Adventskalender RHEINPFALZ Plus Artikel Was die Bücher-Börse im Rathaus-Center bewirkt hat

Centermanager Christoph Feige mit Sirikit Schorer und Gudrun Völker (Vorstand Saluma) bei der Bücherbörse im Rathaus-Center.
Centermanager Christoph Feige mit Sirikit Schorer und Gudrun Völker (Vorstand Saluma) bei der Bücherbörse im Rathaus-Center.

Der Countdown läuft: Am Jahresende schließt das Rathaus-Center – 42 Jahre nach seiner Eröffnung. Ab 2022 wird der Abriss des 72 Meter hohen Rathausturms eingeleitet. Das schafft Planungssicherheit für den Rückbau der Hochstraße Nord, spart Zeit, Geld und vereinfacht die Entwicklung des Quartiers City West. Wie bewegt Ludwigshafener der Abschied? Heute öffnen wir das Türchen für die Selbsthilfegruppe Analphabeten.

Jahre lang ist sie eine Tradition im Rathaus-Center gewesen: die Bücher-Börse der Selbsthilfegruppe Analphabeten Ludwigshafen-Mannheim (Saluma). Einmal im Jahr hat der Verein in der Woche vor dem Welttag des Buches am 23. April, im Rathaus-Center Bücher gesammelt, um diese an ihrem Ehrentag an interessierte Menschen zu verschenken. Die traditionelle Bücher-Börse erfreut sich dabei großer Beliebtheit, wie Elfriede Haller berichtet, die seit 30 Jahren an der Volkshochschule Ludwigshafen erwachsene Menschen unterrichtet, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben.

Angefangen habe alles mit einem Leseclub, in dem erwachsene Leseanfänger geeignete Bücher lasen. Kooperationspartner sei dabei die Stiftung Lesen gewesen, die wiederum für den Welttag des Buches verantwortlich ist, wie Haller berichtet. Dieser findet traditionell am 23. April, dem Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes, statt. So ist es Haller zufolge in Spanien üblich, sich an diesem Tag Bücher und Rosen zu schenken. Ganz nach spanischem Vorbild sei ein Gründer der Ludwigshafener Gruppe vor über zehn Jahren an besagtem Tag durch die Stadt gezogen und habe Bücher verschenkt. Im darauffolgenden Jahr habe die Gruppe dann im Rathaus-Center Bücher auslegen dürfen, die sich Lesewillige als Ostergeschenk mitnehmen durften.

Weil die Aktion so gut ankam, konnten die Bücher ein weiteres Jahr später in den Geschäften abgegeben werden. Haller berichtet, dass sogar ein leerer Laden für die Gruppe zur Verfügung gestellt wurde, um die Bücher zu lagern und zu sortieren. „Das war eine tolle Sache“, sagt sie. „Lerner, die nicht gesehen werden wollten, konnten so trotzdem im Lager mithelfen.“ Am Welttag selbst herrschte dann reger Andrang: „Das war unglaublich. Kaum war ein Container draußen, musste man schon wieder für Nachschub sorgen“, erzählt Haller. Weil dadurch jedoch kaum Gespräche zustande kommen konnten, entschied sich die Gruppe, in besagter Woche die Bücher selbst zu sammeln – so wie es seitdem ist.

Rosen-Resli wiedergefunden

Die Alpha-Trainerin blickt auf viele schöne Begegnungen im Center zurück: So erzählt sie von einer Dame, die während der Bücherwoche auf einem Stapel uralter Bücher das Rosen-Resli erblickte. Sie nahm es mit, schenkte es ihrer Mutter einen Tag später zum 86. Geburtstag und berichtete anschließend, dass diese damit so glücklich gewesen war, dass sie das Buch gar nicht mehr aus der Hand gab. Auch eine Mitarbeiterin eines Ladens im Center habe die Bücher-Börse sehr glücklich gemacht, wie Haller erzählt. Sie habe explizit nach Büchern von Remarque gefragt. Das eher ungewöhnliche Anliegen habe sich die Gruppe aufnotiert und am Ende acht Remarque-Bücher für sie zur Seite legen können, woraufhin sich die begeisterte Frau mit freiem Kaffee für ein Jahr revanchierte.

Unterstützung aus dem Center hat die Gruppe viel erfahren. „Dass uns das alles vom Centermanagement ermöglicht wurde, das ist toll“, sagt Haller. Auch der Standort sei goldrichtig gewesen. Obwohl es generell sehr schwierig sei, die Zielgruppe zu erreichen, sei dies im Center gelungen. „Betroffene haben sich eher getraut, mal bei uns ein Buch mitzunehmen“, erzählt die Kursleiterin. Einige davon seien so Teil der Gruppe geworden. Und auch die mitwirkenden Betroffenen haben Haller zufolge von der Bücher-Börse profitiert. „Die Aktion hat ihnen einen unheimlichen Selbstbewusstseinsschub gegeben, weil sie über ihr Thema reden konnten“, berichtet die Kursleiterin. Und das schlägt sich auch in sichtbarem Erfolg nieder: So können laut Haller mittlerweile einige Betroffene eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. Und das, weil sie sich durch die Aktion nun mehr zutrauen.

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