu berühren. In der Hamburger Fassung sieht man dort eine begonnene Berglandschaft mit Wasserfall. Der genrehafte Eindruck des Bildes sollte nicht täuschen. Kersting ist eine Szene von äußerster Spannung und Intimität gelungen: Der Pinsel ist angesetzt, das Werk kann beginnen. Und die Welt? Bleibt draußen.
Das liebe Geld fehlt
Beide Bilder sind seit 1916 in der Mannheimer Kunsthalle. Der Großneffe des Malers Harald Friedrich hatte eine Vorlesung über den Maler von Gustav E. Hartlaub gehört und ließ den damals noch kommissarischen Leiter wissen, dass er Arbeiten aus dem Nachlass besitze. Hartlaub handelte. Innerhalb von sechs Wochen konnte er den Bestand nach Mannheim holen und zusammen mit weiteren Leihgaben ausstellen; über 10.000 damals sensationelle Besucher sahen eben Kerstings Atelierbild, vier Gemälde, drei Skizzenbücher und an die 200 Zeichnungen. Harald Friedrich, Professor in Hannover, lag daran, den ganzen Nachlass geschlossen an ein Museum zu geben. Das war nicht zu realisieren; der Hannoveraner Schatz wurde in alle Winde zerstreut. Denn jetzt kommt das liebe Geld ins Spiel, das Mannheim nicht hatte.
Durch Tauschaktionen und Verkäufe bleiben Mannheim zwei Bilder und die 39 Zeichnungen, die 1991 als Band sechs im Rahmen des Bestandskataloges zu den „Zeichnungen und Aquarellen des 19. Jahrhunderts in der Kunsthalle Mannheim“ katalogisiert, abgebildet, bearbeitet, beschrieben und ausgestellt wurden. Ebenfalls – und mit vielen Konjunktiven – aufgearbeitet wurde die Vorgeschichte des Konvoluts. Hartlaubs Interesse an neun Entwürfen für Kriegergrabmale und für ein (nicht ausgeführtes) Denkmal der Befreiungskriege, die auf 1813, 1815 und 1825 datiert sind, ist mit Sicherheit dem Kriegsjahr 1916 geschuldet. Sie waren Teil einer in Mannheim vorbereiteten Wanderausstellung zum Thema Kriegerdenkmal, die zum Teil parallel zur Friedrich-Ausstellung lief und den Beifall des Großneffens Harald Friedrich gefunden haben soll.
Obwohl die Mannheimer Zeichnungen die ganze Schaffenszeit Caspar David Friedrichs belegen, nehmen Beispiele aus dem aufgelösten „Kleinen Mannheimer Skizzenbuch“ von 1800/1801 einen prominenten Platz ein. Es sind Ruinendarstellungen, Baum- und Landschaftsstudien, vor allem aber figürliche Zeichnungen, Porträtskizzen und Genredarstellungen.
Kurz vor dem Durchbruch
Angesichts der zahlreichen jungen Frauen in melancholischer Haltung riskiert es Katalogbearbeiter Hans Dickel „möglicherweise eine Liebesgeschichte“ als biografische Grundlage des Skizzenbuches vorzuschlagen. Geschenkt, ist nicht gesichert. Auf jeden Fall (nur ein Beispiel) hat die auf einem Felsen sitzende Frau mit abgewandtem Gesicht und einer Sense als Todessymbol am unteren Blattrand eine bemerkenswerte Spur im zeichnerischen beziehungsweise druckgrafischen Werk des Künstlers hinterlassen – bis hin zum gefeierten Melancholie-Holzschnitt von 1803.
Verglichen mit dem späteren Caspar David Friedrich mutet die Verbindung von Mensch und Natur auf diesen Blättern noch ziemlich ungelenk an; ein Indiz, wie sehr sich der Maler, der sich für anderthalb Jahre in seine Vaterstadt Greifswald zurückgezogenen hatte, in einer Phase des Ausprobierens, Suchens und des bevorstehenden Durchbruchs befand. Ende 1802 kehrt er nach Dresden zurück mit seinen Sepia-Landschaften schafft er den Durchbruch. Jetzt weiß man, wer dieser Caspar David Friedrich ist.