Ludwigshafen
Weihnachtscircus und Corona: Ein wirtschaftlicher Drahtseilakt
„Wir haben nichts anderes gelernt als Zirkus. Was sollen wir sonst machen?“, fragt Rita Riedesel. Von Hüpfburgen umgeben sitzt die 60-jährige Mutter des Circus-Direktors Stephan Riedesel (34) an einer der Garnituren auf dem Frankenthaler Festplatz.
Es ist der vorletzte Tag von „Pinos Kinder-Hüpfburgenspaß“ und zugleich die zweite Veranstaltung nach dem vergangenen Weihnachtscircus, die die Familie ausrichten darf. Wie ein schlechtes Omen wirkt die Hüpfburg hinter Rita Riedesel: Denn ausgerechnet die Titanic wird durch das luftgefüllte Gummi thematisiert.
Kaum Einnahmen
„Seit dem letzten Weihnachtscircus sind wir festgenagelt“, erzählt Riedesel, wie der Lockdown die weiteren Einnahmequellen des Jahres zunichte machte. Ohne Corona-Maßnahmen wäre die Familie ab März wie jedes Jahr mit dem Hüpfburgen-Park durch die Region gezogen und hätte Zirkus-Workshops an Schulen angeboten. Ein paar Tage in Heppenheim Ende September und dann im Oktober auf den Frankenthaler Festplatz – mehr war nicht drin.
Die letzten größeren Einnahmen habe es mit der Abschlussvorstellung des vergangenen Weihnachtscircus am 2. Januar gegeben. „Das hält sonst bis in den Februar“, erzählt Rita Riedesel. Das Geld fließt in den Lager-Standort in Eppstein, wird von Miete, Strom und Unterhalt aufgezehrt. Die Familie sei wirtschaftlich auf ihre Sommer-Termine angewiesen.
Viele laufende Kosten
Nach eigenen Angaben erhielt die zwölfköpfige Schausteller-Familie mit Kindern, Schwiegersöhnen und -töchtern sowie Enkeln 9000 Euro aus der Corona-Soforthilfe. Dem gegenüber stünden aber laufende Kosten wie Versicherungen, die Instandsetzung der zwölf Fahrzeuge oder Reparaturen am Zirkuszelt. Zudem habe Stephan Riedesel für ein neues, benötigtes Fahrzeug Schulden aufgenommen, sagt Rita Riedesel: „Die Raten für das Fahrzeug laufen weiter“.
„An die Zukunft will ich gar nicht denken“, sagt sie und tut es doch: „Wer will denn schon ein Zirkuszelt kaufen?“, umreißt sie den Neupreis für den Planen-Giganten inklusive Sitzinventar mit 150.000 Euro. Aber: „Interessenten für das Zelt oder einen Zirkus-Wagen haben meist schon ihren eigenen Zirkus“, sieht sie kaum Nachfrage. „Wir hoffen und beten, dass alles wieder normal wird“, sagt sie. Ohne Perspektive bleibt den Schaustellern kaum mehr als Schicksalsergebenheit.
Zukunftsangst
„Man verdrängt die Zukunftsängste, indem man sich kleine Ziele setzt“, sagt Rita Riedesel. Die Familie bemühe sich, „in kleinen Etappen zu denken“. In Mannheim ist in den kommenden Tagen ein einwöchiges „Mitmach-Projekt“ am Jugendhaus Waldpforte geplant. Danach soll der 18. Weihnachtscircus in Ludwigshafen angegangen werden. Zwar werde der Weihnachtscircus bestimmt nicht auf die rund 10.000 Besucher der zwölf Veranstaltungstage aus dem vergangenen Winter kommen. Auf maximal 270 Besucher pro Vorstellung kalkulieren Riedesels entsprechend der elften Corona-Landesverordnung. Dieses Regelwerk komme den Zirkusleuten insofern entgegen, als dass nicht strikt nach Besucherzahlen gegangen werde, sondern vielmehr die Abstände zwischen den Zuschauern relevant seien. Das Zirkuszelt ist zwar groß, aber im Vergleich zu früher bliebe „nur ein Drittel von der Torte übrig“, sagt Riedesel.
Kompensiert werden soll die Zuschauerbeschränkung, indem der Weihnachtscircus auch an Tagen mit bislang nur einer Vorstellung in diesem Jahr zweimal die Manege freigibt. Dass es zur Heiligabend-Vorstellung wie in den vergangenen Jahren für Kinder freien Eintritt gebe, „geht jetzt leider nicht mehr“, sagt Riedesel und betont: „Das tut uns sehr weh.“
Pandemie erschwert Planung
Von der Pandemie bestimmt wird auch das geplante neue Programm, das mit zwölf Nummern und 15 Artisten zwar an den gewohnten Umfang anknüpft. Die Artisten sollen ihren Wohnsitz in Deutschland haben, sagt Riedesel mit Blick auf Corona-Reisebeschränkungen. Sonst kamen viele Artisten aus dem Ausland erst kurz vor der ersten Vorstellung zu den Proben. International könnte es trotzdem werden, etwa mit dem „Duo Paschenko“, das sich als Handstandkünstler einen Namen gemacht hat. „Das sind zwei Ausnahmeartisten aus der Ukraine, die seit Jahren in Deutschland leben“ , erzählt Riedesel. Auch die Italienerin Maria Bizzarro ist eingeplant. Sie ist eine Säbelkünstlerin, die im Gladiatorenkostüm auch mit Dolchen und Schwertern balanciert. Auch Tiere – wie Shetland-Ponys, Lamas oder löwenartig aussehende Hunde – sollen vor der Eberthalle mit dabei sein.
Doch durch die jüngste Entwicklung – Ludwigshafen ist zum Corona-Krisengebiet erklärt worden – könnte der Weihnachtscircus in Frage stehen. Vergangene Woche gingen die Riedesels noch von einer maximal erlaubten Besucherzahl von 270 Menschen im Zelt aus. Nach den am Freitag in Kraft getretenen verschärften Corona-Einschränkungen könnten es noch weniger sein. Doch diese Regeln gelten erst einmal vier Wochen. Wie sich die Lage und das Regelwerk bis Weihnachten entwickeln, weiß niemand genau. Das Projekt Weihnachtscircus ist daher im wahrsten Wortsinn ein wirtschaftlicher Drahtseilakt. Außerdem fragen sich die Schausteller, ob die Leute aus Angst vor der Pandemie nicht mehr kommen. Die Zirkus-Familie spielt im Kopf zig Szenarien durch. Doch Optimismus ist für Rita Riedesel als ehemalige Seiltänzerin Pflicht: „Ich bin immer wieder vom Seil gefallen – und bin immer wieder drauf gestiegen und habe weitergemacht.“