Ludwigshafen Was soll ich tun?
Nadja, eine junge idealistische Dokumentarfilmerin, wird in Kolumbien in ein moralisches Dilemma gestürzt. Um Mitschuld und Mitverantwortung an Verbrechen, die der Käufer von Produkten, an denen Blut klebt, in Kauf nimmt, und um unbedingte Wahrheitspflicht geht es in Dominik Buschs Theaterstück „Das Recht des Stärkeren“, das im Theaterhaus in G 7 Premiere hatte.
Ist es moralisch verwerflich, in Europa Rohstoffe zu kaufen und weiterzuverkaufen, die im fernen Herkunftsland nur unter massiver Verletzung von Menschenrechten abgebaut werden konnten? Und ist auch der Endverbraucher in Europa moralisch haftbar zu machen für Mord und Folter? Aber auch um die nicht minder brisante Frage geht es: Wie weit gehe ich für meine Überzeugungen? Bin ich im Zweifel sogar bereit, Menschenleben zu opfern, damit die Wahrheit ans Licht kommt? Nadja dreht in Kolumbien einen Dokumentarfilm über die „Umsiedlung“ eines Dorfs, das dem Abbau von Steinkohle im Wege steht. Die Vertreibung geht mit bestialischen Folterungen und Morden einher. Davon berichtet ihr Alvaro, der selbst bei den Aktionen der paramilitärischen Terrormiliz, die bei der „Umsiedlung“ des Dorfs die Drecksarbeit macht, dabei war. Ganze Familien einschließlich Babys in der Wiege wurden erschossen, renitente Bauern öffentlich gefoltert, um andere abzuschrecken. Aber nun hat Alvaro genug und ist nur zu gern bereit, vor Nadjas Kamera auszusagen. Es ist ihm sogar egal, wenn man im Film sein Gesicht sieht, bis seine Frau ein Kind erwartet. Nun möchte er gar nicht mehr in dem Film auftauchen, beschwört Nadja, ihn ganz herauszuschneiden, denn wenn die Paramilitärs ihn erkennen würden, wäre es um sein Leben und das seiner Familie geschehen. Nadja ist verzweifelt, denn sie weiß: wie immer sie sich entscheidet, es wird die falsche Entscheidung sein. Denn entweder opfert sie Alvaros und seiner Familie Leben oder sie opfert ihren Film und die politische Botschaft. Das Ergebnis dieser Entscheidung ist der dramaturgisch sehr geschickt gemachte Höhepunkt des Stücks, der beim Zuschauer Gänsehaut auslöst. Nicht weniger spannend sind auch Nadjas Konflikte mit ihrem Vater, der ausgerechnet Chef eines Rohstoffkonzerns ist, der auch mit genau dieser Steinkohle, um die es in Nadjas Film geht, handelt. Den Vater sieht man auf der Bühne nicht live, sondern nur als große Videoprojektion. Durch diesen optischen Trick wirkt er zugleich fern und auch übermächtig. Außerdem sieht der Zuschauer jeden seiner Gesichtszüge in einer Schärfe, die die Schärfe in der Diskussion zwischen Vater und Tochter noch verstärkt. Mannheim ist der vierte Ort in Deutschland, wo dieses Stück des Schweizer Autors Dominik Busch nach der Uraufführung in Basel inszeniert wird. Regisseur Pascal Wieandt und die Bühnen- und Kostümbildnerin Christine Bertl arbeiten mit minimalen Mitteln und erzielen eine maximale Wirkung. In Szene gesetzt wird alles von nur drei Schauspielern, die in unterschiedliche Rollen schlüpfen: großartig Violetta Zupancic als Nadja und Diego, Anführer der Terrormiliz, wobei sich nicht ganz erschließt, weshalb sie auch diese Männerrolle spielen muss, zumal dieselbe Figur ja auch noch von den beiden anderen Schauspielern verkörpert wird. Ebenso überzeugen Valentin Klos als Alvaro, Filmassistent Simon und Diego sowie Frank Albrecht als Nadjas Vater und Diego. Langanhaltender Beifall für einen Theaterabend, der unter die Haut geht. Termine Nächste Vorstellungen am 28., 29. und 31. Mai sowie am 1. und 2. Juni um 20 Uhr im Theaterhaus in G 7 in Mannheim.