Ludwigshafen
Wie Andrea Simons Opa zu drei Geburtstagen kam
Andere feiern ihren Geburtstag gar nicht, der Großvater von Andrea Simon (63) feierte gleich dreimal im Jahr. Und weil Opas für kleine Kinder ja ohnehin Superhelden sind, waren die drei Geburtstage eben das besondere Extra an Andrea Simons Opa. „Ich fand das als Kind mehr als super, es gab ja immer viel Kuchen, denn mein Opa war eine richtige ,Süßschnut’“, so Andrea Simon. „Da mein Opa väterlicherseits nur drei Monate nach meiner Geburt verstarb, war er sozusagen mein einziger Opa.“
Sie denkt oft an ihre Großmutter und ihren Großvater mütterlicherseits. „Die Erinnerungen sind da, das Geschirr von den Großeltern ist da und wird regelmäßig benutzt, der Gedanke ist immer da“, erzählt die gebürtige Viernheimerin, die schon seit vielen Jahren in Ludwigshafen lebt. „Wir haben alle in Viernheim gelebt“, so Andrea Simon. „Ich bin dann nach Ludwigshafen gezogen, als ich bei Roche angefangen habe. Das muss so 1985 gewesen sein.“
Zweimal überlebt
Wie kam es nun zu den drei Geburtstagen von Johann Grammig, genannt Opa Hans? „Der 10. November 1901 war sein wirklicher Geburtstag“, erzählt Andrea Simon. Dann gab es aber noch den 26. Dezember 1943 und den 19. Mai 1965. Und die Geschichten, die damit verbunden sind, haben es in sich. „Gehört habe ich die Geschichten wohl schon als kleiner Knödel“, sagt die Enkelin. So richtig bewusst geworden, dass hinter zwei der Geburtstagsfeiern eine Geschichte steckt, sei ihr vielleicht so mit sechs, sieben Jahren.
Zuerst die Geschichte von 1943. „Eigentlich saß er im Gefängnis“, erzählt die Enkelin mit einem Schmunzeln. Die Nazis hatten ihren Opa inhaftiert, weil er sich geweigert hatte, an einer aufgestellten Büste Hitlers den Nazi-Gruß zu zeigen. Die Familienlegende besagt, dass er obendrein seinem Kater Peterle beigebracht habe, auf Kommando die Pfote auszustrecken. Nun wurde der Inhaftierte aber doch gebraucht: Der 42-jährige Maschinenbauer sollte die Antriebe von Kriegsschiffen auf offener See reparieren. Und so kam er frei, aber auch auf die „Scharnhorst“, die gerade im Nordmeer im Einsatz war.
„Er hat erzählt, dass er da auch einen Maschinisten kennengelernt hat, der auch aus Viernheim war“, so Andrea Simon. Die Reparatur war erledigt, für Johann Grammig ging es zurück auf ein Versorgungsschiff, das ihn und andere Spezialisten zum nächsten Einsatz bringen sollte. Kaum war er weg, wurde das Schiff am 26. Dezember von zwei britischen Kampfgruppen aufgebracht und mit 14 Torpedotreffern versenkt. Wäre Johann Grammig ein bisschen später von Bord gekommen, wäre er mit der „Scharnhorst“ untergegangen.
Sogar die Seriennummer verewigt
„Das Tragische war, dass die Verlobte von dem Maschinisten, den er auf der ,Scharnhorst’ kennengelernt hatte, wohl noch oft nach dem Krieg bei meinen Großeltern vorbeigekommen ist und sich erkundigt hat, ob mein Opa vielleicht was gehört habe“, erzählt Andrea Simon. „Sie hat die ganze Zeit auf ihn gewartet.“ Tatsächlich ertrank fast die gesamte Besatzung (1968 Mann) im eisigen Wasser, nur 36 Menschen wurden gerettet.
Nach dem Krieg arbeitete Johann Grammig bei BBC in Mannheim, wo bis 2015 Turbinen gefertigt wurden. Ein Traum-Arbeitgeber für einen Maschinenbauer. Doch am 15. Mai 1965 schlug das Schicksal zum zweiten Mal zu. Bei einem Probelauf einer Großturbine im Hoechst-Werk in Frankfurt gab es einen Schlag. Ein Flügel der Turbine löste sich bei 20.000 Umdrehungen pro Minute, zerriss das gesamte Gehäuse und schwirrte durch die Werkshalle.
Das Metallteil streifte die Schläfe von Johann Grammig – und hinterließ nur eine Schürfwunde. Der dritte Geburtstag. „Als Mahnung und Erinnerung schweißte er sogleich eine Halterungsplatte an und fräste die Eckdaten ein“, erzählt Andrea Simon. Auch die Seriennummer der Turbine hat er verewigt.
„Das Ding stand bei meinen Großeltern im Büffet und hat immer in der Sonne geglitzert“, erinnert sie sich. Irgendwann habe sie es herausnehmen dürfen und die Geschichte erfahren. „Mein Großvater erzählte mir oft die Geschichte und erklärte mir, wie schnell alles vorbei sein kann.“ Jetzt ist das gute Stück in Ludwigshafen gelandet und steht in einem Schrank in Friesenheim.
Ihr Opa starb mit 84 Jahren, erzählt Andrea Simon, ihre Großmutter wurde 103. Die Enkelin sagt: „Als meine Großmutter verstarb und das Haus geräumt wurde, war dies das erste Stück, das ich für mich beansprucht habe. Seither hat es einen Ehrenplatz bei mir in der guten Stube und erinnert mich an meinen lieben Opa.“