Ludwigshafen
Wenn der Tod zu teuer ist: Sozialbestattung auf dem Hauptfriedhof
17 Urnen sind an einem eiskalten Novembermorgen in der Trauerhalle auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof aufgereiht. 17 Verstorbene aus der Stadt, die in den vergangenen Wochen eingeäschert wurden, werden hier an diesem unwirtlichen Herbsttag gemeinsam bestattet. Die Männer und Frauen kannten sich sehr wahrscheinlich gar nicht, aber sie hatten doch etwas gemeinsam: Sie waren arm und haben allein gelebt, und sie sind arm und allein gestorben. Nicht alle sind alt geworden: Ein Verstorbener wurde nur 59 Jahre alt. Die älteste jedoch war 89. Die Organisation und Finanzierung dieser Bestattungen hat die Stadtverwaltung übernommen, weil es keine nahen Angehörigen oder Freunde gibt, die sich dafür zuständig fühlen oder in die Pflicht genommen werden können.
Pfarrerin Susanne Schramm begrüßt in der Friedhofshalle trotzdem eine kleine Trauergemeinde: Acht Menschen sind gekommen, weil sie einen der Verstorbenen auf dem letzten Weg begleiten, sich von ihm verabschieden wollen. Weil er ihnen etwas bedeutet hat, weil es etwas gibt, das sie mit diesem Menschen zu dessen Lebzeiten verbunden hat. Auch wenn das Gemeinsame schon längst Vergangenheit ist.
Viel Streit und finanzielle Probleme
Eine Frau mit kurzen blonden Haaren erzählt am Rand der schlichten Trauerfeier vom Bruder ihres Mannes. Ihre Familie habe jahrelang gar keinen Kontakt mehr zu dem Verstorbenen gehabt. Sie berichtet von viel Streit, Ärger und finanziellen Problemen und wischt sich dabei ein paar Tränen aus dem Gesicht. Die Erinnerung wühlt sie auf. Wie und wo der Schwager zuletzt gelebt hat, das weiß sie gar nicht so genau. Als er dann vor einigen Wochen verstorben sei, seien sie und ihr Mann von der Stadtverwaltung angeschrieben worden, weil sie die Kosten für die Bestattung übernehmen sollten. Dagegen habe sie aber Widerspruch eingelegt. Ihr Mann wolle nichts mehr mit dem Bruder zu tun haben, sagt sie. Trotz des erneuten Ärgers wegen der Kosten für die Beerdigung sei es ihr aber wichtig gewesen, bei der Urnenbeisetzung dabei zu sein. „Ich will damit endlich meinen Frieden machen.“
Pfarrerin Schramm erinnert an 17 unterschiedliche Leben. „Diese Verstorbenen gehören zu uns und zu unserer Stadt“, betont sie. Nicht alle seien Mitglied in einer christlichen Kirche gewesen. Aber sie hoffe, dass es im Sinne der Verstorbenen sei, dass für sie gebetet und sie auf ihrem letzten Weg begleitet werden. „Das Leben wurzelt im Tod und bildet neues Leben“, sagt Schramm zuversichtlich. „Wir sind immer verbunden mit den Menschen um uns herum. Einiges gelingt, einiges nicht, manches kann nicht geklärt werden.“
Rund 60 Sozialbestattungen pro Jahr
Im Jahr 2023 gab es bisher 59 Bestattungen von Verstorbenen ohne bestattungspflichtige Angehörige auf dem Hauptfriedhof in Ludwigshafen. Pro Jahr finden nach Angaben der Verwaltung im Durchschnitt 60 dieser Sozialbestattungen statt, im Jahr 2022 waren es sogar rund 80. Eine solche Bestattung kostet die Stadt im Schnitt etwa 3000 Euro, erklärt ein Sprecher. Einmal im Monat findet eine gemeinsame Beisetzung der Urnen auf dem Hauptfriedhof mit Begleitung der Kirchen statt. In der Trauerhalle wird dann ein Abschied gefeiert, der abwechselnd von katholischen und evangelischen Seelsorgern geleitet wird. Freunde und Bekannte der Verstorbenen, die sich bei der Friedhofsverwaltung melden, werden informiert und können an der Gedenkfeier teilnehmen.
An diesem grauen Novembermorgen verliest Pfarrerin Schramm nach und nach die Namen der 17 Verstorbenen und deren Lebensalter. Nach jeder Namensnennung schreitet ein Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung von der Pforte der Trauerhalle an die Urnen, senkt kurz den Kopf und trägt dann die einzelne Urne auf den Vorplatz der Halle, wo ein kleiner Wagen bereitsteht, der die 17 Urnen schließlich zu einem Gräberfeld in der Nähe transportiert. Die acht Angehörigen und die Pfarrerin folgen dem Gefährt in einem stillen Trauerzug zur letzten Ruhestätte. 17-mal heißt es hier „Erde zu Erde, Asche zu Asche.“ Susanne Schramm gibt jedem Verstorbenen den letzten Segen. Jedes Urnengrab ist mit einer frischen Blume geschmückt.
Metallstelen zur Erinnerung geplant
Der Bereich Grünflächen und Friedhöfe beim Wirtschaftsbetrieb Ludwigshafen (WBL) bereitet der Stadtverwaltung zufolge derzeit die Platzierung von Metallstelen vor, an denen die Namen, Geburts- und Sterbedaten der Menschen angebracht werden sollen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Die nächste Sozialbestattung findet im Januar statt.